Track-Test IDM-Superbike-MV Agusta Der Mythos kehrt zurück

Keine andere Marke genießt einen solch legendären Ruf in Rennfahrerkreisen wie MV Agusta. Nach fast 30 Jahren greift MV wieder an. In der IDM-Superbike-Klasse mit Pilot Jörg Teuchert.

Foto: fact
Hockenheim und MV Agusta. 1973 gewann hier ein gewisser Phil Read auf einer 500er-MV den Grand Prix und später einen der 37 WM-Titel für die legendäre Marke aus Oberitalien. Heute darf ich
MV Agusta fahren. In Hockenheim, und ein Weltmeister ist auch dabei: Jörg Teuchert, Ex-Supersportchamp und MV-Pilot in der Superbike-Kategorie der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) auf einer für den Rennbetrieb umgebauten Straßen-F4 1000. Da läuft einem schon ein leichter Schauer über den Rücken. Zumal das Wetter einen Ehrfurcht gebietenden Wasserfilm auf die badische Piste gelegt hat, der dem Fahrtest einer 180-PS-Rakete naturgemäß Grenzen setzt.
Was tun? Warten und Jörg ausquetschen, was er gegenüber dem Serienpendant geändert hat. Jörg sprudelt los:
»Alles. Anderes Gabel-Set-up von White Power, neues Federbein, Schwingendrehpunkt sowie Heck viel höher, noch höhere Sitzbank. Und das Anti-Hopping-System habe ich sofort rausgeschmissen, das funktionierte nicht konstant.« Natürlich wurde für den Renneinsatz abgespeckt, Verkleidung, Bremsscheiben und Räder durch leichtere Teile ersetzt, ein Titanauspuff spart mehrere Kilo, dazu Karbontank, Magnesiumschwinge, Magnesiumschwingenlagerungen. »Wir sind immer noch gut zehn Kilogramm zu schwer«, konstatiert Teamchef Detlev Hailfinger, »aber das macht nichts, denn wir haben den besten Fahrer.« Und meint mit einem leicht diabolischem Lächeln an mich gerichtet: »Du kannst jetzt fahren, wir haben dir Regenreifen aufgezogen.«
Au Mann, nasse Strecke, Regenreifen, über 180 PS, und dann noch Jörgs Set-up. Kann das gut gehen? Es muss. Also rauf auf den Bock, und ab geht’s. Bock ist das richtige Wort, denn auf Jörgs MV thront man in gefühlten 90 Zentimeter Höhe,
fast wie auf einer Sportenduro. Das wäre nichts für mich. Dafür versöhnen die
Federelemente mit feinstem Ansprechverhalten und guter Rückmeldung auch bei diesem miesen Wetter.
Obwohl das Handling von den ultraweichen Dunlop-Regenreifen geprägt wird, fällt es sehr leichtfüßig und dennoch
zielgenau aus. Die Bremse lässt sich
fantastisch dosieren. Während ich nur
vorn bremse, setzt Jörg zusätzlich eine an
den linken Lenkerstummel angebrachte Daumenbremse ein. »Damit kann ich sauber in die Kurven reinrutschen«, lautete sein Kommentar. Ich bin froh, wenn nichts rutscht. Und es rutscht auch nichts, was nicht etwa an einem lahmen Motor, sondern an den Dunlops liegt. Sie haften im Feuchten unglaublich. Das MV-Renntriebwerk überzeugt. Sauber abgestimmt, mit viel Bums in der Mitte und richtig Qualm bis über 13000/min. Da geht deutlich mehr als bei der Serienmaschine. Enttäuschend ist höchstens der Sound, aus der Vierrohr-Orgel kommen nur moderate Töne.
Endlich trocknet die fahle Sonne die Strecke ein wenig ab, und ich kann der MV die Sporen geben. Ab dem vierten Gang bleibt das Vorderrad unten. Das Motodrom geht komplett im dritten, auf der Bremse abwinkeln und die Zielgerade runterfetzen, die MV zaubert ein Siegerlächeln unter
den Helm.
Das hatte Phil Read vor 32 Jahren
sicher auch bei seinem WM-Sieg. Weltmeister kann man mit der IDM-MV freilich
nicht werden. Doch sie ist ein erster Schritt auf dem Weg zum Titel.

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