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MOTORRAD 18/2015: Triumph T100 Racer in Scheunenfund-Optik.

Triumph T 100 Racer 1947 Mit Neuem nix am Hut

Bei der Geburtsstunde der Triumph T 100 Racer 1947 standen zwei Räder auf einer Werkbank. Oder waren es vielleicht doch zwei Kisten Bier?

Sie wissen es nicht mehr. Verdammt! Edelstahlschlosser Crazy Harry, der sich seinen Namen durch unmöglich erscheinende Stahlkon­struk­tio­nen verdient hat, ist der Meinung, dass zuerst diese Kawa-Felgen aus einer 1978er-Z 650 auf seiner Werkbank standen und damit alles anfing. Sein Freund Philipp hingegen meint, es wäre der Tank gewesen, der den Objektstart verursacht hätte. Oder doch vielleicht der alte Motor, der seit Jahren im Eck stand? Wie auch immer, es war Bier mit im Spiel, viel Bier sogar. 

Doch der Reihe nach. Philipp Seibel verdient sein Geld mit Schuhdesign. Genauer gesagt, zeichnet und konstruiert der Pfälzer in der Nähe von Landau Damenschuhe für diverse Label. Darauf angesprochen, brummt er: „Der Job ist völlig okay, um Geld zu verdienen. Aber wenn ich Spaß haben will, baue ich Autos, Möbel und Motorräder.“ Philipp hat viel Spaß: Neben riesigen Bergen von Motorradteilen stehen in seiner Garage/Werkstatt, derzeit auch fahrbare Kräder: Montesa, GasGas, Italjet, BSA, Honda NSR 125 sowie zwei Triumph. „Und dieses Projekt natürlich“, grinst er. Das „Projekt“ hat auch einen Namen: Racer 1947. Und einen Ursprung, der leider immer noch nicht so ganz klar ist.

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Philipp ist verstrahlt

Chronologisch erzählt wäre er so: Philipp ist verstrahlt: Mit 15 sieht er einer alten Triumph Bonneville hinterher. Verliebt sich in ihr Charisma und den Sound. Drei Jahre später kauft er seine erste Triumph, eine Tiger 650, und zwar auf der Veterama. In Teilen. Leider war sie nicht vollständig. „Ich habe drei Jahre lang die fehlenden Teile zusammengesucht, bis sie endlich lief.“ Die Veterama übt eine magische Faszination auf ihn aus. Wie im Übrigen alle Teilemärkte, denn Philipp kann sich nur für alte Dinge begeistern. „Mit neuen hab ich nix am Hut“, sagt der 47-Jährige. 

Dazu passt auch sein Auto, ein Ford F100, Baujahr 1955. Vor einigen Jahren – es müssen viele gewesen sein – schleppte er wieder mal einen gebrauchten Motor von der Teilebörse heim: Einen luftgekühlter Triumph-Zweizylinder aus einer T120, mit 650 Kubik. Optisch verlebt, technisch fraglich, 600 Mark. Katze im Sack.

Dieser Antrieb, das Herzstück des Racer 1947, stand jahrelang staubfangend in der Werkstatt. Und Philipp mit seinen Freunden biertrinkend daneben. Denn, O-Ton: „Wenn ich mal nicht gerade rauche, dann trinke ich Bier.“ Beides ginge übrigens auch gleichzeitig. Auch wenn es jetzt vielleicht nicht den Anschein hat – Philipp und Crazy Harry sind Lichtjahre von strauchelnden Alkoholikern entfernt. Es sind helle Köpfe mit unglaublichem Pioniergeist, Improvisationstalente und begnadete Techniker.

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Peanut-Tank einer alten Harley + Kawa-Gussfelgen

Irgendwann stieß Philipp auf den cool geairbrushten Peanut-Tank einer alten Harley, der in einem Regal verstaubte. Und weil er diese Art Eingebung auch bei seinen Schuhkreationen hat, sah der Dragster-Fan gedanklich voraus, was aus dem Tank in Verbindung mit dem alten Motor entstehen würde: „Mein erstes Bild war eine Dragster-Maschine aus den 1960ern, optisch so gestaltet, als hätte sie jemand in eine Scheune geschoben, 50 Jahre lang vergessen und jetzt wiederentdeckt.“ Den alten T100-Rahmen hierzu fand er bei einem Kumpel, der mit historischen Triumph-Teilen handelt. Das Rahmen-Baujahr bestimmte letztlich auch den Projektnamen: 1947. 

Zeitgleich lagen bei Crazy Harry ein paar verwitterte Kawa-Gussfelgen auf dem Tisch, die hervorragend zum Projekt passen würden. Und so schmiedeten die beiden an jenem Abend beim Bier den Plan, einen Racer 1947 zu bauen. Was letztlich am Anfang stand – egal. Aber wie er werden sollte, darüber war man sich einig: lässige Optik, extrem verlebt, wenn möglich nur alte Schrauben und gebrauchte Teile verbauen. 

Sofort rollt der Beschaffungs-Tourismus auf Hochtouren. Ein um zwölf Zentimeter verlängerter Heckrahmen wird in England gekauft, Gabel, Bremsanlage und viele Kleinteile werden bei Ebay ersteigert, und fortan verbringt Philipp mehr Zeit auf Teilemärkten als daheim. Auch wenn das Endresultat auf Ahnungslose wild zusammengeschustert wirkt, so ist doch jede Kleinigkeit präzise durchdacht: „Für einen alten Kupplungshebel mit original Plastik-Schutzüberzug aus den Siebzigern zahle ich gern das Doppelte wie für einen ohne“, sagt Philipp. 

Warum ist die Kiste so verrostet?

Das dicke Ende stand jedoch gleich am Anfang: „Als ich den Motor damals gekauft habe, dachte ich: Dreht sich, na super, so schlimm kann’s nicht sein. Doch als wir den zerlegt haben, war sofort klar: Außer Block und Getriebe muss alles neu werden. Auch wenn wir außen alte, vernudelte Schrauben verwendet haben – innen ist quasi alles neu: Kurbelwelle, Pleuel, Kolben, Zylinder, Zylinderkopf, Stirnräder, Primärtrieb, Kupplung . . .“ Im Sommer 2014 rückt der Racer 1947 zum ersten Mal ins Licht der Öffentlichkeit: Er steht auf den Tridays. Und leider auch viele davor, die die Idee dahinter nicht kapiert haben: „Warum habt ihr den Lack vergessen? Warum ist die Kiste so verrostet?“ Harry und Philipp sind sprachlos: „Wie soll man sonst den Effekt erzielen, ein Motorrad zu bauen, das vergessen worden ist?“

Zum Fahrtermin und Fotoshooting transportiert Philipp sein Baby auf der Ladefläche seines Ford. Nach nur drei beherzten Kicks springt der Twin an, läuft rund und grollt kernig. „Die Zulassung fehlt noch, ist aber in Arbeit“, grinst Philipp. Alles bis auf den Auspuff sei TÜV-konform und bereits abgesegnet. Er hockt ein wenig unentspannt, die Rasten weit hinten, der Lenker schmal, der Oberkörper vorgebeugt. „Egal, ich bin nicht am Tourenfahren interessiert“, winkt Philipp ab, zieht am Kabel und verschwindet im Off. Crazy Harry spürt das Begehren im Blick der Umher­stehenden: „Wir haben uns das überlegt und werden unter dem Label ‚Early Bird Bikes‘ pro Jahr fortan zwei bis drei Motorräder bauen.“ Das Feuer vom Anfang könnte sich bald zu einem größeren Brand ausdehnen . . .

Technische Daten

Motor: Triumph T120, Baujahr 1971, 650 cm³, 1973er-Zylinder, 1967er-Kopf, 1971er-Rumpfmotor, 750er-Trident-Kickstarter.

Fahrwerk: Rahmen: 1947er-Triumph T100, Peanut-Tank von Harley-Davidson, Ölausgleichsbehälter Eigenbau, Gabel aus 1972er-Honda CB 250, Felgen aus 1978er-Kawasaki Z 650, vordere Bremsanlage Honda CB 550, Baujahr 1976, hinterer Bremssattel Hercules K50, Fahrradlampe 12 Volt, Fußrasten Moto Italia (ehemals für eine Honda Bol d‘Or).

Infos:
Preis: wird nicht verkauft
Kontakt: Early Bird Bikes, Telefon 01 73/2 30 38 64. 

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