Triumph TT 600: Technik (Archivversion) Triumph Bonneville

Stellen Sie sich vor, Sie sind Versuchsfahrer eines bekannten Motorradherstellers, bewegen täglich streng geheime Prototypen, die nicht getarnt sind, im öffentlichen Straßenverkehr – und keiner merkt’s. Kann nicht sein? Kann doch sein, wie die Mitarbeitern in der Dauererprobung von Triumph neuestem Erlkönig, der Bonneville, bestätigen. Denn die Neue gleicht der Ur-Bonneville von 1965 wie ein Ei dem anderen. Nicht Zufall, sondern volle Absicht verbirgt sich hinter dieser Philosophie, und die scheint aufzugehen. Zumindest, was die Erfahrungen der Tester betrifft. Begeistert stehen vorwiegend Herren mittleren Alters vor der vermeintlich alten Bonneville und kommen ins Schwärmen. Genau die Klientel also, die John Bloor mit der neuen Bonnie erreichen will. »Old Boys wie ich, die sich ein klassisches Motorrad mit moderner Technik wünschen. Oder Wiedereinsteiger«, sieht er als zukünftige Kunden. Auf starke Parallelen zur Kawasaki W 650 angesprochen, gibt John Bloor freimütig zu: »Als wir das Motorrad das erste Mal sahen, waren wir erstaunt. Wenn wir die Kawasaki vorher gekannt hätten, wäre die Bonneville vielleicht nicht entstanden.« Doch auch wenn die Bonneville dem fernöstlichen Retrobike konzeptionell sehr ähnlich ist, hat sie zumindest der Papierform nach Vorteile zu bieten. Demnach leistet der luft-/ölgekühlte, 800 cm3 große Paralleltwin 60 PS, also die zehn Pferdstärken mehr, die man sich bei der Kawasaki W 650 wünscht. Zwei Ausgleichswellen sollen die Massenkräfte der beiden gleichzeitig auf- und abwärts oszillierenden Kolben im Zaum halten und so für gute Laufkultur sorgen. Überhaupt hat das Triebwerk ein modernes Innenleben. Zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen betätigen über Tassenstößel jeweils vier Ventile pro Zylinder. Der Primärantrieb erfolgt bei der aktuellen Bonnie über Zahnräder. Die Schaltbox, die in Anlehnung an den Vorfahren zumindest optisch wie ein separates Gehäuse wirkt, ist ins Motorgehäuse integriert. Bei der Gemischaufbereitung verzichteten die Konstrukteure dagegen auf eine zeitgemäße Einspritzung und zollten mit Keihin-Vergasern dem klassischen Look Tribut. Nur ein ungeregelter Katalysator reinigt deshalb die Abgase.Selbstverständlich kommen beim Fahrwerk mit dem Doppelschleifenrahmen und der Scheibenbremse im Vorderrad moderne Komponenten zum Einsatz, die auch bereits die späten Bonneville der siebziger Jahre besaßen . Anders dagegen die Gehäusedeckel des Motors und die Anbauteile: Das Lampengehäuse, der Tank samt Lackierung, der herzförmige Seitendeckel sowie die Abdeckung des Primärantriebs, die Sitzbank und die Auspuffanlage halten sich streng an die formalen Vorgaben des Originals aus den Sechzigern. Selbst Details wie die perforierte Blende des Luftfilters, die Embleme an Tank und Seitendeckel, die Halterungen der Schutzbleche und das Rücklicht entsprechen exakt dem Vorbild. Lediglich an der Gabel entfallen die ehemals charakteristischen Faltenbälge – die Designer behielten hier die Oberhand. Ergonomisch kopiert die neue Bonnie ebenfalls die alte Generation. Der halbhohe Lenker mit moderater Breite und die traditionell relativ weit vorn angeordneten Fußrasten ermöglichen eine entspannte Sitzposition. Weitere Attribute wie das Gewicht von vollgetankt zirka 210 Kilogramm, die schmale Bereifung und das Triebwerk, das dank moderater Literleistung auf eine sanfte Leistungsentfaltung schließen lässt, sollen insgesamt für Entspannung im Fahrbetrieb sorgen. Bleibt zu hoffen, dass der legitime Nachfolger der Bonneville hält, was die Vorgaben versprechen. Dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich nicht nur in der anglophilen Fraktion Anhänger finden, sondern auch unter denjenigen, die beispielsweise einer Yamaha XS 650 nachtrauern.

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