Überlebt: Harley Destroyer (Archivversion) Eugen, der Zerstörer und ich

»I am Gene, Super Gene«, sagte er – und von da an war klar, wie der Tag verlaufen würde. Abends mussten wir dann sehr viel trinken.

Wie gnädig die englische Sprache doch ist: Man stelle sich nur mal vor, es stünde einer Stars-and-Stripes-
geschmückt auf der Rennstrecke, formte seine Augen zu Schlitzen, sein Gesicht
zur Faust und die Lippen zu den Worten: »Ich bin Eugen, Super Eugen! Und ich
werde euch heute zu Drag-Profis machen.« So ’ne Figur hätte schlagartig komplett verwachst. Gene Thomason, Harley-Racer und Leiter einer Drag-Racing-Schule, kann seinem Herrgott danken, in den USA
geboren zu sein – wo ein Eugen gar nicht weiß, wie albern Super Eugen klingt.
Als Kind war Gene bestimmt mal ganz nett, aber das war vor der Hornbrille und ist so lange her, dass wir es im Folgenden ignorieren können. Er steht also vor uns, Mister Super Gene, auf dem eingekleisterten Drag Strip des California Speedway, und gibt den Vollgas-Professor. Sein Auftrag: zwei Dutzend Motor-Journalisten in die Geheimnisse des ersten Seriendragsters der Geschichte einzuweihen. »The all new« Harley-Davidson VRXSE Screamin’ Eagle V-Rod Destroyer. Den schnellsten Ofen, den Harley je in nennenswerter Stückzahl aufgelegt hat. 600 sollen es
werden, 20 davon sind für Deutschland bestimmt – und bereits verkauft. »Not for street use«, versteht sich.
»Was wir hier feiern, ist kein Kindergeburtstag«, doziert Gene. »Ihr werdet ein 165-PS-Geschoss abfeuern, 7000 Umdrehungen im Anschlag. Ein kreischendes Monster, das die Viertelmeile in weniger
als zehn Sekunden abwickelt – wenn ihr checkt, was das heißt.« Was wir auf jeden Fall checken, ist, dass uns Super Gene
allesamt für rechte Nasen hält, keine davon würdig genug, den Destroyer auch nur anzulassen: volkstümliche Schlümpfe in froher Erwartung des ultimativen Quartermile-Thrills. Für einen wie Eugen, der sich normalerweise bei den Top Fuel Harleys in den 6er-Zeiten rumtreibt, der Horror.
Nichtsdestotrotz läuft die ganze Sache auf etwas in der Art hinaus. Tatsächlich plant Harley, einen Destroyer Cup auszuschreiben, der Amateuren den Zugang zur Viertelmeile erleichtern und dem Image der Marke eine Portion Speed verpassen soll. Außerhalb der Staaten hat sich ja kaum herumgesprochen, dass Milwaukee nicht nur Stationärmotoren hervorbringt. Das könnte der Destroyer jetzt richten, doch Super Genes Lehrplan ist noch nicht durch. Gründlich lässt er sich vorführen, dass der Schlumpf als solcher mit einer normalen Harley Gas geben, geradeaus fahren und burnen kann. Später am Tag wird auch klar, warum – und wie Unrecht wir Eugen zwischendurch getan haben.
Wer zum ersten Mal im Sattel eines Zerstörers sitzt, vergisst unter Umständen sogar das Atmen. Schreiender Adler – von wegen: brüllende Horde rabiaten Getiers! 1300 Kubik, Verdichtung 14 zu eins, 58er-Ansaugschlünde und null Schalldämpfung. Wie war das jetzt mit dem Schalten? Erster Gang zu Fuß, den Rest per Daumen, und zwar ohne Kupplung, immer dann, wenn es blitzt. Wollte ich das wirklich? Wieso habe ich nichts Vernünftiges gelernt?
Warum sitze ich jetzt nicht beim Friseur und lass mir die Haare ondulieren? Gene,
Eugen, lieber Herr Thomason, bitte, bitte, mach diese Maschine wieder aus.
Reiß dich zusammen, Schulzi! Burn das Ding, tu jetzt so, als würdest du täglich ’ne »7-inch«-Drag-Wurst braten, stell den Hahn auf Anschlag, lass die Lock-up-Kupplung schnalzen und sieh zu, dass
du die Hütte da vorn straight im Visier
behältst, egal, wie lausig die Fuhre anfangs um ihren fast plattfüßigen Hinterreifen eiert. Genau wie Gene gesagt hat. Überschlagen geht nicht, bei so ’ner Wheelie Bar, außerdem haben die den Drehzahlbegrenzer bei gezogener Kupplung zunächst mal so programmiert, dass man gar nicht zu viel Gas geben kann.
4000 Umdrehungen, Anschlag, das Geschrei wird unerträglich. Blöde Ampel, brenn schon. Ah, erstes gelbes Doppellicht, ab dem zweiten wird’s ernst und dann so schnell grün, dass mir die Drehzahl vor Schreck fast in den Keller rasselt. Fußrasten – wo? Blitz, Daumen, ohhh – warum fährt der Eimer jetzt doch Richtung Hecke? Die Hütte am Ende des Strips,
hattest du sie im Blick? Blitz, Daumen, Blitz, Blitz, Schnitt, Ende. 402,34 Meter, über Zeit und Geschwindigkeit hüllen wir den Mantel des Schweigens. Es ging ums Überleben und sonst nichts. Nur so viel: Mit der Screamin’ Eagle Fat Boy war ich nicht viel schneller... Und wenn mich einer nach der gefühlten Power fragt: unvorstellbar, Leute. Das müsst Ihr erleben!
Super Gene war am Ende auch sehr zufrieden, weil kein Schlumpf an seine
famosen 9,19 Sekunden herankam.

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