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Ulrich Axler und seine Norton 16 H Magie des Ehrlichen

Ein traditionsbewusster Schuhmacher lebt in Lübeck seinen Traum vom ehrlichen Handwerk. Mit seiner englischen Lady, der Norton 16 H von 1936 als Alltags-Oldie.

Mein Freund Peter gab mir den heißen Tipp: „Ulrich ist Schuhmachermeister, bei ihm steht eine alte Vorkriegs-Norton im Laden, mit der er regelmäßig fährt.“ Okay Peter, Interesse geweckt. Zwei Tage später ist Ortstermin in der Brandenbaumer Landstraße 69 in Lübeck. Hier wirkt die sonst so malerische Weltkulturerbe-Stadt ganz bescheiden. Eine Ausfallstraße aus der Hansestadt, die zu DDR-Zeiten schnurstracks auf die schwer abgeschirmte Grenze zulief. Vor dem Gebäude aus ­rotem Backstein-Klinker stehen Strand­körbe, die Küste ist nah. „Schuhmacher Ulrich Axler“ steht über der Tür.

Ein groß gewachsener, fröhlicher Mittfünfziger (Jahrgang 1961) tritt aus der Tür, trägt schwarze Klamotten und eine grüne Schürze. „Hallo, ich bin Ulrich“, begrüßt er mich freundlich. Und sieht ein bisschen aus wie der zehn Jahre ältere Wolfgang Niedecken von BAP in jüngeren Jahren. Auch Ulrich stammt aus dem Rheinland, aus Neunkirchen, einem „kleinen Kaff“ in der Nähe von Bonn, wohnt aber schon lange im hohen Norden. Er führt mich durch seinen großen Laden, den er 1987 übernahm. Dies hier ist eine Schuhmacherei von altem Schrot und Korn, Gegenentwurf zu Mister Minit & Co. „Ich bin einfach old fashioned“, bekennt Ulrich. 

Es riecht nach Lack, Leder, Gummi. Wir passieren Reklametafeln aus den 60er-Jahren mit Aufschriften wie „Continental Absätze: enorm haltbar“ und pittoreske Apparate zur Erweiterung von Schuhen. Der NDR drehte hier einen TV-Beitrag zum Thema „Handwerk im Wandel“ fürs Schleswig-Holstein-Magazin. „Diese alte Adler-Nähmaschine funktioniert astrein, kommt selbst durch dicke Ledertaschen.“ Besonders be­geistert er sich für seine Hardo-Maschinen aus Bad Salzuflen: Zum Schleifen, Durchnähen, Polieren und Pressen mit drei bar Druck. Im Aufenthaltsraum kann der 54-Jährige sich in seinem Ein-Mann-Betrieb zurückziehen und hier seine Norton 16 H aus dem Jahr 1936 bewundern.

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Foto: Schmieder
Und Besitzerstolz außerhalb der Schuhmacherei.
Und Besitzerstolz außerhalb der Schuhmacherei.

Fast 80 Jahre alt, 14 PS, seitengesteuert

Die fast 80 Jahre alte Norton 16 H strahlt in diesem Umfeld eine würdevolle Ruhe aus, umgeben von Norton-Werbeschildern und der originalen Bedienungsanleitung auf Englisch. Das H stand ja für „Home market“, Nortons Heimatmarkt. Die 16 H war Nortons am häufigsten und am längsten, von 1911 bis 1954, hergestellte Baureihe: Allein rund 100.000 Stück gingen als WD 16 H („War Department“, Kriegsabteilung) ab 1936 ans britische Militär. Sie band zwar eine Menge Produktionskapazität, spülte aber auch viel Geld in die notorisch leeren Norton-Kassen. „Dieses Modell war massenhaft in olivgrün im Krieg“, berichtet Ulrich, „weil es gutmütig war und unverwüstlich. Viele Exemplare fuhren danach zivil umgebaut weiter.“

Er liebt seine 14 PS starke, seitengesteuerte 500er. „Alle 16 H-Modelle hatten eine 79er-Bohrung und 100 Millimeter Hub.“ Rost ist an der altehrwürdigen Lady kein Fremdwort, Ölnebel auch nicht. Sie ist eben kein Ausstellungsstück, trägt ehrliche Patina. „So, wie sie hier steht, fahre ich sie auch, mit Zulassung und TÜV.“ Und mit Bremse links und Fußschaltung rechts, samt erstem Gang oben. „Daran habe ich mich schnell gewöhnt.“

Immerhin hat sie schon einen modernen Gasdrehgriff, Zündverstellung links am Lenker, Luftzufuhr rechts. Smiths-Tacho und Amperemeter funktionieren. Was Ulrich an seiner Norton 16 H so mag? „Das ist alles begreifbare, sagenhaft einfache Technik.“

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Foto: Schmieder
In­zwischen ist das Problem aber behoben.
In­zwischen ist das Problem aber behoben.

An der Norton 16 H macht Ulrich die Wartung komplett selber: „Bremsen überholen, neue Kette, das Übliche. Zündung einstellen ist ein Kinderspiel. Um den Kopf runterzunehmen, etwa um die Kopfdichtung zu wechseln, sind bloß neun Schrauben zu lösen. Dann kann man auch in aller Ruhe die Ventile einstellen.“ Einmal musste er das Getriebe ausbauen, weil ein Riss im Gehäuse war. So konnte er die tatsächlich tadellosen Zahnräder kontrollieren.

„Die 16 H ist ein einfaches und günstiges Fortbewegungsmittel. Sie läuft super, mit guter Gasannahme. Für ihre Epoche rennt die Norton 16 H wie der Teufel; man muss sich nur mal trauen, runterzuschalten, dem alten Bock auch mal die Sporen zu geben.“ Lang gestreckt und flach sei sie, „der tiefe Schwerpunkt ist das A und O für gutes Fahrverhalten“. Auch die Ersatzteilversorgung sei sichergestellt, „es gibt fast alles noch, zum Teil original in braunem Wachspapier“. Ein dachförmiger Kolben komplett mit Ringen koste nur rund 100 Euro. Den Zylinder mit 40er-Übermaßkolben ließ der Handwerker ausschleifen.

Innerhalb von wenigen Kilometern traten gleich zwei Kolbenklemmer auf, „mit schlimmen mechanischen Geräuschen. Aber das konnte doch nicht sein, so kurz hintereinander“. Des Rätsels Lösung? „Bei der Montage hatte ich aus Versehen mit der Dichtung eine Bohrung abgedeckt. Über sie gelangt Öl vom Zylinderfuß zu den Laufflächen des Kolbens.“ Problem erkannt, Gefahr gebannt. Auf Dauer.

„Ansonsten ließ die Norton 16 H mich nie im Stich, ist voll alltagstauglich.“ Rund 9000 Kilometer in 20 Jahren fuhren die beiden zusammen. Ulrich kaufte sie einst für 3500 Mark von einem Engländer-Spezialisten bei Lübeck: „Ich sah immer die Leute auf englischen Mopeds durchs Dorf tuckern und wusste gleich: So etwas passt zu mir, mit einem Sound wie ein Lanz Bulldog.“

"Die Norton 16 H springt immer an

Zum Beweis kickt er sie an, bollert die Straße hoch und runter. Allerdings nervte ihn dabei doch der blaue Ölnebel im Abgas ein wenig. Ende 2014 fand er über eine Internet-Annonce einen identischen Ersatzmotor in Sachsen, „gleiches Baujahr, 1936!“ Er wurde für 400 Euro auf einer Holzpalette angeliefert, „hatte bloß 10er-Übermaßkolben, zeigte im Zylinder noch die Honspuren“. Im Winter schliff Ulrich die Ventile neu ein, spendierte dem Vergaser neue Dichtungen, Schieber und Düsen. „Jetzt ist alles wieder tipptopp.“

Er mag „ehrliches Metall“. Nur im Laden, da ist Leder sein Lieblingsmaterial. Apart sind seine Tierhaut-Proben bis hin zu Krötenleder und Schubladen voller Druckknöpfe und Schnallen. Zu Hause hütet der Familienvater Bienenvölker, ist Hobby-Imker. Tradition und Handwerk. Vater und Großvater waren schon Schuhmachermeister, gute Reparaturen zu fairen Preisen waren Ehrensache.

Gelernt hat Ulrich im väterlichen Betrieb in Siegburg, dann besuchte er die Meisterschule in Osnabrück. In seinen ­Betrieb baute er eine Absauganlage für Klebstoffdämpfe ein, wie man sie von ­Motor-Prüfständen kennt. Hand anlegen an Zweiräder lernte er früh, mit 14 besaß er eine Dreigang-Hercules. „Da packte ich neue Kolbenringe rein, doch danach lief sie eher schlechter“, gibt Ulrich ehrlich zu.

Seiner Lambretta TV 175 trauert er nach

Mit 18 Jahren kaufte er sich für 4800 Mark eine nagelneue Yamaha XT 500. Damit düste er durch Eifel und Bergisches Land („ich habe noch richtig Motorrad ­fahren gelernt“), bis sie dann in Holland geklaut wurde. Sein Faible für alte Fahrzeuge begann früh. Noch heute trauert ­Ulrich seiner Lambretta TV 175 vom Ende der 50er nach. „Das war wirklich ein toller Italo-Roller, doch 1999 habe ich ihn blöderweise verkauft. Heute ist er ein seltenes, super gesuchtes Modell.“ Dagegen war die ostdeutsche Schwalbe, die er mal für 250 Euro kaufte, echt gewöhnlich. Wo seine Begeisterung für alles Alte herkommt? „Das war schon immer so, ich bin Traditionalist.“ Charaktertypen favorisiert Ulrich auch bei Autos. Er hatte schon mit 20 einen Opel Rekord Olympia: „Der war mein Jahrgang, 1961, mit seitlichen Flaggen an der C-Säule.“ Sein Traum ist ein Volvo P 1800 S. Aktuell hat er einen riesigen Amischlitten, einen Chrysler New Yorker von 1964. Die feisten Eckdaten des V8: 6,8 Liter Hubraum, 340 SAE-PS. Ein 2,2-Tonner mit Trommelbremsen, der kom­plett ohne Elektronik auskommt, „dafür aber richtig Kraft von unten hat“.

2012 bekam seine alte Norton 16 H echte Konkurrenz: Ulrich entdeckte seine Liebe zur jüngeren italienischen Geliebten, einer Moto Guzzi V 35 Imola. „Im Originalzustand mit 27 PS – das reicht für die Fahrt mit meinen Kumpels auf Yamaha SR 500 über Landstraßen.“ Donnerstags fahren sie bei gutem Wetter gemeinsam zum Strand. „Das macht 'nen Riesenspaß, mit den alten Kisten über kleine Straßen zu cruisen – egal, ob mit Norton oder Guzzi. Dann trinkt man gemeinsam ein Bier und fährt ganz gemütlich wieder zurück.“

Die V 35 gehörte einer Kundin, die „immer im feschen einteiligen Leder-Anzug fuhr“. Ihr Mann war „Guzzi-Spezialist alter Schule“. Doch die Dame trennte sich aus gesundheitlichen Gründen vom Motorrad. Ulrich dachte zuerst, ihm wäre das Motorrad zu klein. Doch es passte. Original 30.000 Kilometer waren nicht viel, der Zustand okay: „Zuerst lief die Guzzi nicht, aber wegen Kleinigkeiten: Batterie laden, Vergaser reinigen, fertig.“ 1100 Euro machten Ulrich zum Guzzi-Eigner. Für ­zukünftig potenzielle Mehrleistung hat er noch den V2 einer Moto Guzzi V 65 parat. Bereits seit 15 Jahren macht Ulrich ambitioniert Musik, spielt E-Bass in der Band „Bluesm@il“. Schließlich geht es auch hier ja um ehrliches Handwerk und die Begeisterung fürs Authentische.

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