Umrüstung BMW F 800 S/ST

Auf dem Weg der Besserung

Bei diversen Tests war der Antriebsstrang der F 800 in massive Kritik geraten. Nun hat BMW reagiert und eine Lösung gefunden, die Schaltbarkeit des Getriebes sowie die Lastwechselreaktionen und das Geräuschniveau zu verbessern.

Die schlechte Nachricht in MOTORRAD 12/2006 lautete: »Die F 800 S klingt nicht nur wie ein Boxer, sie klonkt auch wie einer – und klackert und kracht fürchterlich aus dem Maschinenraum. Beim Gangwechsel, beim Lastwechsel, im Schiebebetrieb.« Monika Schulz gebrauchte im Top-Test des neuen Reihenzweizylinders deutliche Worte. »Nur selten und unter äußerster Konzentration gedeihen Schaltarbeiten in den ersten drei Etagen akzeptabel«, fuhr die stellvertretende Chefredakteurin fort. »Doch auch nach 2500 Testkilometern können wir nicht sagen, welche Sonne dafür in welchem Haus stehen muss. Gesichert ist nur die gemeine Erkenntnis, dass die Getrieberäder im Stand, nachdem der ungesund klingende Leerlauf überwunden ist, nahezu stumm zueinander finden. Tack, tack, tack, fertig. Das Einzige, was dabei zuckt, ist die Ganganzeige im Cockpit.« Herbe Kritik an einem Motorrad, an das nicht nur BMW hohe Erwartungen knüpft.

Und nun die gute Nachricht: Die Bayern haben zugegeben (siehe Interview mit Dr. Christian Landerl, rechte Seite), dass die Kritik berechtigt war und reagiert. Bei den geräuschvollen, als hart und ruppig empfunden Lastwechselreaktionen sieht BMW die Ursache in der Kombination aus geringer Motorschwungmasse und vergleichsweise großer Drehmasse im Sekundärantrieb. Angeregt durch die Ungleichförmigkeit des Motors bei niedrigen Drehzahlen, treten Schwingungen im Antriebsstrang auf, die über den Zahnriemen, der in Zugrichtung eine hohe Steifigkeit aufweist und wie ein Kardan kaum Eigendämpfung besitzt, auf das Getriebe zurückwirken. Die Lösung: Im Riemenritzel kommt künftig ein Ruckdämpfer zum Einsatz. Für die schlechte Schaltbarkeit macht BMW eine kleine Reibscheibe in der Kupplung verantwortlich, die die Aufgabe hat, beim Kuppeln die Getriebeeingangswelle abzubremsen, um so das störende »Klacken« beim Einlegen des ersten Gangs zu unterdrücken. Diese hätte allerdings auch bei den übrigen Gangwechseln die Welle abgebremst, weshalb das Getriebe als störrisch empfunden wurde. Die Reibscheibe fällt nun weg und wird durch eine Distanzscheibe ersetzt.

MOTORRAD hatte Gelegenheit, eine solchermaßen modifizierte F 800 Probe zu fahren. Beim Einlegen des ersten Gangs geht, wie man es etwa von einem japanischen Getriebe gewohnt ist, ein leichtes Rucken durchs Motorrad. Dafür lassen sich alle übrigen Gänge nun leicht und exakt rauf- und runterschalten. Außerdem kommen die Lastwechselreaktionen nicht mehr so geräuschvoll rüber und werden spürbar abgefedert. Alles in allem eine deutliche Verbesserung zur früheren Version. Ob das auf Dauer funktioniert, wird MOTORRAD an der Dauertestmaschine überprüfen.
BMW wird ab Januar 2007 alle F 800-Modelle mit dem Ruckdämpfer und der Distanzscheibe ausstatten. Bei Fahrzeugen, die sich bereits im Handel befinden, werden die Änderungen vor Auslieferung an den Kunden erledigt. Und F 800-Besitzer können sich ihr Motorrad kostenlos umrüsten lassen.
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Interview mit Dr. Christian Landerl

MOTORRAD-Testredakteur Norbert Kappes im Gespräch mit Dr. Christian Landerl (links), Leiter Projekte Reihenmotoren bei BMW und verantwortlich für den Antriebsstrang der F 800, der bisher durch ungebührliche Geräuschentwicklung und harte Lastwechsel auffiel
Erst die Kritik in den Testberichten hat Sie dazu bewegt, die Abstimmung des Antriebsstrangs zu überarbeiten. Waren Sie davor
wirklich zufrieden?
Im Grunde ja, denn sonst hätten wir die F 800 sicherlich nicht so in Serie gebracht. Selbstverständlich lässt sich an einem Motorrad immer etwas verbessern, und wir sind trotz Serienlauf bei jedem Modell permanent in einer Weiterentwicklung. Vielleicht haben wir im Hinblick auf den Antriebsstrang die Sache ein bisserl zu rosig gesehen. Wahrscheinlich haben wir bei internen Test- und Versuchsfahrten jene Fahr-
situationen, bei denen Sie Kritik am Lastwechselverhalten und der Schaltbarkeit übten, nicht mit der nötigen Sensibilität durchfahren. Meistens ist man ja doch eher flotter unterwegs. Nach Ihrer Kritik haben wir natürlich gerade diese Fahrsituationen nochmals nachgestellt und sind anschließend zu dem Schluss gekommen, dass die Kritik berechtigt war.
Schon im Frühsommer haben wir das Lastwechselverhalten der F 800 und die Schaltbarkeit des Getriebes bemängelt. Warum haben Sie erst so spät reagiert?
Zunächst einmal waren ja die ersten Presseberichte von der Präsentation in Südafrika sehr positiv. Deshalb gab es für uns keinen Grund, irgendetwas zu verändern. Erst bei den ausführlichen Tests kam Kritik auf. Und dann haben wir
eigentlich schnell reagiert. Sie dürfen nicht vergessen, dass alle technischen Änderungen bei uns einer Dauererprobung unterstellt sind, die Zeit erfordert. Wir suchten nach einer sinnvollen technischen Lösung und keinem Schnellschuss.
Haben sich auch F 800-Besitzer zu diesen Mängeln an der
F 800 geäußert?
Ja, allerdings erst, nachdem die Presse darauf aufmerksam gemacht hatte. So was lenkt natürlich die Aufmerksamkeit auf ein solches Thema.
Sie haben angekündigt, dass die Umrüstung auf die modifizierten Bauteile für die F 800-Besitzer kostenlos geschieht. Bis wann wird die Umrüstaktion abgeschlossen sein? Müssen die Kunden mit längeren Wartezeiten rechnen?
Wir gehen momentan davon aus, dass wir noch im Frühjahr, möglicherweise sogar bis zu Saisonbeginn unsere Umrüstaktion abgeschlossen haben. Zu Lieferengpässen bezüglich der Bauteile wird es aus heutiger Sicht wohl nicht kommen. Vereinzelt könnte es bei dem einen oder anderen Händler Terminprobleme in der Werkstatt geben. Aber das wird hoffentlich nur die Ausnahme sein. Abgesehen davon fährt ja das Motorrad auch so nicht wirklich schlecht, oder?

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