...Und ab geht die Luzie

Karsten Schwers, MOTORRAD-Testprofi, sagt, wie man beim Anfahren die letzten Zehntel rausholt. Optimale Messwerte erzielt man nur mit viel Routine, noch mehr Gefühl und dem richtigen Know-how.

Aus dem Stand
Die ersten Meter sind die wichtigs-
ten. Die meisten Zehntel werden
direkt beim Losfahren verschenkt, entweder durch zu träge Reaktionszeit oder durch schlechte Koordi-
nation beim Einkuppeln. Zunächst
einmal muss die Einkuppeldrehzahl stimmen. Hubraumstarke Maschinen sind in dieser Hinsicht relativ unkritisch. Sie haben schon im unteren Drehzahlbereich so viel Power, dass es entweder ein Wheelie oder Schlupf am Hinterrad gibt. Die Schwierigkeit ist eher, die Zugkraft geschickt zu begrenzen. Die Kupplung kann man recht zügig kommen lassen, danach muss man gefühlvoll mit dem Gas spielen.
Hubraumschwache Vierzylinder stellen eine größere Herausforderung dar. Um die maximale Zugkraft bereits aus dem Stand weg ans Hinterrad zu übertragen, muss mit sehr hohen Drehzahlen – nicht selten über 8000/min – die Kupplung schleifend eingerückt werden. Wenn die Kupplung zu schnell heraus-
gelassen wird, gibt es zwei Mög-
lichkeiten: Entweder kommt das Vorderrad blitzartig hoch, oder der
Motor fällt in ein Drehmomentloch. In beiden Fällen sieht man die
Konkurrenz nur noch von hinten. Solch extreme Belastungen setzen der Kupplung allerdings hart zu. Oft sollte man diese Spielchen deshalb nicht wiederholen, vor allem nicht direkt hintereinander.
Entscheidend ist natürlich, dass durch permanentes Dosieren von Kupplung und Gas das Vorderrad gerade noch am Boden gehalten wird. Bei den MotoGP-Profis be-
obachtet man häufig, dass sie beim Start das Vorderrad bis zur ersten Kurve fünf Zentimeter über dem
Boden halten. Das ist wahre Körperbeherrschung.

Schaltvorgänge
Ohne Schaltautomat, wie ihn Rennmaschinen besitzen, gibt es drei Möglichkeiten:
1. Gas schließen, dabei Kupplung ziehen, dann schalten, Kupplung raus, dabei Gas auf.
2. Gas stehen lassen, dabei Kupplung leicht ziehen, schalten, Kupplung raus.
3. Ganz kurz das Gas zurücknehmen, ohne die Kupplung zu ziehen, dabei schalten, sofort Gas wieder voll auf.
Bei allen drei Varianten sollte man schon kurz vor dem Gangwechsel den Schalthebel mit leichtem Druck nach oben ziehen. Nummer eins ist die klassische Methode. Nicht besonders schnell, dafür materialschonend. Die zweite Variante ist die brutale. Die letzte Möglichkeit halte ich für die schnellste. Bei einem schlechten Schaltvorgang können 0,1 bis 0,2 Sekunden verschenkt werden, was sich bei mehreren Schaltvorgängen logischerweise addiert. Lang übersetzte Motorräder mit viel Leistung haben daher Vorteile. Eine Kawasaki ZX-10R, bei der der erste Gang bis 150 km/h, der zweite bis 185 km/h reicht, benötigt nur zwei Schaltvorgänge bis 200 km/h. Bei kürzer übersetzten Maschinen muss man dagegen häufiger schalten.

Schaltpunkt
Bei den meisten Motorrädern wird erst kurz vor dem Drehzahlbegrenzer geschaltet. Der Fahrer muss also wissen, wann der Motor ans Limit kommt. Bitte nicht im Stand ermitteln, sondern unter Last in einem
etwas höheren Gang. Der Begrenzer setzt in der Regel erst im roten
Bereich des Drehzahlmessers ein. Kniffelig wird es bei Motorrädern, die erstens keinen Drehzahlmesser besitzen und zweitens keinen Drehzahlbegrenzer, wie einige Einzylindermaschinen. Singles sind ohnehin schwer zu beherrschen. Das maximale Drehmoment liegt meist schon im mittleren Drehzahlbereich an. Daher kann ein früheres Hochschalten zu besseren Werten führen als extremes Ausdrehen der Gänge.

Sitzposition
Grundsätzlich sollte der Fahrer so viel Gewicht wie möglich nach
vorne verlagern, um das Steigen des Vorderrads zu unterbinden. Das gilt nicht nur für leistungsstarke Motorräder, sondern gerade auch bei kurz übersetzten und solchen mit hohem Schwerpunkt wie die KTM 660 SMC.

Aerodynamik
Unter 120 km/h ist bei leistungsstarken Motorrädern eine maximale Beschleunigung eher durch die am Hinterrad übertragbare Zugkraft begrenzt. Darüber gewinnen die Fahrwiderstände, das heißt Roll- und Luftwiderstand, die Oberhand. Dann können insbesondere bei Naked
Bikes etliche Zehntelsekunden durch sauberes Zusammenfalten gutgemacht werden.
Die MOTORRAD-Werte werden auf abgesperrtem Gelände unter optima-
len Bedingungen und ohne Rück-
sicht auf das Material ermittelt. In freier Wildbahn spielen die letzten Zehntel dagegen kaum eine Rolle. Ob eine Kawasaki ZX-10R in 7,2
Sekunden oder 8,9 Sekunden auf 200 km/h beschleunigt wird, fühlt sich ähnlich brutal an: In beiden
Fällen geht es mächtig vorwärts. Also ab auf die nächste Autobahnauffahrt und Gaaaaaas!!!

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