Vergleich 34-PS-Cruiser (Archivversion) Kraftprobe–––––

Cruiser-Giganten im Trimm der Führerscheinklasse 1a: geschmacksneutrale Fahrspaßkiller oder leckere Appetithappen für Einsteiger? Ziehen Honda VT 1100 C3 und Kawasaki VN 1500 mit 34 PS noch die Wurst vom Teller?

Bigger is better, und Hubraum ist durch nichts zu ersetzen. Manch Führerscheinneuling folgt diesen alten Weisheiten und greift trotz der Beschränkung auf 34 PS zu einem großvolumigen Modell. Besonders beim Anblick der trendig gestylten Cruiser ist die Verlockung für den Zweirad-Novizen groß. Doch können die dicken Dinger ihren Schiffsdieselcharakter in 1a-konforme Gefilde retten, oder gibt sich der stolze Besitzer beim ersten Ampelstart der Lächerlichkeit preis?Entwarnung für Pessimisten und Vollgas-Junkies: Die Big Twins ziehen die Wurst trotz der leistungshemmenden Implantate noch vom Teller, aber natürlich nicht so vehement wie ihre frei atmenden Schwestern. Kein Wunder, gilt es doch jeweils rund sechs Zentner Masse zu bewegen. Damit entspricht das Leistungsgewicht inklusive Fahrer von elf bis zwölf Kilogramm pro PS in etwa dem eines 115 PS starken Opel Vectra. Nicht gerade ein Synonym für überschäumendes Temperament und Fahrdynamik, aber auch kein Symbol für ausgeprägte Langsamkeit und Lethargie. So beschleunigen die sanften Riesen an Cruiser-Maßstäben gemessen noch immer mit akzeptablen Werten ruckfrei ab Standgas.Es scheint zunächst, als ob keine Drosselung dieser Welt die Zylinder im Bierkrugformat der beiden Twins an der Drehmomentproduktion hindern könnte. Zudem wirkt die homöopathische Art der Leistungsverabreichung auf wundersame Weise beruhigend - selbst auf latent hektische Gemüter. Allerdings nur bis zur 100-km/h-Marke. Darüber geht’s dann tatsächlich nur zäh voran, und vor allem auf der Honda wird der Wunsch nach ein paar zusätzlichen Pferden groß. Der VN 1500-Treiber ist etwas besser dran. Wobei sich die Kawasaki ihren Vorteil auf nicht ganz faire Weise verschafft. Bei der Beschneidung zeigten sich die Techniker großzügig und beließen dem Hubraumriesen 38 der ursprünglich 62 PS. Honda nimmt’s genauer, das VT-Triebwerk leistet exakt die anvisierten 34 der ehemals 48 PS. Bei den maximalen Drehmomentwerten herrscht fast Gleichstand: Die Honda mobilisiert 89 Newtonmeter bei 1700 Umdrehungen, die Kawasaki 92 Newtonmeter bei 2000 Umdrehungen.Letztere wirkt subjektiv jedoch deutlich kräftiger als die Honda: Tief blubbernd und schnorchelnd, erinnern die Lebensäußerungen der VN 1500 an ein vor sich hinstampfendes Frachtschiff. Aber Vorsicht, Diesel verträgt die Kawasaki nicht. Dafür kann sie mit einem ungeregelten Katalysator samt Sekundärluftsystem aufwarten. Das über keinerlei Abgasreinigung verfügende Honda-Aggregat tönt blecherner, und die gut zehn Prozent geringere Leistung schlägt sich natürlich bei den Fahrleistungen nieder: Hier muß sich die VT 1100 bis auf den Durchzug im Solobetrieb von 60 auf 100 km/h der VN 1500 geschlagen geben. Doch auch bei der Kawasaki kommt man nicht um die fleißige Nutzung des Getriebes umhin, will man sich einigermaßen zügig fortbewegen. Angesichts ellenlanger Schaltwege und metallisch-krachender Geräuschkulisse beim Gangwechsel in beiden Fällen eher lästige Pflichtübung als kurzweiliges Vergnügen.Zum agileren Auftritt des Kawasaki-Antriebs paßt auch deren Fahrwerk. Durch die für Cruiser-Verhältnisse eher gemäßigte Rahmengeometrie - kürzerer Radstand, geringerer Nachlauf - und die versammeltere Sitzposition läßt sich die VN mit deutlich weniger Kraftaufwand ums Eck zirkeln als die Honda. Schattenseite der Kawa: In langgezogenen Kurven sorgen kräftige Rührbewegungen des sechs Zentner schweren Asphalt-Schiffes für einen deutlich erhöhten Adrenalinspiegel beim Kapitän - der richtige Moment, um den nächsten Biergarten anzusteuern und selbst eine Wurst vom Teller zu ziehen.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote