Vergleich Bimota YB 11 Nuda und MV Agusta Lustale (Archivversion) Strip-Gemeinschaft

Wenn sich zwei Diven der zweirädrigen Upper-Class gemeinsam ihrer Haute-Couture-Fummel entledigen, um sich ungeniert der Öffentlichkeit zu präsentieren, hat die Lust am Ausziehen eine neue Dimension erreicht.

Es gab Zeiten, in denen Vorzeigesportlerinnen sich einzig dem »schneller, höher, weiter« verpflichtet fühlten. Die sind vorbei. Vorbei auch die Epoche, in der sehr wohl Figur betont wurde, ohne jedoch im Wettkampf oder danach Einzelheiten zu enthüllen. Schnell brach die Ära des hemmungslosen Ausziehens an. Eislaufikone Kati Witt präsentiert sich nackt im Playboy, ganze Frauennationalmannschaften zeigen öffentlich, was sie haben, Männerteams nicht minder und Triumph strippte die Daytona zur Speed Triple. Da verwundertes nicht, dass sogar eine alternde Vorzeigesportlerin wie die Bimota YB 11 nach dem Umbau durch den deutschen Importeur ZTK hüllenlos eine zweite Karriere starten will. Oder das durchtrainierte Rennstreckenstarlet MV Agusta F4 animiert vom engagierten Händler Lust hemmungslos blankzieht.Die Art, wie sich die beiden einst voll Verkleideten nackt darbieten, ist freilich unterschiedlich. Während die Bimota das, was ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, ungeniert präsentiert, wahrt die Lustale einen Hauch von Anstand und bedeckt ihre neuralgischen Stellen. Gebürstetes Edelstahlblech, sorgsam in Form und Fassung gebracht, verbirgt den Blick auf Sicherungskasten oder Kühlerseiten. Auch auf die Luftschächte zur Airbox, die deutlich kürzer ausfallen als beim Serienmotorrad, weil die modifizierte Verkleidung acht Zentimeter höher und näher am Lenkkopf montiert ist. Das sieht – abgesehen von der originalen unteren Kühlerhutze – durchaus anregend und keineswegs frivol oder gar billig aus.In dieser Hinsicht wirkt die nackte YB 11 wie die Reeperbahnspelunke neben feineren Clubs im Pariser Quartier Latin. Selbst robuste Gemüter werden rot beim Blick auf und durch den nackten Rahmen, finden den haltlos herumhängenden Kühler ebenso wenig ästhetisch wie dessen mäandernde Schläuche und den schlechten Sitz der Cockpit-Innenverkleidung. Das sticht ins Auge und verdeckt zunächst den Blick für jene Feinheiten, mit denen Bimota schon immer zu glänzen wusste. Die filigranen Räder zum Beispiel, die aus dem Vollen gefräßte Schwingenaufnahme, eine piekfeine Gabelbrücke und eine ebensolche Fußrastenanlage. Oder das einmalige Monocoque als Tank-, Sitzbank- und Heckverkleidung.Letztlich dominiert die aufdringliche Nacktheit des guten alten Yamaha FZR 1000-Motors und seiner Nebenaggregate. Der wurde nicht zum Herzeigen, sondern zum Zupacken gebaut – und diese Diziplin versteht er auch heute noch meisterlich. 136 PS und 103 Newtonmeter sind ein Griff ins volle Leben, zumal, wenn sie am breiten Streetfighter-Lenker gereicht werden. Selbst dann, wenn die Bühne für unverhüllte Darbietungen sich so unwirtlich präsentiert wie bei der MOTORRAD-Kontaktaufnahme. Eis und Schnee, Rollsplitt und Streusalz: Da zittert nicht nur das unverhüllte Bike, sondern auch der Fahrer. Aber gerade diese Situationen sind es, in denen der breite Lenker, motorseitig das üppige Drehmoment und entschiedener Einsatz im Drehzahlkeller voll zum Tragen kommen.Im Gegensatz zur filigranen MV reicht nämlich ein kurzer Zug am Draht, um die Bimota mit Macht aus den Ecken zu treiben, hat das Getriebe meist Pause, kann sich der Fahrer ganz auf die Linienwahl konzentrieren. Die Lustale hingegen – das Basisbike dieses Umbaus bildet eine F4S der ersten Generation – gebärdet sich unverhohlen zickig, hat die Fortschritte späterer Jahrgänge nicht mitgemacht. Sie geht verzögert und dann um so härter ans Gas, braucht mindestens 4000/min, um überhaupt vorwärts zu machen, dann weitere 3000 Touren, um Luft zu holen. Um endlich – dann meist schon in Geschwindigkeitsbereichen, die auf öffentlichen Straßen Radarfallen auslösen – zu zeigen, was in ihr steckt. Zwischen 7000 und 13000/min marschiert die 750er, was das Zeug hält, verdichten sich dieses kernige Ansaugröcheln, der fulminante Vortrieb und das heisere Fauchen aus den vier Endrohren im Rahmenheck zu einem atemberaubenden Dreiklang. Keine Frage, dieser Motor ist für die Rennstrecke konzipiert, ist sich zu schade für den Drehzahlkeller. Und arbeitet in dieser Hinsicht Hand in Hand mit dem Fahrwerk. Denn auch wenn die Lustale nun über einen gekürzten Ducati-Monster-Lenker dirigiert wird, gilt nach wie vor: Entfalten kann sich das ansonsten unverändert übernommene F4-Fahrwerk immer dann, wenn es richtig schräg und richtig schnell wird. Unmotiviertes Dahingerolle quittiert die Lustale dagegen mit einem gewöhnungsbedürftigen Eigenleben der Heckpartie.Bei der Bimota verhält sich die Sache genau gegensätzlich. Deren Heck liegt zunächst neutral, um dann in Schräglage unter Zug ins Wanken zu geraten. Schuld daran trägt keinesfalls das feine Öhlins-Federbein (für 9499 Euro bietet ZTK eine Variante mit Paioli-Federbein an), sondern ein üblicher Verdächtiger: Beim Erscheinen der YB 11 war der Michelin Hi-Sport TX 25 up to date, dessen Flanke sich schon damals als sehr labil herausstellte und beim harten Beschleunigen leicht einknickte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch nicht daran, dass die Paioli-Gabel traditionell stuckrig anspricht. Hier ist die Lustale eindeutig im Vorteil. Genau, wie in Sachen Bremsen. Was nicht heißen soll, dass die Brembo-Anlage in der YB 11 zahnlos wäre. An das Niveau der formidablen Nissin-Anlage in der MV kann sie aber wohl schon aus Altersgründen nicht heranreichen.So sorgt die öffentliche Nacktheit nicht nur bei Moralaposteln für zwiespältige Gefühle. Die Lustale ist wunderschön gemacht (und bei Bedarf auch wieder verhüllbar, denn alle Originalteile sind im Preis von 24990 Euro inbegriffen), der Motor jedoch erfüllt die Erwartungen als Streetfighter-Antrieb in diesem Prototyp nicht. Händler Lust (Telefon 0221/93707070) verspricht für die Zukunft Abhilfe mittels einer kürzeren Sekundärübersetzung. Die YB 11 Nuda hingegen bietet einen rustikalen Strip, dafür aber den goldrichtigen Antrieb zum Zweck. Außerdem ist sie bei ZTK (Telefon 05193/9640) in unterschiedlichsten Ausbaustufen lieferbar und für ganze 10499 Euro zu haben.

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