Vergleich Chopper/Cruiser (Archivversion) Unter Dampf

Sie versprühen den Charme von Nostalgie und urwüchsigem Maschinenbau. Viel Hubraum eint die beiden, und ihre
V-Motoren stehen ordentlich unter Dampf. Doch damit haben sich die Gemeinsamkeiten des amerikanischen Choppers und des japanischen Cruisers bereits erschöpft.

Der nette Herr im Betriebswerk am Bahnhof Fützen nahe der Schweizer Grenze schaut wissbegierig mit leuch-
tenden Augen auf die chromfunkelnden, schwarzen Motorräder. Hier in dieser Einöde ist zurzeit nicht viel geboten. Erst ab Mai schnauben und stampfen die schweren Dampfrösser wieder auf der 25 Kilometer langen, historischen Bahnlinie. Eisenbahnfreunden ist sie als Sauschwänzlebahn
bekannt, die von Weizen aus durch die Wutachschlucht in vielen Kurven und Kringeln hinauf nach Zollhaus rollt. Da bringen Harley-Davidson Dyna Street Bob und Yamaha XV 1900 Midnight Star Abwechslung ins Eisenbahner-Leben.
»Toll, wie die klingen. Da hört man ja richtig wie bei den Dampfloks jeden einzelnen Zylinder arbeiten.« Ein Kompliment an die Ingenieure. Sie haben wohl alles richtig gemacht, um den Sound und die Urwüchsigkeit dieser modernen, aber doch nostalgisch anmutenden und ganz unterschiedlichen Fahrmaschinen rüberzubringen.
Die beiden großvolumigen V2-Herzen schlagen nämlich in verschiedenen Welten. Harleys Twin Cam 96 verzichtet trotz
1584 cm3 auf Ausgleichswellen und schüttelt sich im Standgas heftig. Doch gummigelagert kann der Big Block mit seinen
76 PS in dem Doppelschleifenstahlrohrrahmen keinen Schaden anrichten. Die Street Bob ist die günstigste Harley mit großem Motor und wohl deshalb hier zu Lande auch die meistverkaufte. Und dazu ein klassischer Chopper: 17,8 Liter fassender Tropfentank, schlacksig dürr anmutende Gabel und ein Lampengehäuse, kaum größer als eine Dessertschüssel.
Vorn bedeckt ein Mini-Kotflügel notdürftig das schmale 19-Zoll-Speichenrad, hinten ein großes Blechteil den fett wirkenden 17-Zöller. Ein knuffiger Solositz ziert das Ensemble, denn Beziehungen, so behauptet eine Harley-Werbung, machen das Leben kompliziert. Selbstverständlich darf der Apehanger an einem richtigen Chopper nicht fehlen. Ein hoher Lenker, an dem der Fahrer hängt wie Wäsche an der Leine. Mehr ist kaum dran an der Street Bob. Ein Motorrad für Puristen.
Yamahas XV 1900 Midnight Star hält nichts von Minimalismus. Sie protzt mit
allem, was sie hat. Und das ist viel: 1854 cm³, 91 PS und jede Menge Drehmoment. Im Maximum 153 Newtonmeter. Das sollte reichen, um fast sieben Zentner Lebendgewicht mit moderaten Drehzahlen in Wallung zu versetzen. Ein Koloss auf Rädern. Fette Reifen und Kotflügel, dicker Tank, plüschiges Sitzmöbel. Alles im XXL-Format. Hier haben sich die Designer austoben dürfen. Vom monströsen Scheinwerfer über die Blechzierstreifen am Tank, die stromlinienförmigen Lenkerklemmfäuste und Armaturen sowie die spitz auslaufenden Blinkergläser bis hin zu den Schwingenenden,
alles fließt, wie vom Fahrtwind geformt, nach hinten weg. Ein bis ins Detail perfektioniertes Cruiser-Kunstwerk, das aber auch vor Kitsch nicht Halt macht. Der barocke Tachometer mit Armbanduhr-großem Drehzahlmesser auf der Tankkonsole trägt den Charme eines Spielautomaten. Sei’s drum: Die Midnight Star spiegelt perfekt den Ausdruck amerikanischer Fortbewegung der 30er-Jahre wider.
Eine Dampflok anheizen ist für den
Maschinisten harte Arbeit. Bis der Kessel auf Betriebsdruck kommt, vergehen Stunden. Bei Street Bob und Midnight Star genügt ein kurzer Knopfdruck, bis die Kolben in den Zylindern ohne Zischen und Fauchen ihre Arbeit aufnehmen. Dafür entlocken
sie ihren ellenlangen, teils oberarmdicken Sidepipes sonores Blubbern. Besonders die Harley klingt satt und tieffrequent. Wenn die Drosselklappen der Einspritz-
anlage auf vollen Durchfluss schalten, dann gibt’s was auf die Ohren. Ganz legal. Je nach Lastwechsel werden über einen Magnetschalter das Ansaugvolumen verändert und über eine Klappe im Auspuff ein Schalldämpfer zu- oder abgeschaltet. Wenn nötig, kann die Street Bob lammfromm selbst durch Kurbäder säuseln.
Überhaupt ist die Harley gar nicht so rau, wie es zunächst den Anschein hat. Sanft fährt sie an, schaltet sich weich, und erst einmal in Fahrt, gibt sie sich wohltuend beschwingt. Keine Spur von harten Vibrationen. Mit steigender Drehzahl arbeitet der Big Twin immer ruhiger. Schaltarbeit fällt wenig an. Sauber nimmt der Zweizylinder Gas an, elastisch wie ein Gummiband verteilt er seine Kraft über den gesamten Drehzahlbereich. Mit dem vierten und fünften Gang ist ein Großteil des Geschwindigkeitsbereichs zwischen Ortsverkehr und Landstraße abgedeckt. Der sechste, lang übersetzte Overdrive bleibt meist Schnellstraßen vorbehalten.
Die Yamaha geht kraftvoller, aber
auch weniger spektakulär zur Sache. Zwei Ausgleichswellen ersticken Vibrationen im Keim, lassen nur verhaltenes Stampfen
zu. Ruckartig setzt die Kupplung ein, und schon beim Anrollen schüttelt der mächtige Twin mit Leichtigkeit jede Menge Drehmoment aus dem Ärmel. Nur wenige hundert Kurbelwellenumdrehungen mehr genügen dem schwergewichtigen Cruiser, um kraftvoll an Fahrt zuzulegen. Die vereinzelten Lastwagen, die sich auf der B 314 Richtung Blumberg die Steigung hinaufquälen, sind in null Komma nichts überholt. Einfach so, nur Gas aufziehen, schon geht’s vorwärts. Von den fünf Gängen der Yamaha braucht’s hier im Wutachtal gerade mal zwei: den vierten und den fünften.
Tief und lässig nimmt der Fahrer auf dem muldenförmigen Sitzmöbel Platz. Mit gut eineinhalb Meter kunstvoll geschwungenem Lenkerrohr dirigiert er das Dickschiff, die Arme weit gespreizt, als wolle
er die Landschaft vor Freude umarmen. Bequem ruhen die Füße auf gummi-
gepolsterten Trittbrettern. So lässt es sich aushalten. Mit geradezu stoischer Ruhe zieht die Midnight Star ihre Radien, federt sanft und komfortabel ab. Dass dabei in Schräglage ab und an die Trittbretter über den Asphalt schraddeln, lässt sich kaum verhindern. Das stabile Fahrwerk mit seinem verwindungssteifen Aluminiumgussrahmen verleitet einen zuweilen doch zu etwas flotter Gangart. Die kräftige Doppelscheibenbremse im Vorderrad und die
gut dosierbare hintere Scheibenbremse tun gemeinsam ihr Übriges, den Fahrer der XV in Sicherheit zu wiegen.
Street Bob fahren ist anders. Allein die Sitzposition ist ergonomisch eine Herausforderung. Der hohe, stark gekröpfte sowie weich in Gummi gelagerte Lenker lässt nicht nur wenig Gefühl fürs Vorderrad
aufkommen, sondern es ist auf Dauer anstrengend, Arme und Hände auf Kopfhöhe zu halten. Nah am Körper wirkt die Fußrastenposition etwas deplaziert. Die Rasten gehören weiter nach vorn, was die meisten Street-Bob-Fahrer mit einer Fußrastenanlage aus Harleys reichhaltigem Zubehörprogramm in aller Regel lösen. Dann passt auch das Sitzkissen besser. Trotzdem: Komfort ist anders. Hier sitzt man – bewusst – vierter Klasse, Holzpritsche, bei der Midnight Star im Vergleich schon wie in einem Pullman-Abteil.
Auch das Fahrwerk ist längst nicht
so souverän stabil wie das der Yamaha. Obwohl man mit der Harley ebenfalls
bedenkenlos Vollgas 190 über die Autobahn brennen könnte. Nur, wer stellt sich schon freiwillig mit offenen Armen orkanartigen Stürmen? Auf der Landstraße tänzelt
die Gabel wie schwerelos über welligen Asphalt, während die beiden Federbeine hinten so manchen harten Schlag ungefiltert weitergeben. Außerdem rollt die Street Bob, wenn es doch mal etwas flotter vorangehen soll, leicht schwammig und gautschig durch Kurven. Was leider auch ganz zu den eher lustlosen Einscheibenbremsen passt, die man tunlichst im Verbund nutzen sollte, wenn die Harley schnell zum Stillstand kommen muss.
Doch Hatz und Rastlosigkeit sind bei solchen Fahrmaschinen eh nicht ange-sagt und fehl am Platz. Noch lange ist
das Wummern und Stampfen der beiden
großvolumigen Zweizylinder auf den sanft
geschwungenen Straßen im Wutachtal entlang der alten Eisenbahnlinie zu hören. Wie bald wieder das Zischen und Pfeifen der alten Dampfloks, wenn diese über den Sommer Eisenbahn-Touristen verzückt in alte Zeiten versetzen.

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