Vergleich Kawasaki ZX-10R alt gegen neu (Archivversion) Das grüne Mehr

Mehr Leistung, mehr Handlichkeit, mehr Sportlichkeit. Klar, das kennt man, so werden alljährlich die neuen Modelle angepriesen. Aber die Kawasaki ZX-10R des Jahrgangs 2008 scheint es ernst zu meinen.

Wenn es eines gibt, woran es den Top-Sportlern von Kawasaki bislang gewiss nicht gemangelt hat, dann Leistung. Weder auf dem Papier noch im richtigen Leben. Nur, rein von der Papierform ist die Konkurrenz inzwischen vorbeigezogen. Höchste Zeit also für die Grünen, eine kräftige Schippe draufzulegen. Und so verspricht Kawasaki – Luft anhalten – 188 PS. Mehr noch: Die Grünen kokettieren mehr oder weniger unverhohlen mit der magischen Zahl von 200 PS – unter voller Mithilfe des Ram-Air-Effekts freilich.

Darüber gerät aber etwas ganz Wesentliches allzu leicht in den Hintergrund: Die neue Zehner bekam nicht nur eine Leistungsspritze, sondern sie ist auch von Grund auf ein neues Motorrad. Chassis, Ergonomie, Bremsen, Optik, alles neu im Vergleich zum Vorjahresmodell. Schon äußerlich trennen die beiden Welten.

Die letztjährige Zehner wirkt rundlich, pausbäckig, auch durch die Underseat-Auspuffanlage relativ lang. Und breit. Kantig, drahtig, aggressiv dagegen lehnt die Neue auf ihrem Seitenständer. Mit durchdringendem Blick, gestählt, als käme sie frisch aus dem Trainingslager. Rein optisch nähert sie sich stark der Ur-Zehner von 2004 an, wirkt im Vergleich wie entschlackt und einiges leichter. Und hat doch drei Kilogramm zugelegt. Wo die stecken sollen? Äußerlich nicht auszumachen.

Ebenso krass die Unterschiede beim Platznehmen. Für ihre tief und dicht am Fahrer platzierten, unbequem gekröpften Stummel und die daraus resultierende gewöhnungsbedürftige Sitzposition hat die ZX-10R bislang regelmäßig eins auf die Mütze bekommen. Die Neue räumt damit auf. Die Lenkerstummel drei Zentimeter höher, außerdem durch den um zehn Millimeter nach vorne gerückten Lenkkopf entsprechend weiter vom Fahrer entfernt, und schon passt die Sitzposition einwandfrei. Zumal der Tank im Kniebereich schmaler ausfällt, was einen engeren Kontakt zum Motorrad ergibt.

Einigkeit herrscht beim Starten. Auf Knopfdruck, mit sattem Gebrummel nehmen beide ihre Arbeit auf. Etwas vollmundiger bei niedrigen Drehzahlen der Ton der Alten, die Neue mit etwas prägnan­te­ren Vibrationen um 3000/min, so rollen beide aus dem verschlafenen südfranzösischen Dörfchen hinaus, mitten hinein in das Kurvenparadies des Hinterlands.

Dort legt die neue ZX-10R los wie die Feuerwehr. Der Lockerheit, mit der sie eine Kurvenkombination nach der anderen vernascht, hat das 2007er-Modell schlicht nichts entgegenzusetzen. Was nicht nur angesichts des etwas höheren Gewichts der Neuen erstaunt. Natürlich hilft der konventionell montierte Auspuff, die Massen dichter am Schwerpunkt zu konzentrieren. Doch mit 25 Millimeter mehr Radstand, längerem Nachlauf und flacherem Lenkkopfwinkel ist die Neue mehr auf Stabilität denn Wendigkeit getrimmt. Und wuselt dennoch leichtfüßiger durchs Kurvengewühl, sticht mit größerer Präzision in die Ecken, um dann wie am Schnürchen gezogen ihre Bahn zu ziehen.

Demgegenüber wirkt die alte Zehner träge und in Schräglage auch nicht so stabil, Bodenwellen und Bremsen in Schräglage leiten spürbar mehr Aufstellmoment ein. Die montierten Dunlop Qualifier in spezieller »MT«-Kennung wollen partout keine harmonische Beziehung mit der Grünen eingehen, während sich die mit Pirelli Diablo Corsa III besohlte aktuelle Zehner über adäquates Schuhwerk freut.

Vom ersten Meter weg flößen die italienischen Gummis mit verlässlichem Grip und feiner Lenkpräzision ihrem Piloten auch bei schnell angegangenen Kurven, in die weit hineingebremst wird, einfach das nötige Vertrauen ein. Weil die Neue vor allem vorne deutlich mehr Rückmeldung über das liefert, was sich zwischen Reifen und Fahrbahn abspielt.

Die Abstimmung ihrer Federelemente, ihre Balance ist äußerst gelungen. Sämig straff, ohne unkomfortabel zu wirken, sorgen sie auch bei schärferer Gangart und schnellen Schräglagenwechseln für Ruhe. Vor allem aber die Gabel der Neuen zaubert ein fettes Grinsen unter den Helm. Mit cremiger Dämpfung und so sensibel wie ein erlesenes Zubehör-Teil lutscht sie zerknitterte Straßenbeläge förmlich glatt, wo die Vorgängerin nur knochig drüberrattert.

Auch beim Kapitel Bremsen macht die 2007er-Kawa keinen Stich. Der anfangs prägnante Druckpunkt räumte unter Stress seinen Platz nach und nach einem immer größeren Leerweg am Hebel, bis bei Zweifingerbremsungen der Bremshebel an den Knöcheln von Ring- und kleinem Finger ansteht. Standfest, mit klarem Druckpunkt und gut dosierbarem Biss dagegen die neuen Radialzangen.

Kann die ZX-10R des letzten Jahres nicht mal einen Ehrentreffer für sich verbuchen? Doch, sie punktet just im Motorenkapitel. Die feine Gasannahme besitzen zwar beide. Aber dank ihrer fülligeren Drehmomentkurve kommt die Vorgängerin druckvoller aus dem Drehzahlkeller, nippt dazu sparsamer am Benzin. Und mit Überschreiten der 6000er-Marke fällt dermaßen brutal der Hammer, dass es dem Fahrer im ersten Gang mit Wucht den Tank vor die Nase knallt.

Auch die Neue schwingt ab 6000/­min eine heftige Keule, springt jedoch trotz massiv überarbeiteten Zylinderkopfs und ­neuer Einspritzanlage mit Shower-Düsen und ovalen Drosselklappen lange nicht so vehement aufs Hinterrad. Im sportlichen Alltag ist das letztlich kein Beinbruch, im Gegenteil. Ihre Leistung ist dadurch nur feiner dosierbar und damit einsetzbar. So bleibt die letztjährige ZX-10R nach wie vor das Tier unter den 1000ern, die Neue aber ist schlicht das bessere Motorrad.

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