Vergleich Yamaha Royal Star Classic Tour und Yamaha Drag Star Classic (Archivversion) Star und Sternchen

Wieviel Cruiser braucht der Mensch? Zwei, die eigentlich ein Faible fürs Schnellfahren haben, gehen auf Entdeckungsfahrt.

Stell Dir vor, Du willst der schönsten Nebensache der Welt nachgehen, Motorradfahren an einem sonnigen Februartag – und plötzlich bekommt Dein Chef davon Wind. Er will mit. Eigentlich nicht schlimm, denkst Du, weil Du Dich mit Deinem Vorgesetzten bestens verstehst. Aber das Thema lautet: Wieviel Cruiser braucht der Mensch? Die neue Yamaha Drag Star Classic sowie deren große Schwester Royal Star Classic Tour warten auf die Testfahrt. Und da liegt der Hund begraben: Der 600er DM-Rennfahrer Gegesch und Cruiser – ausgerechnet. Zwei Welten prallen aufeinander, sollte man meinen. »Muß unbedingt mal raus aus der Redaktion.« Wer würde seinem Chef diesen Wunsch verwehren, vor allem, wenn er sich schon »cruiser-gerecht«eingekleidet hat: Schnürjeans, Halbschalenhelm und die unvermeidliche Sonnenbrille, verspiegelt natürlich.To cruise: Mit einer möglichst energiesparenden Geschwindigkeit reisen, so steht es im Wörterbuch. Trifft die Sache schon ganz gut. Erklärt aber nicht, warum Cruiser weggehen wie geschnitten Brot. Über 5000mal verkaufte sich die Yamaha Drag Star 1997. Ein Bestseller. Die Classic-Variante kostet mit 13790 zwar 1300 Mark mehr als die normale Version, wird aber in deren erfolgreiche Fußstapfen treten, soviel steht fest. Schon allein deshalb, weil die Classic den großen Vorbildern aus den USA noch ein Stückchen ähnlicher sieht. Eine fett verkleidete Telegabel, auf der eine riesige Lampe thront, dicke Kotflügel hinten und vorn, natürlich aus Stahlblech, die Nummerschildhalterung stilecht hochgesetzt, da werden unweigerlich Erinnerung an die Fat Boy aus Milwaukee wach. Weitaus eigenständiger kommt die Royal Star Classic Tour daher. Anleihen bei der Konkurrenz hat »Ihre Hoheit« nicht nötig. Allenfalls beim Preis: 28490 Mark für nahezu sieben Zentner Schwermetall mit Lederpacktaschen und riesigem Windschild, Chrom im Überfluß – wahrhaft epochale Daten. Konzipiert fürs huldvolle Reisen in Gods own Country. Und nicht so sehr für holperige und winkelige schwäbische Landstraßen. Trotzdem, in der Redaktionstiefgarage nimmt Gegesch zielstrebig Kurs auf den königlichen Brummer. Er will ein Motorrad mit ordentlich Druck aus dem Drehzahlkeller: 1300 Kubikzentimeter Hubraum auf vier v-förmig angeordnete Zylinder verteilt, satt über 100 Newtonmeter maximales Drehmoment. Was für den Chef eben. Und der kleine V2 bleibt für den Redakteur.Der sich bereits nach kurzer Fahrt Richtung Schwarzwald klammheimlich ins Fäustchen lacht. Das vermeintlich kleinere und viel schwächere Motorrad steht im direkten Vergleich nicht auf verlorenem Posten. Ganz im Gegenteil. Gegesch tut sich anfangs sichtlich schwer auf der Royal Star, was er mit Kopfschütteln quittiert. Etwas befremdend, das Fahrverhalten eines solchen Dickschiffs. Zumindest anfangs. Die dicke Royal Star schlingert des öfteren um Kurven, daß es einem ganz flau werden kann. Wohl auch deshalb blieb es bei 75 PS, obwohl ihr V4-Triebwerk in geänderter Form in der V-Max nahezu das Doppelte leistet. Lieber Gegesch, das ist eben kein Renner. Ist nix mit hart bremsen und im allerletzten Moment in die maximale Schräglage abwinkeln. Vergiß es. Schon allein wegen der Stopper. Vorausschauende Fahrweise und kräftiges Zupacken am Bremshebel seinen dringend angeraten – und ein runder Fahrstil ohne jede Hektik ebenfalls. Nur so bringt sie dich weiter, kommt der richtige Spaß auf. Immer dran denken: Die nächste Autobahnauffahrt oder gut ausgebaute Bundesstraße kommt bestimmt. Da fühlt sich der König dann so richtig wohl. Gleiten bei 130 km/h, und kaum ein Lüftchen regt sich, dank des riesigen Windschilds. Das entlockt Gegesch dann ein glückseliges Grinsen. Und wenn der dicke Vorderreifen auf dem Weg dorthin wegen der überforderten Telegabel auf Holpersträßchen seinen eigenen Willen hat? Soll er doch. Es geht schon ums Eck, keine Sorge. Auch wenn der Asphalt die riesigen Trittbretter in beinahe jeder Schräglage malträtiert. Auf der Drag Star Classic vermißt man diese löbliche Einrichtung in Kurven schmerzlich. Dafür freut sich dein Schuster, denn die Kleine verbraucht Absätze – wahrscheinlich mehr als Hinterreifen. Mit 40 PS und knapp 240 Kilogramm Masse kein Leichtgewicht, die Classic. Atemberaubende Beschleunigungswerte? Fehlanzeige. Trotzdem kein Langweiler, der kleine V2. So bis 120 km/h erstaunlich munter, zeigt die 650er dem Hubraumriesen auf kurvigen Passagen sogar munter das Heck. Schon deshalb, weil ihre Fahrwerksabstimmung deutlich straffer geriet. Das rundum gelungenere Fahrzeug. Die Drag Star Classic fährt sich agiler und bremst so, wie man das von einem normalen Motorrad eigentlich erwartet. Sei das Geblubbere des V4-Motors der Royal Star noch so schön, ihr V2 säuselt auch nicht gerade – und genehmigt sich deutlich weniger Sprit.Aber auch verglichen mit der Drag Star, die derzeit im MOTORRAD-Dauertestfuhrpark fleißig auf die 30000-Kilometer-Marke hinarbeitet, ist die »Classic« eindeutig der bessere Cruiser. Sie fährt sich leichter, läßt sich präziser in Kurven einlenken, trotz des breiteren 130er Vorderreifens, bei der Drag Star genügt ein 100er auf einer 19-Zoll-Felge. Die Sitzposition ist dank eines stärker gekröpften Lenkers zudem viel angenehmer, weil entspannter. Und das mächtige Erscheinungsbild gibt’s als willkommene Dreingabe.Die Erkenntnis des Cruise-Tags? Es gibt ein Leben jenseits von Zug- und Druckstufe, nach der verzweifelten Suchen fürs beste Set-up des 150-PS-Brenners, der verzweifelten Hatz nach der perfekten Rundenzeiten. Oder nur der Angst vor jungfräulichen Knieschleifern und dem kecken Enduristen, der Dich auf Deiner Hausstrecken außenrum überholt. Ein Cruiser nimmt diesen selbstauferlegten Erfolgsdruck.Gegesch will auch in diesem Jahr wieder Rennen fahren. Kann’s nicht lassen. Aber zum nächsten Cruiser-Vergleich will er unbedingt wieder mit. Okay, Chef. Nur über die antikledernen Schnürjeans, da sollten wir noch mal reden.

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