Vergleich Zwei-/Vierzylinder (Archivversion) High Noon

...unter der gleißenden Sonne des Südens. Wenn sich die wichtigsten Motorenkonzepte duellieren, ist Spannung
garantiert – und noch lange nichts entschieden.

Sie sind »die« Klassiker im Motorradbau, und sie werden es auch bleiben. Zwei- und Vierzylinder dominieren die Szene mit wechselndem Führungsanspruch, und zwar seit 100 Jahren. Derweil hat sich der Einzylinder längst in die Büsche geschlagen und führt dort ein Leben als Outlaw. Ähnlich verhält es sich
mit dem Triple. Er fristet sein Dasein in kleinen britischen und
italienischen Reservaten. Und daran wird sich wohl in absehbarer Zeit nichts ändern, so dass Twin und Quartett ihr Duell um die Gunst des breiten Motorradpublikums bis heute fortführen.
Grund genug für MOTORRAD, vier Pärchen zum Shoot-out
in die wärmende Sonne Südfrankreichs zu schicken. In der Mittelklasse tritt Hondas neuer Bestseller CBF 600 an, um sich mit
seinen vier jeweils 150 Kubikzentimeter großen Zylindern und
den daraus resultierenden, gemessenen 76 PS mit Suzukis Evergreen SV 650 S (zwei Zylinder à 323 Kubikzentimeter) zu messen, was bei nominell fast identischer Leistung (78 zu 72 PS) und
angesichts der bekannten Qualitäten dieses 90-Grad-V2 kein leichtes Spiel für die CBF 600 werden dürfte. Einerseits. Andererseits stehen die Chancen nicht schlecht. Gerade weil Honda
darauf verzichtete, alles auf den überragenden Vorzug des
Reihenvierers zu setzen, nämlich seine höhere spezifische Leistung (siehe Diagramm Seite 39). Power pur macht beim Einsatz-
gebiet des Mittelklässlers schließlich keinen Sinn. Stattdessen
förderte man Leistungsentfaltung und Drehmoment.
Ganz anders sieht es in der Supersport-Topliga aus.
Leistung, Leistung und nochmals Leistung: Wer bei der Imagewertung ganz oben rangieren möchte, darf zumindest in der Reihenvierer-Clique nichts unversucht lassen, um selbst das letzte Pferdchen zu mobilisieren. In diesem Sinn ganz oben:
die Kawasaki ZX-10R. Nominell 175 PS besitzt ihr Reihenvierer – und degradiert damit die Ducati 999, wenngleich die mit dem 2005er-Jahrgang auf unglaubliche 140 PS erstarkte.
Wer jedoch jemals versucht hat, diese Brachialgewalten
abseits abgesperrter Pisten einzusetzen, weiß: Auch bei Supersportlern sind es andere Werte, die wirklich zählen. Und damit sind nicht allein Ansprechverhalten und Drehmomentkurve
gemeint, obwohl es der V2 aus Bologna genau in diesen Kapiteln zu phänomenaler Perfektion bringt. Es ist der spezielle Charakter, den viele nicht missen möchten und der im Gegensatz zum
Reihenvierer sehr vielfältig ausgeprägt ist.
Wo nämlich vier Zylinder außer der Reihe bestenfalls noch
in V-Form (Honda VFR, Pan European) zu finden sind, gebiert
der V2 eine wahre Artenvielfalt. Egal, ob 45-Grad-V2 bei Harley-Davidson, 48 Grad bei der neuen Yamaha MT-01, 60 Grad bei Aprilia, 90 Grad bei Ducati, Honda und Suzuki (oder gar 90 Grad quer bei Moto Guzzi), ob der Boxer bei BMW oder Reihen-Twin bei MZ 1000 und Yamaha TDM – sie alle bereichern selbst die kleinste Nische, schaffen sich mitunter gar eine eigene.
Wie zum Beispiel BMW mit dem Boxer. Der pfeift seit
Jahren, nein, nicht aus dem letzten Loch, sondern auf Höchstleistung und Wasserkühlung und behauptet sich prima. Selbst wenn er gegen einen Boliden vom Schlage eines 1300er-XJR-Motors antreten muss. Seine Vorteile neben dem energischen
Antritt aus dem Drehzahlkeller: Die spezielle Konfiguration
macht einen niedrigen Schwerpunkt und eigenständige Fahrwerkslösungen möglich.
Sehr pragmatisch geht es schließlich unter den Tourern
zu. Imagefördernde Spitzenleistung ist hier kein Thema, entscheidend ist ausreichend Schub, und zwar in allen Lagen. Dazu kommen viel Platz, viel Komfort, große Reichweite, möglichst
einfaches Handling und die Einsatzfähigkeit von der Autobahn
bis zum Feldweg. Das Motorrad, welches dies alles perfekt unter einen Hut bringt, ist weit vorne dabei. So beispielsweise Yamahas Vorzeigetourer FJR 1300 mit seinem kernigen Vierzylinder und satt eingeschenkten 1300 Kubikzentimeter Hubraum. Schub aus allen Lagen bietet aber auch der 1000er-V2 in der Honda Varadero. Die nicht nur in der MOTORRAD-Bestenliste wie die FJR zu den Top Ten zählt, sondern mit dem preisgünstigen Travel-Paket (Koffer, Topcase, Heizgriffe und Hauptständer) ebenfalls für die große Reise gerüstet ist.
Daher wird es wohl für die Zukunft (siehe Seite 40/41) bei dem bleiben, was in der Vergangenheit (siehe Zeitleiste unten) galt: Das Duell zwischen Zwei- und Vierzylinder geht weiter. Es wird engagiert geführt werden, mit wechselnden Vorteilen auf
beiden Seiten. Und es wird weiterhin garantiert keiner von beiden auf der Strecke bleiben. Weil sie zu Recht Klassiker sind.

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