Vergleichstest Aprilia RS 250 gegen Honda NSR 250 (Archivversion) Sport-Spiegel

Aprilia gegen Honda - Italien gegen Japan. Das beinharte Grand Prix-Duell pfeilschneller Zweitakter gibt’s ab sofort mit Straßenzulassung.

Ehemalige RD 350-Treiber werden es bestätigen: Rational betrachtet, sprach schon einiges dafür, seinen Zweitakter gegen einen soliden Joghurtbecher zu tauschen. Der zuckelt selbst im Stadtgedränge ohne Murren vor sich hin. Und zu zweit - tadelloser Durchzug. War ja furchtbar, diese ewige Dreherei mit der Zweitakt-Rätsche. Ist schon besser, so ein sanfter, pflegeleichter Viertakt-Muli. Aber manchmal würde man’s doch gern wieder tun. Sonntagmorgens, zwischen Frühstück und Eurosport GP-Übertragung, die Hausstrecke entlangbrettern, die Zweitaktrassel auspressen, bis es süß kommt, die Gänge nur so durchgestippt. Bremsen, umlegen und mit spielerischer Leichtigkeit rum ums Eck. Erfreulicherweise gibt’s auch heute noch ein paar ganz delikate Exemplare dieser Sorte Motorräder im Schaufenster. Aprilias RS 250 mit dem Suzuki RGV-250-Motor zum Beispiel. Schwarz wie die Nacht, geduckt und auf dem Seitenständer schon schneller als der Rest der Welt, steht sie da wie König Maxs (Biaggis) Thron persönlich. Als Gegenstück dazu importiert der ehemalige GP-Pilot Hans Becker (IMT, Telefon 02741/60453) die für den japanische Markt konzipierte Replika von Waldmanns Honda NSR 250. Zierlich, leicht und mit stilvoll rasselnder Trockenkupplung. Beide überspringen die strengen deutschen Abgashürden mittels ungeregeltem Katalysator. Derzeit der einzige Weg, die spritzigen Zweitakter wirksam zu entgiften, ohne daß allzu viele PS auf Strecke bleiben. Keinerlei Abstriche gibt’s beim Spaß mit den beiden Winzlingen. Aber aufgepaßt, so einfach, wie sich’s anhört, ist’s dann doch nicht, zumindest im Fall der Aprilia. Wenn bei ihr Drehzahl und Motorleistung nicht harmonieren, hat sich’s schnell erledigt mit der angepeilten Linie. Also kramen wir im Fundus langer Mopederfahrung, brechen mit viel Schwung ums Eck, legen den Gashahn ein paar Meter früher um, als vom Joghurtbecher her gewohnt - und schon flutscht die Sache. Hondas Zweitakt-Quirl, von der Grundkonstruktion dem Aprilia/Suzuki-Konzept sehr ähnlich, begeistert dagegen mit verläßlichem Schub aus fast allen Lagen. Selbst wenn das Leistungsdiagramm beim NSR-Triebwerk einige Dellen diagnostiziert (Seite 33), rauscht die Honda mit halber Schaltarbeit durchs enge Kurvenlabyrinth, schiebt prompt auf jedes Gaskommando los und läßt der Aprilia keine andere Wahl, als mit spitzer Drehzahl und gelegentlicher Kupplungszauberei hinterherzuhecheln. Weshalb sich der kurzhubige V2-Motor auch an der Tankstelle von dem ausgewogenen NSR-Zweitakter mit dem bewährten quadratischen Hub/Bohrungsverhältnis von 54 x 54 Millimeter geschlagen geben muß. Ein Handicap der Aprilia RS 250: die unsinnig großen Übersetzungssprünge der ersten drei Gangstufen, die sich zudem nur mit einem deutlichen »Klack« in ihre Position begeben. Das kann die NSR zwar besser, dafür knallt der Honda-Antrieb bei Lastwechseln ziemlich deftig mit der Kette. Ja, ja, es braucht schon ein ein paar Tankfüllungen, bis man sich mit den Ecken und Kanten der beiden Flegel arrangiert hat. Als Belohnung für die Geduld und Fleißarbeit gibt’s zwar nicht die gern zitierte Handlichkeit eines Fahrrads, doch selbst im Vergleich zu ganz flinken 600er Sprintern braucht’s bei der Honda tatsächlich nur die halbe Kraft, um den 152-Kilogramm-Floh um die Ecken zu biegen. Trotz komfortbetonter Federelemente bleibt beim flottem Landstraßentänzchen genügend Stabilität, um mit der NSR blitzschnelle Kurswechel ohne Schaukelei und Geeier zu inszenieren. Einziger Spielverderber beim lustvollen Vergnügen: die serienmäßigen Dunlop »Rideen«-Pneus. Wenig Grip und ziemlich sensibel auf Holperstrecken, taugen die Serienpneus eigentlich nur als Felgenschoner. Deshalb stülpen die GP-Stars und auch die MOTORRAD-Tester lieber Dunlop-Gummis feinster Güte über die Gußräder: Sportmax D 207 in klebriger »GP«-Mischung und natürlich mit Straßenzulassung. So besohlt, läßt sich die kompakte - für Zweitakt-Freaks über 185 Zentimeter Bauhöhe schon fast zu kompakte - und kurze NSR 250 von nichts mehr aus der Ruhe bringen und steht bereit, der Aprilia auch auf der Rennpiste eins überzubraten.Doch gemach, schließlich hat die RS 250 ein kunstvoll geformtes Aluminium-Chassis, das nicht nur stabil aussieht, sondern auch so fährt. Die Handlichkeit tendiert zwar in ihrem Fall noch weiter weg vom Fahrrad und hin zum 200-Kilogramm-Joghurtbecher, doch dafür saugt sie sich bombenstabil durch Landstraßenkurven jeglicher Güte. Bodenwellen kümmern die Aprilia ebenso wenig wie wüsteste Asphaltverwerfungen. Gelegentliche Zuckungen im Lenker sind deutlich auszumachen, halten sich aber bei einer soften Landstraßenabstimmung in akzeptablen Grenzen. Ein gutes Gefühl in Sachen Haftung vermitteln die auf der RS serienmäßig montierten Metzeler ME Z 1-Pneus, natürlich in »Racing«-Mischung. Doch leider stemmen sich die 110 und 160 Millimeter breiten Gummis der Handlichkeit entgegen und fordern vom Aprilia-Jockey stramme Zügel beim Einlenken. Straff und direkt abgestimmt, hielten sich die Aprilia-Techniker an die italiensche Fahrwerksbauer-Tradition. Die Federelemente vermitteln jene Rückmeldung, die verwöhnte Joghurtbecher-Besitzer anfangs als unkomfortabel einstufen, spätestens nach der dritten Runde über die Hausstrecke jedoch als höchst informativen Dialog mit der Piste erkennen. Während die Honda bereits im Landstraßentrimm den Großteil ihrer Dämpferreserven aufbraucht, stehen bei der Aprilia die Stellrädchen an Gabel und Stoßdämpfer noch auf »weich«. Das soll sich ändern.Auf der Haus-und-Hof-Rennstrecke in Hockenheim haben Roß und Reiter freien Lauf. Jetzt trägt auch die Aprilia die Dunlop-Sportschuhe, zudem blasen beide durch Jolly Moto-Birnen ihren heißen Sound durchs Motodrom (siehe auch Seite 30). Die Honda zieht gleich noch einen Joker. Die straßentaugliche Chipkarte, die gleichzeitig als Zündschlüssel dient, wird durch eine »HRC-Card« ersetzt. Der Unterschied: eine aggressivere Zündkurve sorgt für mehr Bums beim Beschleunigen und etwas mehr Endleistung, dafür ist bei 11000/min Feierabend, während die Zündkurve der Straßenversion lockere 1000/min länger am Drücker bleibt. Leicht wie ein Stück Balsaholz pfeffert die NSR durch die Ecken, hat jedoch aufgrund ihrer weichen Feder/Dämpferabstimmung ihre liebe Not, die bestechend Handlichkeit auch in Schnelligkeit umzusetzen. Dabei wurde in weiser Voraussicht die Feder der Einarmschwinge bereits durch ein härteres Exemplar ersetzt. Und trotzdem fehlt es der NSR in den wüsten Wellen der badischen Rennpiste an Bodenfreiheit und Stabilität. Auf der Bremse läßt sich kaum was gutmachen, denn die verwindungssteife, aber ebenfalls zu weich abgestimmte 41er Telegabel ist den satten, bestens dosierbaren Doppelscheiben-Stoppern nicht ganz gewachsen und läßt sich in welligen Passagen bis auf den Anschlag zusammenstauchen. Dem kraftvollen Durchzug des NSR 250-Triebwerks folgt leider ein schlagartiger Leistungseinbruch beim geringsten Versuch des Überdrehens. Die Folge: heftige Schalterei mit ständigem Blickkontakt zum Drehzahlmesser. Zehntel für Zehntel fallen dem lästigen Drehzahlbegrenzer zum Opfer, und so bleibt der Chronometer bei mageren 1.17,1 Minuten stehen. Was für eine Schande. Auch die Aprilia findet mit der serienmäßigen Gesamtübersetzung im Motodrom nicht den passenden Rhythmus, läßt sich aber, wenn´s mal pressiert, gnadenlos überdrehen, spart so den einen der anderen Gangwechsel und kaschiert zudem die klaffenden Übersetzungssprünge. Gegen die zögerliche Gasannahme gibt’s auch auf der Rennpiste nur ein wirksames Mittel: Bremsen, umlegen, sofort den Gasquirl auf Anschlag bringen und in gnadenloser Schräglage und mit sauberem Strich bis auf die Kurbs balancieren. Den entscheidenden Vorsprung sichert sich die Aprilia letztlich durch ihr fahrstabiles Chassis mit einem fein justierbaren Federbein. Mit satt eingestellter Druckstufendämpfung hält der Grip am Hinterrad auch in den Bodenwellen und Kompressionpassagen unvermindert an. Nur die Telegabel, deren Feder-/Dämpferfunktionen auf je einen Gabelholm aufgeteilt sind, verwindet sich beim Bremsen spürbar. Dabei gehen die Brembo- Zangen recht bissig, aber mit mäßiger Dosierung und nicht ganz fadingfrei zu Werke. Unterm Strich bleibt die Aprilia mit 1.16,1 Minuten Sieger im Ring. Fertig, einpacken, Testende. Denkste, denn bevor nicht sämtliche Reservekanister mit Sprit leer gefahren sind und die armen Dunlops in Fetzen von den Felgen hängen, kriegt man keinen der MOTORRAD-Tester von Piste. Und morgen erzählen sie einem wieder die Geschichten von Windschutz und Zuverlässigkeit und Durchzug und Vernunft und überhaupt. Na ja, morgen ist morgen, und heut ist heut.

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