Vergleichstest BMW K 1200 LT, Harley-Davidson Electra Glide Ultra Classic, Yamaha XVZ 13 TF Royal Star Venture (Archivversion) Schöner Wohnen

Kilometerfressen, zu zweit, mit viel Gepäck – und ohne Streß: Luxustourer versprechen puren Genuß, sprengen alle Dimensionen – und plündern hemmungslos Sparbücher.

Kollege Kaschel behauptet standhaft, Bier und Currywürste schmeckten in Herford unerreicht gut. Und da Schwaben zwar stur, aber auch weltoffen sind, lassen sie sich von dem Ostwestfalen zu einer Prüfung vor Ort überreden. Zumal für die Testfahrt drei formidable Dickschiffe bereitstehen: neben der BMW K 1200 LT die Harley-Davidson Electra Glide Ultra Classic und die brandneue Yamaha XVZ 13 TF Royal Star Venture.Auch die beste aller Sozia läßt sich schnell von diesem Wochenendtrip überzeugen, schließlich versprechen diese Maschinen Komfort im Überfluß und genügend Stauraum. Das von zwei Leuten benötigten Gepäck findet bei allen drei Tourern spielerisch in den seitlichen Koffern Platz, leichtere Dingen in den Topcases. Und schließlich droht keine wilde Autobahnbolzerei, Ehrenwort. Der Weg ist diesmal das Ziel – und der führt nach Herford.An einem wunderschönen Samstag morgen rauscht das Trio dann über die Würzburger Autobahn in Richtung Norden. Im bordeigenen Unterhaltungsprogramm der K 1200 LT geben »The Police« via Sechsfach-CD-Wechsler (Sonderzubehör) ihr famoses Atlanta-Konzert von 1983. Der Klang des BMW-Soundsystems begeistert besonders (siehe auch Kasten Seite 18). Der serienmäßige Tempomat hält derweil bei allen drei Maschinen konsequent 130 km/h. Autobahnfahrten erhalten durch dieses Schmankerl ihren ganz eigenen Reiz. Äußerst entspannend, der Fahrer kann so den Luxus der Luxustourer in vollen Zügen genießen. Wobei sich das Cruise-Control der Yamaha am einfachsten bedienen läßt. Der Knopf zur Aktivierung befindet sich in zentraler Lage unter dem Cassettenteil, nach seiner Betätigung erfolgt die Kontrolle, sprich das Verzögern oder Beschleunigen, über einen großen Schalter neben dem Gasgriff, womit sich jeder der drei Testfahrer am schnellsten anfreunden kann. Die Steuerung des rasch ansprechenden BMW-Tempomats dagegen obliegt dem linken Daumen, was einem, nach einer kurzen Eingewöhnungszeit, ebenfalls in Fleisch und Blut übergeht. Etwas fummeliger zu bedienen ist das Harley-Pendant, weil der Schalter unterhalb des rechten Blinkerschalters etwas zu klein ausfällt.Tempo 130, die Richtgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen – und auf dieser Tour. Denn viel mehr geht bei der Harley E-Glilde nicht. Ihr nominell 67 PS starker V2 hat mächtig zu tun, um die 388 Kilogramm schwere Fuhre – nebst Fahrer, Beifahrer und Gepäck also satt über einer halben Tonne Gewicht – auf dieser Geschwindkeit zu halten. Vor allem bei Bergaufpassagen gelangt der Big Twin, dessen Fünfganggetriebe sich hart, hörbar, aber präzise schalten läßt, an die Grenzen seines Leistungsvermögens. Von seinen kernigen Vibrationen, die er bei solchen Gewaltakten produziert, dringt dank einer ausgeklügelten Gummilagerung fast nichts zur Besatzung der E-Glide durch.Als weiterer Pluspunkt des mittels Saugrohreinspritzung inhalierenden wunderschönen V-zweizylinders zu verzeichnen: Bis zur 130er Grenze gibt er sich mit weniger als sechs Litern auf 100 Kilometer genügsam. Muß es wirklich schneller vorangehen - und das heißt für die Glide Dauervollgas -, steigt der Konsum freilich dramatisch an. Fast elf Liter - zuviel, um mit dem knapp bemessenen Tankinhalt von nur knapp 19 Litern auch nur halbwegs ansehnliche Entfernungen am Stück abzuspulen. Bei einem Luxustourer eine herbe Enttäuschung.Wie auch das Fahrwerk der Harley. Klar, sie ist Kult, von den Fans inbrünstig verehrt. Doch ihre stark unterdämpften, sehr komfortabel ausgelegten Federelemente treiben einem imTestbetrieb schon manchmal zur Verzweiflung. Daß der Doppelschleifenrahmen sich spürbar verwindet, wäre ja noch zu verschmerzen. Aber daß sich die Glide in den Kasseler Bergen in einer langgezogenen Linkskurve wie ein Rodeopferd aufführt, wenn ihr bei Tacho 160 eine Bodenwelle in die Quere kommt, ist jenseits der Toleranzgrenze. Kollege Kaschel hatte alle Hände voll zu tun, die Harley wieder unter Kontrolle zu bekommen.Ebenfalls mit sehr weich abgestimmten Federelemeten rollt die Yamaha Royal Star Venture daher. Auch sie will bei Geschwindigkeiten über 140 km/h mit feinfühliger Hand auf Kurs gehalten werden. Und ihr Fahrwerk verwindet sich beim Überfahren von Trennfugen und Spurrillen ebenfalls spürbar. Der entscheidende Unterschied zur Harley: Sie dabei immer gutmütig. Und anders als bei der Amerikanerin neigen die luftunterstützten Federelemente der Yamaha bei Trennfugen und Bodenwellen auch nicht zum Durchschlagen. Ein echter Bringer: das V4-Triebwerk der Royal Star Venture. Es verbindet sagenhafte Laufruhe mit genügend Punch aus dem Drehzahlkeller, einem betörenden Klang, gezügeltem Spritverbrauch und einem gut schaltbaren Getriebe. Alles in allem der Motor mit dem höchsten Unterhaltungswert, der im Durchzug bis 140 km/h sogar dem bekannt drehmomentstarken Triebwerk der BMW K 1200 LT überlegen ist. Dennoch, auch bei der LT lassen sich im als Overdrive ausgelegten fünften Gang Überholvorgänge streßfrei erledigen. Das spricht ebenso für den Einspritzmotor wie seine überraschend genügsamen Trinksitten: bei 130 km/h begnügt sich der reihen-Vierzylinder mit lediglich 4,6 Litern Super. Weil die BMW zudem über einen 24-Liter-Tank verfügt, ermöglicht sie – wie auch die Venture – spielerisch Reichweiten von 300 Kilometern und mehr ohne Pause. Das ist eines Luxustourer würdig.Mit knapp acht Litern liegt der Durst der LT auch bei 160 km/h noch im Rahmen. Wirklich ärgerlich: Die starken Vibrationen des ansonsten ruhig laufenden Vierzylinders, die just in diesem Geschwindigkeitsbereich, also um die 5000/min-Marke herum, auftreten. Wie schon bei früheren Test-LT auch bei diesem Exemplar unüberhörbar: die metallischen Geräusche aus dem Antriebsstrang, die vor allem beim Überfahren von Fahrbahnkanten auftreten. Und ebenfalls kein Einzelfall beim bayerischen Luxustourer: das launische Fünfganggetriebe. Mal läßt es sich butterweich und präzise schalten, mal rasten die Gänge nur mit Nachdruck ein, unabhängig von der Drehzahl. Ab und an springt der fünfte einfach raus und rastet im vierten ein.Keinerlei Wankelmut dagegen beim LT-Fahrwerk. BMW setzt damit eindeutig den Standard, so etwas gab es in dieser Klasse bislang noch nicht. Lediglich im Solobetrieb nahe der Höchstgeschwindigkeit machen sich Fahrbahnunebenheiten durch ein leichtes Pendeln bemerkbar. Ebenfalls nahezu perfekt: Dank einer elektronisch in der Höhe verstellbaren Scheibe bietet die BMW den mit Abstand besten Windschutz für Fahrer und Beifahrer. Auch in Sachen Ergonomie und Sitzkomfort liegt die Bayerin klar vorn. Auf der Harley schützt die hohe Scheibe den Oberkörper des Fahrer zwar ebenfalls sehr gut, dafür ist der Kniebereich nicht ganz so toll abgeschirmt, und ihre mit Echtleder bezogene Sitzbank ist etwas zu weich gepolstert. Umgekehrte Verhältnisse bei der Yamaha: Auf ihr sitzt man überdurchschnittlich bequem, aber der Windschutz läßt zu wünschen übrig. Weil bei der deutschen Venture-Version die Scheibe aus zulassungstechnischen Gründen stark gekürzt werden mußte, liegen Kopf und Schulterpartie voll im Fahrtwind, auch der Beifahrer bekommt seinen Teil davon ab. Zudem ist der Passagier auf der Yamaha nicht ganz so bequem wie auf der Harley untergebracht – und schon gar nicht wie auf der BMW.Dennoch, ihre Autobahntauglichkeit haben alle drei Luxustourer bewiesen. und auf Bier und Currywürste verstehen sich der Ostwestfalen tatsächlich blendend. Eh schon in der Gegend, bietet sich ein kleiner Schlenker an, um Schräglagevergnügen von Sauerland und den drei Testkandidatinnen zu überprüfen. Über die schön geschwungenen Landstrassen lassen sich die Dickschiffe durchaus in zügiger Gangart bewegen. Nur ganz enge Kehre mögen sie nicht besonders. Die BMW fährt sich dann kippelig, eiert besonders auf holperigen Asphalt vor Kurven ein wenig herum, läßt etwas Zielgenauigkeit vermissen, will deshalb konzentriert um Ecken manövriert werden. Bei den beiden anderen hoppeln die unterdämpften Gabel auf Bodenwellen um die Wette, der dicke 150er Vorderreifen vermasselt der Yamaha eine saubere Linienführung beim Einlenken in Schräglage. Dazu ermahnen die früh aufsetzenden Trittbretter zur Mäßigung des Tempos – was nicht gleichbedeutend mit Dahinschleichen ist.Stichwort Verzögerung: Alle drei Bremsanlagen erfordern hohe Handkräfte, um die mit Beladung rund 500 Kilogramm schweren Maschinen bei zügigerer Fahrweise zu verzögern. Insbesondere bei der stärksten und agilsten Maschine des Vergleichs, der BMW, hätte man sich etwas herzhafter zupackende Stopper gewünscht. Nicht zuletzt, weil dieser Dampfer auf schnellen, gut ausgebauten Strecken eine hervorragende Handlichkeit offeriert und durchaus zur sportiveren Fahrweise animiert. Trotzdem gilt für alle das Motto: Reisen statt rasen. Dafür wurde sie schließlich gebaut. Und beim Cruisen fällt auch das Leistungsmanko der Harley nicht mehr so stark ins Gewicht, außerdem muß sie dann nicht an jeder Tanke neuen Sprit fassen.Das Fazit nach 1300 Kilometern Testfahrt: Am schönsten wohnt sich’s auf der K 1200 LT. Die gibt’s zwar auch nicht umsonst, aber angesichts über 40000 Mark für die E-Glide gehen 34879 Mark Grundpreis in Ordnung, zumal bei ihr in der Serienversion jede Menge Luxus inklusive ist. Als gelungener Kompromiß zwischen der gemütlichen Amerikanerin und der dynamischen Bayerin bietet sich die Yamaha Royal Star Venture an – nicht zuletzt, weil ihr Einführungspreis taktisch klug von geplanten 31500 auf 29990 Mark heruntergesetzt wurde.

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