Vergleichstest Harley-Davidson Sportster 1200 Custom gegen Yamaha XVS 1300 A Midnight Star (Archivversion) Durch dick und dünn

Lieber einen fetten Japan-Cruiser fahren oder sich für gleiches Geld den Wunsch nach einer sportiven Harley erfüllen? Zwei recht unterschiedliche Varianten, genussvoll über Land zu gleiten.

Es ist schon ein interessantes Paar, das sich durch die engen Gassen
der kleinen Hafenstadt Torri am Gardasee bewegt. Er, ein beleibter Gesell mit einem dicken Wanst von Tank, schiebt zwischen zwei stämmigen Gabelrohren ein fettes Rad vor sich her. Zwischen massiven
Gabelbrücken klemmt ein großer Scheinwerfer. Die oberarmstarken Krümmer des mächtigen Zweizylinders münden in ein chromglänzendes Ofenrohr. Der sesselartige Sitz samt ausufernder Heckpartie ist ebenfalls beachtlich. Ein echter Cruiser eben. Wobei die XVS 1300 A Midnight Star nicht mal der größte Spross in Yamahas Cruiser-Familie ist.
Sie hingegen hält sich vornehm zurück. Eine zierliche Erscheinung von sehniger Statur. Filigrane Rahmenrohre umklammern einen nostalgisch anmutenden, langhubigen V-Motor. Zwei schlanke Gabelrohre führen ein noch schlankeres Drahtspeichenrad. Scheu blickt der winzige Scheinwerfer drein. Wie aufgesetzt wirkt der
kleine Tank, hinter dem sich eine Sitzbank nebst Sitzbrötchen für den Sozius versteckt und, so scheint’s, dem 150er-Hinterreifen nur wenig Platz lässt. Die
Harley-Davidson Sportster 1200, wegen des 21-Zoll-Speichenrads vorn und des 16-zölligen Leichtmetall-Scheibenrads hinten zusätzlich als Custom tituliert, lässt sich schwer einer Kategorie zuordnen.
Doch was führt dieses augenscheinlich so ungleiche Paar eigentlich zusammen? Es bedarf schon genauerer Betrachtung, um durchaus ernsthafte Gemeinsamkeiten auszumachen. Motorisch etwa liegen die beiden nebst gleicher Zylinderkonfiguration mit Hubräumen von 1304 (Yamaha) und 1202 cm3 (Harley) nah beieinander. Gleiches gilt für die Leistungsausbeute.
73 PS sind es nominell bei der XVS 1300 A. Sechs PS weniger, 67, gibt Harley für
die Sportster 1200 Custom an. Beim Einstandspreis schenken sich die beiden ebenfalls nicht viel. Auf die 10792 Euro für den Japan-Cruiser muss man knapp fünf Hunderter draufpacken, um eine Harley in Schwarz zu bekommen.
Technisch wiederum unterscheiden sich die zwei ähnlich stark wie beim Erscheinungsbild. Die Yamaha ist erheblich moderner aufgebaut. Ihr Motor trägt die akkuraten Kühlrippen nur als Eingeständnis an das klassische Styling der Zunft zur Schau. Die kurzhubig ausgelegten Zylinder sind in Wahrheit wassergekühlt, und je eine Nockenwelle betätigt reibungsarm über Rollenkipphebel vier Ventile pro Zylinder. Wen wundert’s in Anbetracht des geräuschdämmenden Wassermantels, dass man schon genau hinhören muss, ob der Twin nach dem Druck aufs Knöpfchen
tatsächlich vor sich hinsäuselt. Zwei Ausgleichswellen sollen Vibrationen des 60-Grad-V2 eliminieren, was ihnen perfekt gelingt. Ganz weich schwingt das Triebwerk bei jeder Drehzahl mit, die Geschmeidigkeit erinnert an einen Elektroantrieb.
Das Thema Lastwechselreaktionen
haben Yamahas Techniker ebenfalls gut
hinbekommen. Sanft geht der Zwei-
zylinder via Einspritzung ans Gas, die XVS gleitet ohne zu ruckeln bereits bei Drehzahlen knapp über Standgas mühelos
dahin. Selbst in Anbetracht der 307 Kilogramm reichen ihre gemessenen 74 PS gut und gern zum Cruisen. Auch aus niedrigen Drehzahlen zerrt der Twin kraftvoll am Zahnriemen, so dass sich Gangwechsel meist erübrigen. Wenn nicht, dann finden die Zahnradpaare leicht zueinander.
Harleys Sportster-Baureihe feiert heuer ihr 50-jähriges Jubiläum. Anlass genug, dem luftgekühlten Stoßstangen-45-Grad-V-Motor nun eine elektronisch geregelte Kraftstoffeinspritzung zu spendieren sowie eine geänderte Bowdenzugführung für
die Kupplung, um das Schalten im etwas
knochigen, aber tadellos funktionierenden Getriebe zu erleichtern. Auf Knopfdruck
ist die Sportster gleich bei der Sache, schüttelt und bebt, dass die Spiegel erzittern. Ihre Schwingungen massieren Hände, Füße und Gesäß gleichermaßen.
Ein Genuss, solange man den Motor nicht über mittlere Drehzahlen hinausdreht. Dann werden aus sanften Schwingungen kribbelnde Vibrationen. Ja, die Harley lebt! Und wie, denn in puncto Drehfreude in Kombination mit bärigem Drehmoment setzt dieser V2 nicht nur für Harley Maßstäbe. Mit 40 Kilogramm weniger Speck auf den Rippen und laut Prüfstand nur zwei PS schwächer als die Midnight Star, kommt die Sportster Custom leichter in Schwung, spurtet schneller voran. Nicht ganz so ihr Ding ist das gemächliche Dahingleiten bei niedrigsten Drehzahlen. Das quittiert der V-Twin mit unrundem Motorlauf und etwas ruppigen Lastwechseln.
Die Custom mag es lieber flotter. Wenn sanfte Schwünge und Kurvenkombina-
tionen ins Spiel kommen, ist sie in ihrem
Element. Die schmale Bereifung, der knappe Rohrlenker, der enge Knieschluss und letztlich auch das vergleichsweise niedrige Gewicht tragen dazu bei, Kurven mit der Sportster gern forscher anzugehen. Das gute Handling spielt mit, leicht fällt die Harley in Schräglage, der im Gegensatz zum Yamaha-Cruiser deutlich später Grenzen gesetzt sind. Die etwas weiche Gabel der Sportster spricht ordentlich an, allerdings gehen die zwei Federbeine früh auf Block, was sich im Zwei-Personen-Betrieb noch verstärkt. Ein Beifahrer hat ohnehin nicht viel zu lachen. Das schmale, nach hinten sichtbar abfallende Soziusplätzchen bietet wenig Halt, und auf den weit vor-
gerückten Fußrasten kann er sich ebenfalls nicht richtig abstützen.
Um Welten besser sind zwei Passagiere auf der XVS 1300 aufgehoben. Selbst der Sozius sitzt fast wie im Chefsessel. Und weil die Federung vorn wie hinten sehr komfortabel und ordentlich gedämpft ausfällt, lässt es sich auch über holprige Landstraßen bequem und entspannt gleiten. Die Beine weit gespreizt, den breiten Rohrlenker zwischen den Armen, fühlt sich der Fahrer auf der Yamaha wie im Führerstand eines Lkw. Umso überraschender die Handlichkeit, mit der das fette Teil durch Kurvenkombinationen jongliert. Ohne Gegenwehr geht das Trumm in Schräglage und richtet sich mit wenig Kraftaufwand wieder auf. Doch mit der
flinken Harley auf Tuchfühlung zu bleiben ist schier unmöglich. Schon bei mäßiger
Neigung schraddeln die Trittbretter hässlich knirschend über den Asphalt.
Also lässt man es etwas gemütlicher angehen, was auch besser zu den Bremsen passt. Damit die schwere Yamaha
angemessen verzögert, muss nicht nur vorn beherzt zugepackt, sondern auch mit
der Hinterradbremse Hilfestellung geleistet werden. Ein ganz normaler Vorgang bei
einem niedrigen Cruiser, dessen Radlast sich beim Bremsen weniger stark verschiebt. Gleiches gilt für die Harley, deren einzelne Scheibenbremse vorn aber etwas mehr Mühe hat, kraftvoll zu arbeiten.
Viel Pflege und Aufmerksamkeit be-
nötigen beide nicht. Ihr wartungsarmer Zahnriemenantrieb ist eine saubere Sache. Da muss sich niemand die Hände schmutzig machen. Ab und an den Luftdruck in den Reifen kontrollieren, was beim schmalen Speichenrad und dem abgewinkelten Ventil im hinteren Scheibenrad der Sportster Custom eine leichte Übung bedeutet. Dann noch nach dem Ölstand schauen. Das geht bei der Harley wegen der Trockensumpfschmierung und dem Peilstab im
separaten Öltank ebenfalls einfach.
Die schwere Yamaha im Lot zu halten und gleichzeitig tief unten ins Schauglas zu linsen ist dagegen eine ganz schön
wackelige Angelegenheit. Dafür muss der Cruiser-Treiber nicht einmal die Hand vom Lenker nehmen, um im elegant flachen
Tachometer zwischen Uhrzeit, Gesamt- und zwei Tageskilometerzählern hin und her zu switchen. Doch im Grunde sind
dies alles nur Kleinigkeiten gemessen an
den großen charakterlichen Unterschieden
zwischen der dicken Yamaha XVS 1300 Midnight Star und der dünnen Harley Sportster 1200 Custom.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel