Vergleichstest KTM LC 4 640 gegen Yamaha TT 600 R (Archivversion) AUF DIE HARDE TOUR

Darf man dem Mythos glauben, reiten echte Männer die Hard-Enduros von KTM, alles andere ist Soft-Ware für die Helden vom Straßencafe. Doch Yamaha hält mit der neuen TT 600 R dagegen.

Grobschlächtige Lederstiefel, abgewetzte Cross-Hosen, staubige Gesichter unterm Dreitagebart - der Hardcore-Endurist, eine ganz besondere Spezies der bereits in der Normalausführung etwas eigenartigen Gattung Mensch. Schotter, Schlamm, Fels - für die Normalen das Ende, für ihn der Anfang. KTM nutzt die Chance, macht aus der Not eine Tugend und versorgt das Häuflein moderner Abenteurer mit ebenso abenteuerlichen wie ruppigen Geländebolzen. Mit wachsendem Erfolg. Und selbst wenn der neue 640er KTM-Einzylinder (Vorstellung Heft 10/1998) mittels E-Starter gezündet und der Abgasstrom durch ein Sekundärkuftsystem mit nachgeschaltetem Katalysator gereingt wird, bleibt’s dabei: Hard-Enduro. Aber was macht Yamaha? Die stricken ein schlankes Off-Road-Gerät mit straffem Fahrwerk, packen den allseits bekannten, leicht modifizierten XT 600-Single rein - und verpassen ihrem Gelände-Renner einen Kickstarter. Typisch Hard-Enduro. Oder war das mit dem Kickstarter nur ein Mißverständnis?Egal, jetzt geht das los. Seitenständer raus und drauf auf den Kickstarter. Upfftsch, upfftsch, upfftsch - na also. Für ‘nen echten Profi eine Lappalie. Hurtig die Fährte der KTM aufgenommen, denn die verschenkt mit ihrem E-Starter keine einzige Sekunde. Und heute ist jede Sekunde kostbar, denn heute kraxeln wir von früh bis dunkel durch die italienischen Alpen. Ein Fels gewordener Enduro-Traum. Aber nur, wenn man weiß, wo’s langgeht. So wie Hermann, unser Scout. 60 Jahre jung, drahtig wie ein Terrier und mit jedem Trampelpfad der Alpen per du. Hermann biegt scheinbar planlos durch enge Gassen und findet dort, wo’s keiner mehr vermutet, tatsächlich einen holprigen Pflasterweg mit Fortsetzung. »Alte Römerstraßen«, erklärt Hermann, »die fast immer über die Berge in ein anderes Tal führen. Fast.«Locker erklimmt die 640er LC 4 die steile Piste, mächtig Qulam in allen Lagen und so spontan am Gas, daß jedes Hindernis auf dem Hinterrad überflogen wird. Schläfriger und ohne diesen aggressiven Biß geht der luftgekühlte Yamaha-Single zur Sache, bringt aber mit 42 PS immer noch genügend Power, um eine lustige Kletterpartie anzuzetteln. Seine angenehmen Tugenden spielt der gute alte TT-Motor ein paar Kilometer weiter oben aus, dort, wo sich der anfangs griffige Belag in loses Geröll oder hinterhältig glitschige Felsplatten verwandelt. Sanfter Bums aus dem Drehzahlkeller schafft berechenbaren Vortrieb, während das 640er KTM-Triebwerk im unteren Bereich wild auf Kette und Hinterrad eindrischt, das mit den fein profilierten Metzeler Enduro 3-Gummis verzweifelt nach Halt sucht. Die Misere findet ihren Höhepunkt als sich Hermanns Römersträßchen in schier senkrechten Serpentinen durch blanken Fels emporwinden. Die spinnen, die Römer. Wer hier stehenbleibt, schliddert unwiderstehlich rückwärts. Und rückwärts heißt Abgrund. Aus Spaß wird langsam Ernst, weil bei beiden Probanten die serienmäßig viel zu lange Endübersetzung dazu zwingt, die grausigen Kehrtwendungen am Steilhang mit der Kupplung zu dosieren. Rumms, dann passiert, was passieren muß: Die KTM, von einer ausgeprägten Kurvenunwilligkeit geplagt, verfehlt die Ideallinie, kommt ins Trudeln, quittiert trotz des tadellos abgestimmten Mikuni-Gleichdruckvergasers ruckartig den Dienst und schlägt, weil der Boden unter den Füßen meilenweit entfernt ist, krachend in den Fels. Drei Paar kräftige Arme ziehen, zerren, wuchten - uff, die KTM steht. Und tropft. Öl. Vom Schalthebel durchschlagen, sabbert die schmierige Brühe aus dem dünnwandigen Kupplungsdeckel. Das war´s dann wohl, oder? Doch Hermann zaubert zwei kleine Tuben (siehe Kasten Seite 38) aus seiner Werkzeugrolle: Kaltmetall, die Rettung.Zehn Minuten später stapft die KTM der TT 600 hinterher, die durch den geschmeidigen Motor, das willige Handling und die grobstollige Pirelli MT 21-Serienbereifung in den verzwickt engen Trialpassagen der hochbeinigen und steifen KTM überlegen ist.Als etwas ärgerlich bei der Felsenkletterei entpuppt sich die zuweilen schlechte Arretierung der unteren Gangstufen am Yamaha-Getriebe, die bei einer ungewollten Berührung mit den grobschlächtigen Cross-Tretern schon mal aus ihrer Position springen. Das kann das knochige, aber präzise zu schaltende KTM-Getriebe deutlich besser.Ein stahlblauer Himmel und schneeweiße Gipfel künden vom vorläufigen Ende der spaßigen Schinderei. Oben. Hier ist nicht nur das Revier der Murmeltiere, hier ist auch das Revier der KTM: Im schnellen Geläuf aus Schotterpisten und zerfurchten Karrenwegen mit weiten Kurven und hinterhältigen Querrillen spielt sie den Leistungsvorteil aus, kehrt sich die monierte Unhandlichkeit zum bombenstabilen Geradeauslauf. Obschon die Yamaha mit einem hochwertigen und fein justierbaren Mix aus 46er Paioli-Gabel und Öhlins-Federbein ausrückt, präsentiert sich das White Power-Fahrwerk der KTM noch einen Tick satter, sicherer, mit mehr Reserven. Hard-Enduro eben.Für den Yamaha-Fahrer heißt`s jetzt zupacken. Mit festem Knieschluß und strammer Hand wird die nervösere TT 600 R über Wellen und Schlaglöcher auf Kurs gehalten, was nichts daran ändert, daß sich die KTM langsam, aber sicher aus dem Staub macht. Kondition und Kraft sollte sich der Yamaha- Reiter noch aus einem ganz anderen Grund antrainieren. Glühend heiß gefahren, knistert der Vierventiler vor sich hin und verweigert nach kurzem Päuschen hartnäckig die Arbeit. Upfftsch, upfftsch, upfftsch, verfluchter Kickstarter, upfftsch, upffftsch.... Man wechselt sich ab, man schimpft und tritt sich schweißnass.Zurück ins Tal, Kaffe trinken, ausruhen. Steil bergab, da nervt die Sitzposition der KTM, deren ausgeprägte und unbequeme Sitzkuhle den Fahrer weit nach vorn zwingt. Die TT 600 R läßt erfreulich viel Spielraum, um Gewicht und Körperposition zu variieren. Nach der zehnten Spitzkehre riecht’s verdächtig nach Bremsbelag. Mit spürbarem Fading, aber ohne Totalausfall zeigen sich die blau verfärbten Bremsscheiben tief beeindruckt von der Talfahrt. In Wirkung und Dosierbarkeit ergeben sich bei den baugleichen Brembo-Zangen nur geringe Unterschiede. Etwas bissiger beim Anlegen die 270 Millimeter kleine, aber dickere Yamaha-Scheibe, sanfter, doch kaum schlechter in der Wirkung die zierliche und luftig durchbrochene 300er KTM-Anlage.Schnöder Asphalt hat uns wieder, Gott sei Dank in seiner schönsten Form. Eng gewunden und verschlungen. Die Yamaha torkelt und rutscht auf den grobem Pirelli-Stollen, von denen einige im Fels geblieben sind, ziemlich unbeholfen um die Ecken und pendelt ab 140 km/h aufgeregt daher. Dafür halten sich die Motorvibrationen selbst bei hohen Drehzahlen in Grenzen. Was man vom agilen KTM-Single nicht behaupten kann. Die kleine Ausgleichswelle kämpft einen aussichtslosen Kampf gegen die Massenkräfte des auf 625 cm3 aufgestockten Motors. Hard-Enduro hin oder her, bei Reisetempi über 120 km/h ist Schluß mit lustig. Lenker, Rasten, Sitzbank, Tank, alles bebt und zittert. Schade drum, denn der Kurvenspaß mit der LC 4 ist vom Allerfeinsten. Nicht gerade wieselflink, dafür mit stoischer Ruhe fegt das Alpen-Krad zielgenau, wie an der Schnur gezogen über die Paßstraßen. Egal ob holprige oder frisch gewalzte.Bevor sich die ausgepowerte Mannschaft über Pasta, Pizza und Weinchen hermacht, steht ein gründlicher Material-Chek auf der Tagesordnung. Und auch dabei verbucht die KTM leichte Vorteile. Solide verarbeitet, mit der jahrelangen Erfahrung aus zig Cross- und Gelände-Welmeisterschaften, gibt’s an der KTM kaum was zu meckern. Klar, die Sache mit dem leckgeschlagenen Kupplungsdeckel, den fehlenden Reifenhaltern oder die fummelige Luftfilterbefestigung mit Drahtbügel gehören auf die Mängelliste, aber sonst - tadellos. Anerkennung auch für die bei Belgarda in Italien erdachte und gebaute Yamaha TT 600 R. Klasse die Schnellverschlüsse des Luftfilters, perfekt das Schauglas zur Ölkontrolle, die solide Kettenführung, die elastisch aufgehängte Lampenmaske. Andererseits ist die Abdichtung des Luftfilterschnorchels zum Hinterrad ebenso wenig pefekt wie die lose verlegten Elektrikbauteile unter der Sitzbank.Jetzt aber hurtig die Kisten zusammengesteckt und ab zum Gelage. Morgen geht’s noch mal drunter und drüber. »Punkt acht brummen wir los«, grinst Scout Hermann, » der mit der Yamaha sollte ein paar Minten früher ausstehen«.

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