Vergleichstest Naked Bikes (Archivversion)

Schauen oder fahren

Verdammt schwer, dieser Vergleichstest. Zwei Motorräder, so schön, dass man sie am liebsten immer nur bewundern möchte. Andererseits versprechen sie auch allerhöchsten Fahrgenuss.

MV Agusta und Ducati, Marken, die jedem Italofan das Herz höher schlagen lassen. Da riecht die Luft nach Rennsiegen, als ob Helden wie Giacomo Agostini und Carl Fogarty gerade erst über die Ziellinie gedonnert wären. Freilich verstecken Brutale und Monster S4R ihre hochkarätige Technik nicht hinter Rennverkleidungen; sie präsentieren ihre faszinierenden Motoren völlig unverhüllt. Die Ducati jenen legendären Vierventil-Desmo, der in seiner Urform die 916 befeuerte. Die MV zeigt den F4-Reihenvierzylinder, dessen Ventile sich aufwendig radial im Zylinderkopf gruppieren.Ein schöner Nebeneffekt: Diese supersportlichen Antriebe können ohne schmerzende Handgelenke und Genickstarre genossen werden. Ein ganz neues Gefühl: MV-Fahren, völlig entspannt. Für Monster-Treiber nichts Neues, allerdings in einer solch sportlich zurechtgerückten Form bisher nur getunt möglich. Die Einarmschwinge erlaubt eine engere Krümmerführung, macht zusammen mit den hochgezogenen Auspufftöpfen endlich ambitionierte Schräglagen möglich. Bereits 300 Meter nach Verlassen der Redaktions-Tiefgarage flippen die Ersten aus. Während der Rotphase an einer großen Kreuzung lassen sie ihre 996 und GSX-R achtlos an der Haltelinie stehen, umtanzen Brutale und Monster voll Begeisterung; der unvermeidliche Stau bei Grün kümmert sie nicht. Besonders die MV hat es ihnen angetan, deren stilvolles Arrangement und perfekte Verarbeitung bis ins letzte Detail eine Klasse für sich ist. Da kann die Ducati nicht ganz mithalten, deren wassergekühlter Motor sich nicht so harmonisch ins Gitterrohrfahrwerk schmiegt wie die luftgekühlten Zweiventiler. Das ändert nichts an den Qualitäten des Desmoquattro. Ausgeglichenes, doch beträchtliches Temperament zeigt der 996er. Und wird nach einem rappeligen Bereich, der bis zur 3200er-Marke reicht, erstaunlich kultiviert. Ab da vibriert der V2 kaum mehr, nicht einmal, wenn bei rund 7200 Umdrehungen sein Ton trocken und hart, seine Zugkraft unwiderstehlich wird, er gar einen Hang zur Brutalität offenbart. Zweierlei bringt einem dieser »alte« Motor mit Nachdruck bei: Erstens muss es für ein Motorrad wie die Monster S4R kein neuer Testastretta sein, zweitens schlägt er den Brutale-Antrieb um Längen. Wegen geänderter Einlasskanäle und Steuerzeiten gibt sich der MV-Vierzylinder weniger hochtourig als in F4S-Spezifikation, fühlt sich aber immer noch in den oberen Drehzahlregionen am wohlsten. Was er durch begeistertes 10000er-Gebrüll im Gegensatz zu eher lustlosem 4000er-Röcheln auch akustisch zum Ausdruck bringt. Die Umwelt kriegt davon gar nicht viel mit, der Fahrer, der mit den Ohren gleichsam in den Ansaugtrichtern sitzt, schon. Mit Hilfe dieses akustischen Drehzahlmessers bleibt er ständig konzentriert und aufmerksam bei der vielen zu leistenden Schaltarbeit und beim Bemühen, mit viel Gefühl die ruppigen Lastwechsel zu glätten. Seine Vibrationen gibt der MV-Antrieb deutlich spürbar an den Piloten weiter.Erst recht setzt sich der Ducati-Motor positiv in Szene, wenn es um Abgas und Verbrauch geht. Da steht der S4R mit blitzsauber eingehaltener Euro-2-Norm und 4,7 Liter Landstraßenverbrauch eine rüpelhaft saufende und pestende Brutale gegenüber. Natürlich wird ein MV-Verliebter sich an den Kosten für durchschnittlich 8,6 Liter auf 100 Kilometer kaum stören. An der mageren Reichweite aber schon. Wer so bequem MV fährt, hält nicht gern zum Tanken.Die Fahrt über die Alb Richtung Südosten mit teils holprigen, meist schmalen, verschlungenen Straßen bietet großen, jedoch keinen ganz ungetrübten Genuss. Die lang gestreckte Monster, die ihren Fahrer energisch zum breiten Lenker nach vorn zieht, mag ganz enge Kurven nicht so gern. Hingegen mag die kompakte Brutale, die sich anfühlt, als wäre ihr Radstand nicht 26 Millimeter, sondern 50 Zentimeter kürzer als jener der S4R, zwar alle Arten von Kurven, jedoch keine gröberen Bodenwellen. Beim Überqueren teilt ihre hart gefederte, straff gedämpf-te Hinterhand kurze, heftige Schläge aus. Wohl bietet das Federbein von Sachs zahlreiche Variationsmöglichkeiten inklusive High- und Lowspeed-Einstellung der Druckdämpfung. Und wer kapiert hat, dass das Bedienerhandbuch mit »hydraulische Kompressionsbremse für hohe Gänge« genau diese Highspeed-Druckdämpfung meint, sowie den umgedrehten Verstellmechanismus enttarnen konnte, bekommt für jedes Komfortbedürfnis detaillierte Empfehlungen. Doch nicht einmal das weichste Set-up hilft so richtig. Es stellt nur für eine gesunde Bandscheibe kein Problem mehr dar.So gerät der Monster-Fahrer bei der Auffahrt zum Lochenstein angesichts langer, weit herumgezogener Kurven, dem Lieblingsslalom seines Motorrads, fast in Ekstase. Während der »Brutalista«, vom beinahe wellenfreien Belag zu leichten Anfällen von Übermut verleitet, vorsätzlich aus den Kurven zu driften beginnt. Anhalten beim Treffpunkt oben neben der letzten Kehre will da natürlich keiner. Lieber nochmal runter-, wieder hinauf- und weiterfahren.Beim nächsten Tankstopp erntet die MV Lob für ihre unerschütterliche Direktheit, die im Zusammenspiel mit der versammelten Sitzposition schon den Hauch kritischer Situationen spür- und damit kontrollierbar macht. Die Monster gefällt durch ihre Neutralität. Dank der homogenen Kontur des hinteren 180er-Pirellis auf der 5,50-Zoll-Felge kennt sie über den gesamten Schräglagenbereich keine Kippneigung und kaum Aufstellmoment, das bei der breit bereiften Brutale spür-bar wird. In leichtes Knautschen gerät die Monster beim Schrägfahren durch ihre weiche Hinterradfederung, die man jedoch mit viel Dämpfung im Zaum halten kann. Reserven für den Soziusbetrieb bleiben der S4R fast keine; wahrscheinlich bietet sie deshalb für den Passagier nur einen Notsitz. Auf die gleiche Weise erstickt die Brutale den Wunsch nach langen Touren zu zweit.Zwei Solisten müssen sich daran nicht stören, swingen weiter westwärts in den Schwarzwald hinein und dann nach Norden. Schließlich liegen dort ganze Hundertschaften von Kurven über die Täler und Höhen gebreitet. Weil alle gut aufeinander eingespielt sind, zieht das Tempo etwas an, entsprechend länger, nicht unbedingt härter fallen die Bremsmanöver aus. Für beide Bremsanlagen kein Problem, die würden nicht einmal auf der Rennstrecke nachlassen. Kurz vor der abermaligen völligen Selbstvergessenheit im Kurvenparadies rollt der Ducatista plötzlich am Straßenrand aus. Sein rechter Rückspiegel dreht sich lose im Gewinde. Kontermutter aufgegangen. Warum die Mutter sich losgeschüttelt hat, ist weniger banal. Beim Anbremsen einer Kurve, auf einem Stück welligen Asphalts, geriet der Vorderbau in hochfrequente Schwingungen. Nicht heftig und durch kurzes Lösen der Bremse sofort zu stoppen, aber sehr irritierend. Zumal sie später beim Anhalten und Anbremsen unsystematisch erneut auftreten.Die Untersuchung der S4R fördert kein Fahrwerksproblem zutage, sondern schlicht schludrige Verarbeitung. Neben anderen Detailmängeln, die mit dem Vorderradrattern sicher nichts zu tun haben, fiel auf, dass beide Motorverschraubungen zu schwach angezogen waren, die Bremsscheiben über den Umfang starke Veränderungen der Oberfläche zeigten. Mit festgezogenen Bolzen und weniger aggressiven Bremsbelägen kam das Rattern dann nicht mehr vor. Trotzdem sitzt dem Monster-Fahrer die Unsicherheit in den Knochen. Sollte seine bella Donna nicht nur kapriziös, sondern für teures Geld sogar regelrecht schwierig sein? Eine Furcht, die er ausräumen muss. Er dringt auf eine weitere Ausfahrt.Der MV-Pilot, dessen kunstvoll auf-gebautes Motorrad über jeden Zweifel erhaben ist, macht lächelnd mit. Gemeinsam setzen sie nochmals die Schwarzwaldstraßen in Brand, finden am Abend einen Aussichtspunkt, der einen weiten, tiefen Blick gewährt. Über die Landschaft und das Erlebte. Es hat nicht nur mit der milden Abendsonne zu tun, dass die Monster wieder in schönerem Licht erglänzt. Man muss sich eben in sie hineindenken, hineinhören, ihre Schwächen kennen lernen und ausbessern lassen. Den voraussetzungslosen Genuss bietet ohnehin keine der beiden Italienerinnen. Sie verlangen Einsatz und Hingabe in der einen oder anderen Form. Wie alles, was am Ende wahre Freude bringt.
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MV Agusta Brutale S, Ducati Monster S4 R (VT) (Archivversion)

Trotz der Abzüge in der Verarbeitungsqualität bleibt die Ducati Punktsieger. Motorcharakteristik, Verbrauch, Schadstoffemissionen und nicht zuletzt der Federungskomfort bringen die Monster S4R nach vorn. Das geht, ein sorgfältig aufgebautes Motorrad vorausgesetzt, auch in Ordnung. Wer also eine S4R kauft, sollte sie genau untersuchen, insbesondere auf ein ominöses Rattern achten und beim ersten Anzeichen auf eine Untersuchung des Phänomens und Abhilfe drängen.

MV Agusta Brutale S, Ducati Monster S4 R (VT) (Archivversion)

Die MV Agusta hat eine kapriziöse Motorcharakteristik, eine unkomfortable Hinterradfederung, sie kostet viel und braucht viel zu viel Sprit. Das bringen wir in Wort und Zahl getreulich zum Ausdruck. Alles andere, was das Wesen der Brutale ausmacht, von ihrer Energie, ihrer Ehrlichkeit, Kompromisslosigkeit und Schönheit handelt, ist mit Worten nur sehr schwer zu vermitteln. Am ehesten mit knappen: Sie ist Kunstwerk und begnadete Fahrmaschine in einer Gestalt. Einfach klasse.

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