Vergleichstest Naked BikesBMW R 1150 RHarley-Davidson Dyna Super Glide SportTriumph Speed TripleYamaha XJR 1300 (Archivversion) Cool and the gang

Vier Lederjacken. Vier Glatzköpfe. Vier dunkle Sonnenbrillen, elf Zylinder, ein Betrug. Und noch 300 Meilen bis Hamburg.

Der Tag war so schwül wie ein gut abgehangener Blues. Und sie waren sich einig. Dreister Auftritt, Kohle fassen, Abmarsch. Wie in alten Zeiten. Niemand würde damit rechnen. Türsteher betrügt man nicht. Aber genau das war geschehen. Die Vier hatten den Rausschmeißer-Contest in folgenden Disziplinen gewonnen: Bösester Blick, sehnigster Oberarm, abschreckendstes Tattoo. Und härtester Einsatz: Guido Westerwelle wurde der Eintritt in eine Disco aufgrund seines Seitenscheitels verwehrt. Allerdings hatte das Komitee sie um ihre Siegprämien betrogen. Der Treffpunkt war klar. Pforzheim, Tankstelle. Westseite, 7:33 Uhr. Das Ziel auch: Hamburg, Containerhafen. Büroraum Scherge, Untergeschoss, dritte Tür links. Klingen-Karl traf als erster ein. Lehnte sich und seine Yamaha XJR gegen die Zapfsäule Nr. 6 und verhakte seine Blicke am tickernden Bike. Breiter Lenker, komfortable Sitzbank, Vierzylinder, 1300 cm³, 110 PS mit einem Drehmomentgebirge, bestens geeignet, Baumstämme zu bergen: 110 Nm bei 6600/min. Grund zur Euphorie? Nein. Klinge war alles egal. Nasebohren war der einzige Beweis, dass er gelegentlich in sich ging. Handsome Tom rockte auf. Kurzes Nicken, Zigarette, Feuer. Es gab Dinge, über die redete er nicht einmal mit sich selbst. Sein Bike: Eine BMW R 1150 R. Ausgestattet mit allerlei Schnickschnack: ABS-Verbundsystem mit elektrischem Bremskraftverstärker, Heizgriffen, Kofferhaltern und kleinem Windschild. Das Herz: ein Boxermotor mit 84 PS – wahre Coolness bedeutet, der ganzen Welt das Gefühl zu geben, sie könne einen mal. Oder, sei‘s drum, trotzdem BMW zu fahren. Bulle Motzki, solariumbraun, dritter im Bunde, fuhr Harley. Seine Zähne waren so strahlend weiß, dass selbst die Zunge eine Sonnenbrille trug. Der Blick stets so cool, dass Steine nach einer Schmusedecke gierten. Sein Baby, eine Dyna Super Glide Sport, schüttelte gesunde 68 PS aus ihren 1450 cm³ und reichte schon kurz über Standgasdrehzahl 80 Nm ans Hinterrad weiter. Genug, um die Fuhre dank riesiger Schwungmasse traktormäßig vorwärtsstampfen zu lassen. Etwas, worauf Atze Braun, Vierter der Truppe, neidisch sein könnte. Atze jedoch war nie neidisch. Alkohol war der einzige Feind, den er lieben gelernt hatte. Und zugleich auch sein letzter Freund. Seine einzige Liebe: die Triumph Speed Triple. Mit 120 PS die Stärkste im Quartett der Nackten. 955 cm³ mit glubschäugigen Lampen, einer kunstvollen Einarmschwinge und bumerangförmigem, kleinem Windschutz. Synchron schnippten sie die Fluppen, misstrauten der Uhr und schwangen sich in die Sättel. Die Autobahn im Visier, die Räder in Rotation. Wohnwagende Holländer machten vom verbrieften Recht auf Benutzung der linken Fahrspur Gebrauch, vereinzelte Geisterfahrer zeigten sich entgegenkommend. Endlich freie Bahn. Topspeed. Motzkis Harley kapitulierte bei 170 km/h und schwänzelte, wenn man sie dazu anregte, wie ein junger Pitbull. Blieb ansonsten jedoch ebenso cool wie’s Herrchen. Toms BMW fand fast ohne Eigenleben bei 209 ihr Limit, Klinges Yamaha kletterte auf 224, Atzes Triumph war bei 244 km/h am Ende. Die nächste Abfahrt schrie nach Beachtung. Der Ruf verhallte nicht ungehört.Hinter coolen Sonnenbrillen relaxten ebensolche Gedanken. Hamburg lag quasi um die Ecke. Versteckte sich hinter Westerwald, Sauerland, Heide. Und Gauner-Scherge war erst abends greifbar. Zeit genug also. Der alte Schwur, wirklich alles zu teilen, griff wieder. Die Bikes wurden getauscht. Bulle Motzki, die dickste Harley-Brille auf, die es gibt, bestieg die Yamaha. Alle wussten, was kommen würde. Der vierzylindrige Motor der XJR trägt den Namen Bigblock zu Recht. Und dass bigger oft auch better ist, dafür steht er Pate. Als Quell schier unerschöpflicher Kraft animiert der 1300er gar zum überschnellen Durcheilen der Gänge. Ehe man sichs versieht, ist schon bei 50 km/h der fünfte und letzte in seiner Arretierung. Ehrlich: Niemandem würde auffallen, wenn die dicke Yamaha nur einen Gang hätte. Bis 5000/min gibt sich der Motor seidenweich. Darüber versendet er feine Vibrationen. Wenn er denn will. Im heißen oder gar eiskalten Zustand ignoriert er mitunter Startbefehle wie so manche Stripperin den Winter. Sei’s drum. Das 2002er Modell bewirbt sich mit gelungener Fahrwerksabstimmung. Die Gabel spricht enorm feinfühlig an, ist aber straff genug, um sich bei Vollbremsungen gegen Durchschlagen zu schützen. Die ebenfalls sensiblen Öhlins-Federbeine schmeicheln allen Beifahrern vom Hungerhaken bis zum Sumoringer. Damit werden auch die Bremsen locker fertig. Sie sind sehr gut dosierbar und effizient in der Wirkung. Sohlentechnisch verhilft der Michelin Macadam 90X der Dicken gegenüber dem Dunlop D 220 zu besserem Geradeauslauf, exakterer Lenkpräzision und leichterem Handling. Wozu nicht zuletzt auch die sehr relaxte Sitzposition ihren Teil beiträgt. Das beteuern alle. Mit Ausnahme von mürrischen Harley-Fans. Bulle Motzki machte seinem Namen alle Ehre. Spätestens bei schnell gefahrenen, engen Wechselkurven werde das Gewicht des Motors wie ein Bleiklotz wirken. Klingen-Karl nahm einen Zettel und rückte die Dinge zurecht: Gewicht Harley: 297 kg. Gewicht XJR: 249 kg. Keine Fragen. Minutenlanges Schweigen. Danach startete Motzki die BMW. Bremsen mit der 1150 R ist fast wie Sex mit einem Außerirdischen – total anders. Die Front will nicht wegnicken, die Bremse sträubt sich gegens Dosieren, die Räder gegens Blockieren. Letzteres verdankt die Bayerin dem ABS, ersteres einer patentierten Vorderradführung. Schuld am merkwürdig, abrupten Zugreifen der Bremse ist ein elektrischer Bremskraftverstärker, der, Originalzitat Motzki, »ungefähr so sensibel ist wie eine kleine Atombombe.« Man kann sich an alles gewöhnen. Auch an die Kardanreaktionen der BMW. Und erst recht an ihre überraschende Handlichkeit. Denn die 1150 R lässt sich von den Vieren am einfachsten durch Kurven und Kehren führen. Beeindruckt mit Lenkpräzision und Neutralität. Mehr noch. Ab einer bestimmten Schräglage neigt sie sich von selbst hinein. Und zwar so harmonisch, als wäre sie Teil des eigenen Körpers. Doch jeder Körper ist anders. Nach nur 80 Kilometern spuckte die BMW Motzki aus dem Sattel: Interaktiv zu fahren sei die BMW. Böte keine Rückmeldung über Bodenbeschaffenheit, hätte eine trampelnde Hinterhand und einen ereignislosen Motor, der – im Vergleich zur muskelprotzigen Yamaha – von Drehmomentschwächen geplagt würde. Und wehe, man sei ruppig zum Gasgriff. Das würde sie schwerlich verzeihen und völlig aus der Bahn kippen. Zudem sei Bremsen wie Strom abschalten bei einer Carrera-Bahn. Handsome Tom nahm’s gelassen. Motorradfahren ist eins. BMW fahren das andere. Die Vier stiegen in einem Imbiss ab. Ein Deckenventilator verteilte die Stille, die Wand warf englische Buchstaben in den Raum: My wife run away with my best friend. I miss him very much. Der Wirt war besudelt mit Ketchup und so unglaublich dick, dass er zwei kleinere Frauen in seiner Umlaufbahn beschäftigte. Bierkorken knallten. Nahrung sprang in die Mägen, die Triumph Speed Triple von Atze Braun kurze Zeit später auf den ersten Knopfdruck an. Der Sound der Triumph ist aggressiv. Knurrig wie ein verärgerter Hund, giftig wie eine Katze, wenn man ihr einen Whiskas-Schleckertöpfchen abspenstig macht. Schon die Sitzposition signalisiert: Angriff. Streetfighting forever. Breit ist der Lenker, giert nach festem Griff. Ebenso kaltschnäuzig wie der Doppelscheinwerfer stemmt sich der Oberkörper des Piloten vor. Den Rest des Körpers saugt der englischen Drilling an. Cheerio Miss Sophie. Der Motor giert enthusiastisch nach Drehzahlen, beglückt mit Leistung, verschenkt das Gefühl stetiger Siege. Lupft auf Kommando das Vorderrad, torpediert die Fuhre hoch motiviert in die nächste Kehre. Diesen Stürmen ist die Bremsanlage bestens gewachsen: Extrem standfest, hervorragend dosierbar und genial in ihrer Wirkung, bietet sie der überschwenglichen Motivation des Motors Paroli. Passend zum Fahrwerk. Es ist gefühlsmäßig sehr straff in der Grundabstimmung, voll einstellbar, handlich, zielgenau und stabil. Kurven räubern wird mit der englischen Rebellin zur Droge. Sie saugt sich die Radien rein, wie sie kommen.Bulle Motzki mochte alles. Außer Drogen und Spinat. Rauschmittel, wie die Triple fand er ganz besonders schattig. Sie stelle sich beim Bremsen unglaublich stark auf und neige zum Lenkerschlagen. Hinzu kämen fehlendes Drehmoment im unteren Drittel und Fahrwerksunruhen, die über den breiten 190er-Schlappen durch Bodenwellen eingeleitet würden. Außerdem sei die Schaltung knochig.Schaltung? Ein einsames Lächeln rüttelte an den Mienen von Klinge, Atze und Tom. Schließlich hatten sie Motzkis Harley 400 Kilometer lang bewegt. Technisch gesehen gewann sie gegenüber ihren Bikes keinen Blumentopf. Sie rebellierte, wo sie nur konnte. Scherte sich den Teufel um Durchzug, Beschleunigung, Topspeed. Verlangte bedingungslose Liebe vom Sozius, Krafteinsatz beim Kuppeln und Schalten sowie ambitionierten Fahrstil. Wollte man annähernd so zügig unterwegs sein wie die Mitstreiter, musste der Fahrer ran. Und zwar richtig. Mangelnde Lenkpräzision, Handlichkeit, Kurvenstabilität und Bremsleistung hatte er durch Korrekturen sowie körperliche Fitness auszugleichen. Aber, wer will mit einer Harley schon schnell unterwegs sein?Genau diese Rebellion, die Ignoranz gegenüber gesellschaftlichen wie technischen Normen, ist es, die Harley fahren so einzigartig macht. Jeder Startvorgang ist ein Erlebnis. Der Motor groovt in seiner dicken Gummilagerung wie ein tiefschwarzer Rapper. Unter 3000/min massiert die Schwungmasse, über 4500 kribbelt’s energisch, bei 5500 beginnt der rote Bereich. Erlebniswelt Big Twin. Kolbenhübe, lang wie Weizenbiergläser. Armaturen, beschränkt auf das Nötigste. Bauteile, die alles wollen, nur nicht am Gewicht sparen. Ein unterdämpftes Fahrwerk, das den Fahrer teilhaben lässt an seinen Abenteuern. Ein Bike für echte Kerle. Damit ist die Legende, Cruiser würden nur diejenigen kaufen, die sowieso nicht fahren können um eine Ausrede zu haben, widerlegt. Der Nachmittag stand ebenso kurz vor seinem Exitus, wie die vier vor Hamburg. Zwei Zigarettenlängen und eine rauchgeschwängerte Bar später zersplitterte die Tür zu Scherges Büro. Bares durchkreuzte schwielige Hände ebenso schnell wie die Vier Scherges unbekannte Pläne. Dieser tauschte Teller gegen Schnabeltasse, hatte ab sofort azurblaue Augen und noch mal Glück gehabt. Aber was war schon Glück? Aus dem Volksmund verlautet, dass es sich verdoppelt, wenn man es teilt. Alles Quatsch. Klingen-Karl sagt: Wenn es dich verlässt, fahr einfach hinterher. Egal, womit. Hauptsache fahr. Wenn’s sein muss, in den nächsten Sonnenuntergang.

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