Vergleichstest: Reise-Enduros (Archivversion)

Jenseits von Bavaria

Es ist eine fremde, exotische Welt, die der Reise-Enduros jenseits der BMW R 1200 GS. Dort tummelt sich eine bunte, italienisch-amerikanische Gesellschaft, bei der allein schon die findige Namesgebung Abenteuer pur verspricht.

Granpasso! Das ist mal ein Name! Der Große St. Bernhard rückt ins Bewusstsein. Oder die Großglockner Hochalpenstraße. In jedem Fall etwas Mächtiges, Erhabenes. Kein Wunder angesichts der Ausmaße der neuen 1200er-Moto Morini. Die Granpasso wirkt auf kleine Menschen fast wie ein Gebirge.

Mindestens ebenso wohlklingend hat Moto Guzzi seine jüngste, nicht minder mächtige Großenduro-Kreation getauft. Stelvio – da klingelt es bei Alpen-Kennern sofort, winden sich die berühmten 48 Kehren umgehend das Hirn rauf und runter. Links, rechts, links, rechts – wem würde da nicht schon im Stand schwindelig.

Für all jene, denen das Stilfser Joch als Abenteuer gleichwohl zu „hausbacken“ erscheint, hat Benelli was im Angebot. Der Name ist Programm. Die Amazonas kommt in giftigem Gelb daher, mit dem heiseren Balzgehabe ihres brachialen Dreizylinders. Das hört sich in der Garage mindestens so exotisch an wie morgens früh um fünf im Urwald. Nur lauter natürlich. Trotzdem: Eigentlich braucht man nicht mehr wegzufahren.


Gleiches gilt bei der Ulysses. Sagenhaft, bereits im Stand! Sirenen singen, Zyklopen schmatzen, betankt wird der Rahmen, und die Schwinge speichert Öl. Mittendrin ein Motor wie der Olymp. In der XT-Version ist die Reise-Enduro leichter zu erklimmen, weil Buell die Federwege gegenüber der XB12X um rund 40 Millimeter gekürzt hat. Außerdem wird gleich serienmäßig mit-geliefert, was es an Koffern, Topcase und Windschild für längere Irrfahrten braucht (siehe Kasten Seite 41). Keine Frage: Die Buell ist für die große Tour gerüstet.

Aber wohin bei all dieser Nomenklatur? Die Gestade des Hades sind selbst für gestandene Testredakteure zu grauselig, Brasilien ist arg weit weg, und die Alpenpässe sind mitten in den großen Ferien so voll wie Stuttgarts Einfallstraßen im Berufsverkehr. Bleibt die Schwäbische Alb als perfekte Alternative. Mit Kurven und Kehren jeder Art, mit Schnellstraßen und Schotterpisten, mit exotischen Speisen (Ochsenmaulsalat!) und einer Sprache, die nur die Einheimischen verstehen. Warum in die Ferne schweifen, wenn das – für alle Nicht-Schwaben – Fremde liegt so nah?

Kaum sind die ersten Ausläufer der Alb erreicht, grüßt, wie eigentlich immer und überall, eine Wohlbekannte. Schnarrt typisch vor sich hin und wirft sich mit gewohntem Selbstvertrauen in die engen und weiten Kurven, fährt einen blitzsauberen Strich, macht die Verfolgung schwer. Ein BMW-R-1200-GS-Treiber beim flotten Ritt über seine Hausstrecke. So, als wollte der bayerische Evergreen gleich zu Beginn der Tour noch einmal zeigen, wo in dieser Klasse der Hammer hängt (siehe Kasten rechts). Jawohl, die Botschaft ist angekommen. Im Geiste fährt die bayerische Abenteuer-Queen fortan immer mit.


Auf der Moto Guzzi tut sie das ohnehin vom ersten Meter an. Zu nahe liegen die Konzepte beieinander. Beide strecken ihre mächtigen Zylinder zur Kühlung rechts und links ins Freie, beide treiben das Hinterrad mit einem in einer Einarmschwinge laufenden Kardan an. Zu ähnlich ist auch das Fahrgefühl. Keine Frage, bei der Abstimmung der mächtigen, voll einstellbaren 50-Millimeter-Upside-down-Gabel haben die Guzzi-Ingenieure den BMW-Telelever im Sinn gehabt. Ganz weich, ganz fein ansprechend, federt sie selbst kleinste Unebenheiten picobello weg und ist im Höchstmaß komfortabel. Kehrseite des Komforts: Ihre Rückmeldung ist nicht so knackig wie die der italienischen Konkurrenz. Obwohl Granpasso und TreK 1130 Amazonas ihr Vorderrad ebenfalls mit einer 50er-Upside-down-Gabel führen, sind sie spürbar straffer abgestimmt und liefern daher eine eindeutige Rückmeldung, können auf der anderen Seite nicht mit dem Komfort der Guzzi-Gabel glänzen.

Auch ansonsten stellt sich auf ihnen der Vergleich zur GS nicht so zwingend wie auf der Stelvio. Bei der Benelli mit ihrem wassergekühlten Reihendreizylinder und einem Brückenrahmen aus Stahl ist das schon konzeptionell kein Wunder, während es auf der Moto Morini erstaunt, wie wenig zwei V2-Motoren mit rund 1200 cm³ in einem Gitterrohrrahmen gemein haben können.

Wobei es eindeutig der fulminante V2 und weniger das Fahrwerk ist, welcher der Granpasso – wie bereits den Schwestern Corsaro und 9 1/2 – seinen Stempel aufdrückt. Und zwar von der ersten Kurbelwellenumdrehung an. Der gemessen 122 PS starke, kurzhubige (107 x 66 Millimeter) Moto-Morini-Vierventiler begeistert mit Spritzigkeit und Drehfreude. Wenn er ab 3500/min loslegt, wächst trotz der nur milde profilierten Metzeler-Tourance-EXP-Bereifung kein Gras mehr, und der Asphalt wellt sich. Rein kräftemäßig kann ihm bis 6000/min nur der 45-Grad-Vau der Buell die Stirn bieten, der jedoch nicht mit dem spontanen Wesen des Morini-Twins mit-halten kann.


Und anders als in der Vergangenheit gibt das Mapping keinen grundsätzlichen Anlass zur Klage. Klar, der Verbrauch fällt wie bei Morini gewohnt mit 5,8 Litern selbst bei verhaltener Landstraßenfahrt hoch aus. Dafür ist das Ansprechverhalten homogen. Die Granpasso hängt, wenn die mächtigen 54er-Drosselklappen aufgezogen werden, spontan am Gas, ohne dass der Leistungseinsatz, wie so oft bei großvolumigen Zweizylindern, zu hart kommt. Und auch von dem Konstantfahrruckeln bisheriger Morini-V2 ist in der Granpasso-Konstellation nichts zu spüren.

Unterm Strich ist der Motor also ein echter Sympathieträger, dem die Peripherie zum Glück kaum nachsteht. Draufsetzen, losfahren, wohlfühlen – zumindest für große Menschen, die den beträchtlichen Abstand zum Lenker locker überbrücken können, hat dieser Dreiklang weitgehend Gültigkeit. Nicht übertrieben handlich, dafür ausgesprochen neutral lässt sich die Granpasso von einer Schräglage in die andere werfen, zieht zielgenau ihre Bahn und hält selbst bei heftigen Bremsmanövern stramm den Kurs. So viel zum gelassenen Teil ihres Wesens.


Kommen wir nun zum Funbike in der Granpasso. Die Morini baut mit 1490 Millimeter Radstand in diesem Testfeld verhältnismäßig kurz, einzig die Buell ist mit 1370 Millimetern deutlich kürzer. Gleichzeitig wiegt die Granpasso trotz des mächtigen 27-Liter-Tanks mit 235 Kilogramm am wenigsten. Dazu kommt das gut abgestimmte Fahrwerk mit überzeugendem, direkt an der Schwinge abgestütztem Öhlins-Federbein sowie eine fahraktive Sitzpositon. Das alles führt zu dem Ergebnis, dass es übermütige Naturen auf der weißen Riesin (die Sitzhöhe beträgt immerhin 880 Millimeter) gerne mal krachen lassen, aus engen Kehren und beim Ampelstart keck das Vorderrad lupfen, kurz: das Kind im Manne herauskehren. Ein höchst amüsanter Zeitvertreib nach Feier-abend auf der Hausstrecke – aber natürlich nicht das vornehmste Betätigungsfeld einer Reise-Enduro.

Benelli hat das erkannt und der TreK 1130 Amazonas mit dem weit vorne platzierten Dreizylinder und einem ellenlangen Radstand von 1530 Millimetern eine nahezu Wheelie-untaugliche Konfiguration mitgegeben. Egal, wie machtvoll sich der prächtige Triple ins Zeug legt: Es geht stets vor-, niemals aufwärts. Das allerdings mit Nachdruck praktisch aus dem Stand. 3,7 Sekunden von null auf hundert repräsen-tieren die Spitze in diesem Feld und würden nur von einer geschlagen. Doch die fährt hier und heute ja nicht mit.

So bildet die TreK in der Beschleunigungs- und Durchzugswertung zusammen mit der Granpasso die Spitze des Quartetts. Das ist insofern erstaunlich, als dass ihr Dreizylinder leistungsmäßig nur bis rund 5000/min halbwegs, darüber nicht einmal mehr annähernd mit dem fulminanten Morini-V2 mithalten kann (siehe Leistungskurven Seite 46). Doch selbst wenn man auf der Benelli einiges vermissen mag, mehr Druck gehört eigentlich nie dazu. Ein etwas flinkeres Handling hingegen schon. Aber wer weiß schon genau, wie die Pisten im Regenwald aussehen. Vermutlich führen sie kilometerweit geradeaus. Dann wäre die Amazonas zweifellos in ihrem Element, denn eine unerschütterlichere Fahrstabilität als bei der TreK 1130 findet sich selten. Das gilt übrigens auch für Kurven jeder Art, solange der Belag tadellos ist. Kommen allerdings Bodenwellen ins Spiel, fängt das leicht unterdämpfte Federbein gerne mal zu pumpen an.

Bevor nun Abenteuerlustige die Moskitonetze gleich wieder einpacken: Eine große Sache ist das wirklich nicht. Da haben potenzielle Beifahrer wegen der nach hinten spitz zulaufenden und damit zu schmalen Sitzbank mehr Grund zum Klagen, während man vorne zwar nicht so fahraktiv wie auf der Morini, aber recht entspannt Platz nehmen darf.


Auf der Morini hingegen gilt: viel Komfort in der üppig gepolsterten zweiten Reihe, eine versammelte, auf Dauer aber wie zementierte Position hinter dem breiten Lenker. Der Windschutz geht auf beiden in Ordnung, wobei die fünffach verstellbare Morini-Scheibe länger ausfällt und steiler steht als das in drei Positionen einstellbare Benelli-Teil. Betrachtet man lediglich die Fernreise-Qualitäten, halten sich beide in etwa die Waage. Gleiches gilt beim Verbrauch, bei dem auch die Benelli mit sechs Litern auf 100 gemütlichen Landstraßenkilometer nicht eben knausert. Wobei die Weltreisende aus Bayern in dieser Hinsicht mit 5,8 Litern ebenfalls aus dem Vollen schöpft.

Das ist allerdings ein anderes Thema. Hier und jetzt stehen neben Morini und Benelli Guzzi und Buell zur Debatte. Und die geben sich mit 4,9 beziehungsweise 4,7 Litern umwelt- und kostenbewusst. Im Fall der Stelvio ist man dennoch versucht zu lästern. „Erstaunlich, dass sie im unteren Drehzahlbereich überhaupt etwas verbraucht“, könnte der Kommentar lauten. Denn das tiefe Tal der Tränen, in das der Motor jenseits der 3000/min fällt und das bis rund 5000/min ernst zu nehmende Leistung geradezu ertränkt, schließt kontrollierte Verbrennungsvorgänge eigentlich aus. Und das bei einem Hubraum-Koloss mit diesem Namen. Was soll erst werden in den Kehren am Stilfser Joch, in 2000 Meter Höhe, wenn die Stelvio bereits in engen Bergan-Kurven der Schwäbischen Alb schwächelt?

Da hilft es nicht wirklich, dass ab 5500/min richtig was geht. Rund um diese Marke, wenn der neue Vierventil-V2 endlich zum Leben erwacht, wickelt er die Buell und kurzfristig sogar die Benelli ein. 104 PS sind angesichts der früheren 88 aus der Zweiventil-Ära ein Wort.

Schade, dass der Guzzi-Twin nicht wirklich überzeugen kann. Ebensowenig die mäßige Qualität, die sich in exorbitanten Spaltmaßen und liderlichen Plastikteilen (zum Beispiel oben an der Tankverkleidung) manifestiert. Denn grundsätzlich hat die Stelvio nicht zu unterschätzende Stärken. Dazu zählt in erster Linie ihr Fahrwerk. Das Einlenken geschieht sehr harmonisch und präzise, die Italienerin ist handlich, stabil, komfortabel. Bis auf das beträchtliche Gewicht von 271 Kilogramm vollgetankt kann man ihr eigentlich kaum etwas vorwerfen.

Der Windschutz ist der beste im Feld, der Sitzkomfort (auch für den Sozius) gut. Dazu verfügt die Moto Guzzi als Einzige in BMW-Manier (da ist sie wieder, die GS) über integrierte Kofferhalter, während man sich bei Benelli und Morini nicht so recht vorstellen kann, wie beide im vollen Touring-Ornat rüberkommen, und die Buell ohne Koffer ein unansehnliches Rohrgeflecht spazieren fährt. Schade, schade also für die Stelvio.


Doppelt bitter ist, dass richtig extrovertierte Naturen, denen die GS zu gewöhnlich und Benelli wie Morini zu sportiv daherkommen, vermutlich ohnehin zur Buell greifen werden. Allein sie werden begreifen, wie Erik Buell darauf kam, aus diesem ohnehin schon schrägen Konzept des riesigen Harley-Motors im kompakten Brückenrahmen eine Reise-Enduro zu stricken. Ein schrilles Naked Bike – okay. Einen Sportler für Milwaukee-Freaks – vielleicht. Aber ein Multi-Tool, das in allen Lebenslagen funktionieren muss – nie und nimmer. Daran ändern auch die kürzeren Federwege der XT-Version der Ulysses nichts, der sie mit reinen Straßenreifen (Diablo Strada statt Scorpion Sync) und serienmäßigen Koffern und Topcase zu bestücken.


Ulysses fahren ist und bleibt eine Welt für sich. Das trifft selbst in diesem exotischen Umfeld uneingeschränkt zu. Die Geradeauslaufstabilität ist mehr als zweifelhaft, die Lenkpräzision bestenfalls Durchschnitt, die Sitzpositon gestaucht – bis hierher ist wohlgemerkt von Eigentümlichkeiten, nicht von echten Mängeln die Rede. Unter letzteres Kapitel fällt die streikende Benzinpumpe (siehe „Mängel im Test“ auf Seite 43). Ebenso wie die starken Vibrationen im unteren Drehzahlbereich, nerviges Konstantfahrruckeln und das Verschlucken bei abruptem Öffnen der Drosselklappen – das war in der Vergangenheit besser. Seit diesem Jahr muss der luftgekühlte V2, wie seine Konkurrenten ebenfalls, die Euro-3-Hürde überspringen und bekam im Zuge dessen eine überarbeitete Einspritz- und Motorsteuerung. Last but not least sind auch die Gangwechsel herb und werden oftmals von einem lauten Krachen begleitet. Unter dem Strich bleibt also nicht viel, was man der Ami-Reise-Enduro zugute halten kann. Ihre Handlichkeit zählt dazu, an die lediglich die Guzzi annähernd heranreicht. Ebenso ihr reaktionsarmer Zahnriemenantrieb. Und natürlich ihre serienmäßigen Heizgriffe. Doch Hand aufs Herz: Der Großteil der Reise-Enduro-Kunden wird sich davon allein nicht locken lassen. Ein ABS wäre ein Argument. Das derzeit – wie bei den anderen drei Testteilnehmern – weder für Geld noch gute Worte zu haben ist.

Womit wir wieder am Anfang der Geschichte angekommen sind. Bei der GS. Und dabei, dass ihr aus diesem Testfeld keine das Wasser reichen kann. Die Granpasso ist ein guter erster Aufschlag und macht viel Spaß, ist aber nicht so universell. Die Benelli wird zusehends besser. Der Guzzi-Motor muss dringend besser werden, und die Buell wird immer Exot bleiben. Ganz weit jenseits von Bavaria.
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Daten Benelli TreK 1130 Amazonas (Archivversion)

Motor
Wassergekühlter Dreizylinder-Viertakt-Reihenmotor, eine Ausgleichswelle, zwei oben liegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, Ø 53 mm, Lichtmaschine 550 W, Batterie 12 V/12 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 37:16.
Bohrung x Hub 88,0 x 62,0 mm
Hubraum 1131 cm³
Verdichtungsverhältnis 11,6:1
Nennleistung 92,0 kW (125 PS) bei 9000/min
Max. Drehmoment 112 Nm bei 5000/min

Fahrwerk
Brückenrahmen aus Stahl und Aluminium, Upside-down-Gabel, Ø 50 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Gitterrohrschwinge aus Stahl, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm, Zweikolben-Festsattel.
Speichenräder mit Alu-Felgen 3.00 x 19; 4.25 x 17
Reifen 110/80 R 19; 150/70 R 17
Bereifung im Test Metzeler Tourance

Maße + Gewichte
Radstand 1530 mm, Lenkkopfwinkel 65,0 Grad, Nachlauf 118 mm, Federweg v/h 175/180 mm, Sitzhöhe* 895 mm, Gewicht vollgetankt* 240 kg, Zuladung* 200 kg, Tankinhalt 21,5 Liter.
Garantie zwei Jahre
Service-Intervallealle 10000 km
Farben Anthrazit/Gelb
Preis 12990 Euro
Nebenkosten zirka 250 Euro

Die weite Welt der Kofferträger (Archivversion)

Neben den reinen Tourern, bei denen die Gepäcksysteme in der Regel integriert sind, ist bei den Reise-Enduros die Transportkapazität entscheidend. Doch bei dieser Gattung sind Koffer und Topcase meist (sogar bei der R 1200 GS) extra zu bezahlen. So gesehen ist es erfreulich, dass Buell die XB12XT inklusive Koffern (jeweils 42 Liter) und Topcase (38 Liter) sowie Windschild anbietet und mit 12299 Euro trotzdem unter dem Grundpreis der Konkurrenz liegt. Was haben die anderen zu bieten? Für die Stelvio hat Guzzi einen Koffersatz in Fahrzeugfarbe (insgesamt 60 Liter) für 630,70 Euro im Programm, Benelli offeriert einen Koffersatz (41 Liter), der inklusive Halter mit 436,40 Euro zu Buche schlägt. Und bei Morini ist ein Hepco-Becker-Koffersystem mit insgesamt 68 Liter Fassungsvermögen in Vorbereitung, dazu wird es ein 46-Liter-Topcase geben. Alu-Koffer sind ebenfalls in Planung, der Liefertermin ist allerdings (wie für das restliche Tourenzubehör) noch offen.

Mängel im Test (Archivversion) - Durch alle Fraktionen

Es muss an dieser Stelle einfach gesagt werden: Bei einem Vierer-Vergleich mit japanischen Hauptdarstellern hätte es diese Rubrik vermutlich nicht gegeben.

Auf dem Weg auf die Schwäbische Alb blieben die Stelvio sowie die Ulysses beinahe zeitgleich liegen. Bei der Guzzi war die 40-Ampere-Hauptsicherung durchgebrannt, bei der Buell streikte die Benzinpumpe. Die Ursache für das Stelvio-Malheur konnte auch Guzzi-Händler Rene Nesselhauf von RN Motor Technik in Reutlingen (vielen Dank für die Hilfe!) nicht finden. Der Fehler trat im weiteren Verlauf nicht mehr auf. Die Kraftstoffpumpe der Buell hingegen beschäftigte uns weiterhin. Zwar blieb die Ulysses nicht mehr liegen, doch lieferte sie statt der angegebenen 95 PS nur zwischen 82 und 86 PS ab. Erst nachdem in der Buell-Zentrale eine neue Kraftstoffpumpe installiert worden war, kam die XB12XT auf die versprochene Leistung. Dass sich schließlich auch noch der serienmäßige Touring-Windschild aus seinen Gummilagern löste, ist laut Buell bisher ein Einzelfall, der umgehend geprüft wird. Bei Morini hat man laut Importeur Ronald März das bemängelte Teil bereits beseitigt: Der Seitenständer, der beim Testmotorrad abbrach, sei in der Serie modifiziert, während die durchgebrannte Scheinwerferlampe möglicherweise auf eine schief montierte Fassung zurückzuführen sei.

Die Referenz: BMW R 1200 GS (Archivversion)

Wohl nie war ein Motorrad referenzverdächtiger als das große BMW-GS-Modell. Seit Jahren an der Spitze der Zulassungsstatistik, begeistert die kontinuierlich modellgepflegte Münchnerin mit ihrem kräftig anschiebenden Boxermotor und einem ausgeglichenen Fahrwerk für alle Fälle.

Daten:
Gewicht 244 Kilogramm, 105 PS, Verbrauch 5,8 Liter, 12769 Euro

MOTORRAD-Testergebnis
1000-Punkte-Wertung: 687 Punkte
Preis-Leistungsnote: 2,3

Kommentare Punktewertung (Archivversion)

Motor
Die Benelli und die Moto Morini dominieren die Motorwertung vor allem, weil sie hinsichtlich der Fahrleistungen eindeutig das Feld anführen. Die Guzzi krankt an ihrer Leistungscharakteristik, die ihr zusammen mit dem beträchtlichen Gewicht eine ausgeprägte Durchzugsschwäche einbringt. Beim Lastwechsel-verhalten hingegen glänzt die Buell durch ihren sanften Zahnriemenantrieb, bekommt allerdings Punktabzüge wegen des schlechten Getriebes. Unter diesem Gesichtspunkt ergattert bestenfalls die Guzzi ein wenig Ruhm, während sich Benelli und auch Morini, wenn es pressiert, nur ausgesprochen sperrig schalten lassen. Die Benelli geht zudem etwas verzögert ans Gas, was aber nichts an ihrem Vorsprung vor der Morini ändern kann.

Sieger Motor: Benelli


Fahrwerk
Aus dem Duo wird ein Trio, denn in Sachen Fahrwerk hält auch die Stelvio tapfer mit. Sie sichert sich hinsichtlich der Handlichkeit gar den zweiten Platz hinter der Buell, glänzt zudem mit neutralem Lenkverhalten und guter Stabilität in Kurven. Dass es trotzdem nicht ganz nach vorne reicht, liegt an ihrer Labilität beim Geradeauslauf. Die teilt sie mit der Ulysses, während Trek und Granpasso beinahe wie das sprichwörtliche Brett liegen. Bei der Stelvio ebenso wie bei der Granpasso darf die Fahrwerksabstimmung als gelungen bezeichnet werden. Bei der TreK mit ihrem etwas unterdämpften Federbein ist dagegen noch Luft nach oben. Trotzdem gewinnt sie dieses Kapitel mit zwei Pünktchen Vorsprung vor Stelvio und Granpasso. Die Buell hingegen hat mit ihrer extremen Geometrie keine Chance.

Sieger Fahrwerk: Benelli


Alltag
Die Königsdisziplin der großen Reiseenduros: Wer hier nicht punktet, hat etwas falsch gemacht. Wie die Benelli, weil der Soziusplatz bei Fernreisenden in der Regel eine große Rolle spielt. Ebenso wie der Windschutz oder die Gepäckunterbringung. Überraschend gut schlägt sich die neue Moto Morini, auf der man nicht nur gut sitzt, sondern hinter der fünffach einstellbaren Scheibe auch effektiv vor dem Fahrtwind geschützt wird. Die Reichweite fällt dank des großen 27-Liter-Fasses ebenfalls erfreulich aus, während das restliche Trio mit kleineren Tanks hier nicht punkten kann. Dafür fällt bei der Morini die Zuladung mit 165 Kilogramm extrem bescheiden aus und bei der Guzzi die Verarbeitung. In dieser Hinsicht sollten beide Hersteller noch einmal Hand anlegen.

Sieger Alltag: Moto Guzzi


Sicherheit
Kein ABS weit und breit! Das ist die traurige Seite dieser Geschichte und gewiss weit an den Käuferwünschen vorbeigeplant. Immerhin haben Benelli und Morini adäquate Bremsanlagen zu bieten, während die Buell sogar in dieser Hinsicht schwächelt. Da sie sich zudem beim Bremsen spürbar aufstellt, während die anderen weitgehend neutral bleiben, bildet die Ulysses in diesem Kapitel ganz eindeutig das Schlusslicht. Der Rest liegt Kopf an Kopf.

Sieger Sicherheit: Benelli


Kosten
Drei Jahre Garantie! So lautet das Angebot von Moto Morini an Interessenten, und das wird punktemäßig belohnt. Genau wie der geringe Verbrauch von Buell und von Guzzi. Letztere liegt zudem bei den Inspektionskosten günstig.

Sieger Kosten: Moto Guzzi und Moto Morini


Sieger Preis-Leistung: Moto Morini Granpasso
Alle Achtung, mit der Granpasso gelingt Moto Morini ein beachtlicher Aufschlag. Für ihren Preis erhält man viel Fahrspaß und Alltagstauglichkeit.

MOTORRAD-Testergebnis (Archivversion)

Platz 1: Moto Morini Granpasso 1200
Ein Einstand nach Maß, an dem der quicklebendige V2 einen gehörigen Anteil hat. Dazu noch ein gut gemachtes Fahrwerk – fertig.

Platz 2: Moto Guzzi Stelvio
Wenn die Stelvio doch nur einen auch im Drehzahlkeller zupackenden Motor hätte, dann sähe die Sache schon ganz anders aus. So aber bleibt es beim zweiten Platz.

Platz 3: Benelli TreK 1130 Amazonas
Ein bisschen Unvernunft fährt auf einer Benelli immer mit. Dennoch ist die TreK auf einem guten Weg, verbindet einen faszinierenden Motor mit gutem Fahrwerk.

Platz 4: Buell Ulysses XB12XT
An letzte Plätze ist man bei Buell gewöhnt, daher wird dieses Ergebnis nicht schockieren. Wer auf schräge Vögel steht, wird mit der XB12 glücklich werden. Aber gut ist anders.

Daten Buell Ulysses XB12XT (Archivversion)

Motor
Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-45-Grad-V-Motor, vier unten liegende, zahnradgetriebene Nockenwellen, zwei Ventile pro Zylinder, Hydrostößel, Stoßstangen, Kipphebel, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, Ø 49 mm, ungeregelter Katalysator, Lichtmaschine 405 W, Batterie 12 V/12 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, Zahnriemen, Sekundärübersetzung 65:27.
Bohrung x Hub 88,9 x 96,8 mm
Hubraum 1202 cm³
Verdichtungsverhältnis 10:1
Nennleistung 70,0 kW (95 PS) bei 6800/min
Max. Drehmoment 104 Nm bei 5500/min

Fahrwerk
Brückenrahmen aus Aluminium, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein, direkt angelenkt, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, innenumfassende Scheibenbremse vorn, Ø 375 mm, Sechskolben-Festsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm, Einkolben-Schwimmsattel.
Alu-Gussräder 3.50 x 17; 5.50 x 17
Reifen 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17
Bereifung im Test Pirelli Diablo Strada

Maße + Gewichte
Radstand 1370 mm, Lenkkopfwinkel 66,2 Grad, Nachlauf 123 mm, Federweg v/h 125/125 mm, Sitzhöhe* 840 mm, Gewicht vollgetankt** 246 kg, Zuladung** 185 kg, Tankinhalt/Reserve 16,7/3,1 Liter.
Garantie zwei Jahre
Service-Intervalle alle 8000 km
Farben Blau, Rot, Schwarz
Preis** 12299 Euro
Nebenkosten zirka 310 Euro


* inkl. Koffern, Topcase und Windschild

Daten Moto Guzzi Stelvio (Archivversion)

Motor
Luft-/ölgekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, Kurbelwelle längs liegend, je eine oben liegende, kettengetriebene Nockenwelle, vier Ventile pro Zylinder, Kipphebel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 50 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 550 W, Batterie 12 V/18 Ah, hydraulisch betätigte Einscheiben-Trockenkupplung, Sechsganggetriebe, Kardan, Sekundärübersetzung 3,667.
Bohrung x Hub 95,0 x 81,2 mm
Hubraum 1151 cm³
Verdichtungsverhältnis 11:1
Nennleistung 77,0 kW (105 PS) bei 7000/min
Max. Drehmoment 108 Nm bei 6500/min

Fahrwerk
Brückenrahmen aus Stahl, Upside-down-Gabel, Ø 50 mm, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Zweigelenk-Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 320 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 282 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel.
Speichenräder mit Alu-Felgen 2.50 x 19; 5.50 x 17
Reifen 110/80 ZR 19; 180/55 ZR 17
Bereifung im Test Pirelli Scorpion Sync

Maße + Gewichte
Radstand 1535 mm, Lenkkopfwinkel 63,0 Grad, Nachlauf 125 mm, Federweg v/h 170/155 mm, Sitzhöhe 835 bis 875 mm, Gewicht vollgetankt* 271 kg, Zuladung* 204 kg, Tankinhalt/Reserve 18,0/4,5 Liter.
Garantie zwei Jahre
Service-Intervalle alle 10000 km
Farben Weiß, Schwarz, Rot
Preis inkl. Nebenkosten 12750 Euro

Daten Moto Morini Granpasso 1200 (Archivversion)

Motor
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-87-Grad-V-Motor, je zwei oben liegende, zahnrad-/kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 54 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 460 W, Batterie 12 V/14 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, (Anti-Hopping), Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 40:17.
Bohrung x Hub 107,0 x 66,0 mm
Hubraum 1187 cm³
Verdichtungsverhältnis 12,5:1
Nennleistung 86,8 kW (118 PS) bei 8500/min
Max. Drehmoment 104 Nm bei 7000/min

Fahrwerk
Gitterrohrrahmen aus Stahl, Upside-down-Gabel, Ø 50 mm, Zweiarmschwinge aus Aluminium, Federbein direkt angelenkt, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 298 mm, Doppelkolben-Schwimmsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 255 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel.
Speichenräder mit Alu-Felgen 3.00 x 19; 4.25 x 17
Reifen 110/80R 19; 150/70R 17
Bereifung im Test Metzeler Tourance EXP

Maße + Gewichte
Radstand 1490 mm, Lenkkopfwinkel 63,5 Grad, Nachlauf 110 mm, Federweg v/h 175/200 mm, Sitzhöhe* 880 mm, Gewicht vollgetankt* 235 kg, Zuladung* 165 kg, Tankinhalt/Reserve 27,0/4,5 Liter.
Garantie drei Jahre
Service-Intervalle alle 10000 km
Farben Weiß/Schwarz, Grau/Schwarz
Preis 12795 Euro
Nebenkosten zirka 250 Euro

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