Vergleichstest Supermoto-Bikes (Archivversion) Irre Durchlaucht

Kleine Räder, breite Lenker, riesiger Spaß? MOTORRAD bat erstmals zum Defilee der aktuellen Super-Moto-Bikes – von und mit den verrückten Königen des flimmernden Asphalts.

Hey Jungs, Landstraße, wir sind auf der Landstraße! Durchzug, Lastwechselreaktionen, Lenkpräzision, Punktewertung – alles vergessen. Helm auf, und nur noch eines zählt für die Bande: Das Gas ist rechts und die Ideallinie gelegentlich links – notfalls auch auf der Landstraße. Aber was soll´s. Jedes Wort ist zu viel. Rennfahrer. Schlimmer noch: Super Moto-Spinner. Beat Gautschi, Jens Hainbach, Gilles Salvador, Achim Trinkner. Drei von der ganz rasanten Sorte, lässig in den Top Ten der Super Moto-DM. Bis der Rest der Testcrew oben am Ballon d´Alsace ankommt, lehnen die 17-Zoll-Flitzer der drei längst glühend heiß knisternd auf den Seitenständern. Und das Allerschlimmste: Die Truppe macht sich auf zigfach entfalteten Zettelchen Notizen. Durchzug, Lastwechselreaktionen, Lenkpräzision. Verdammte Welt.Super Moto-Test. Kernige Truppe, kernige Maschinen. Fünf von denen, die wissen, dass im Super Moto scharf geschossen wird. Husaberg FE 600. Kompromisslos wie eh und je. Husqvarna SM 610 R, Italiens ganz Neue für den verschärften Kunden. KTM 620 SC Super Moto, die wettbewerbsorientierte 620er-Sportenduro in Kleinradversion. KTM 640 Super Moto mit dem 640er-Motor sowie Kick- und E-Starter serienmäßig. Und die MZ. Aber nicht die brave Baghira Street moto aus Zschopau. Wir erinnern uns: kernige Truppe, kernige Maschinen. Fritz Egli, Tunerlegende aus der Schweiz, haucht der Sächsin leben ein. Mehr Hubraum, mehr Leistung – natürlich auch für mehr Geld. Dennoch, als Black Panther passt die MZ ins Testkonzept.Apropos Konzept. Landstraße, Pass-Sträßchen, Eckenwetz – das ist es, was die mutierten Crosser wollen. Und wenn´s noch verschärfter werden soll: ab auf die Rennstrecke. Aber vergesst die großen Namen. Auslauf für die letzte Rille gibt´s näher, billiger und für die Einzylinder wie maßgeschneidert auf jeder Kartpiste. Auch für die vier Wahnsinnigen samt der MOTORRAD-Testtruppe. Unter die Pirelli MT 60 Corsa kommen die Kartstrecken im hessischen Schaafheim, Vesoul und Sundgau in Frankreich sowie jede Menge griffiger Provinzsträßlein im Elsass.Achim drückt schon auf den Anlasser der Baghira. Kunststück, der Single der MZ stammt ursprünglich aus der Yamaha XTZ 660, ein eher zahmer Vertreter der Enduro-Fraktion. Auf einen Kickstarter verzichteten die Japaner von vornherein. Auch bei der 640er-KTM genügt ein Knopfdruck. Glück gehabt, Beat. Der Rest muss kicken. Kein Problem bei der 620er-KTM und der Husky. Ein, zwei Tritte, und die Boliden bollern vor sich hin. Nur bei der Husaberg nervt der unverschämt hoch angebrachte Kickstarter. Zumal die FE ohnehin nicht der Startfreudigsten eine ist. Gut, sie wird auch mit E-Starter angeboten, aber wir erinnern uns: Wenn schon kernig... Weiter geht´s entlang der Höhenstraße. Aber bitte langs...die Worte verpuffen ungehört im Donnern der fünf Einzylinder. Jens auf der Husaberg legt das Tempo vor. Kann er auch. Der Schwedenhammer geht ab wie ein Elch zur Brunftzeit. Mit unglaublichen 68 PS und 123 Kilogramm - vollgetankt wohlgemerkt – fliegt die Blau-Gelbe nur so durchs Kurvengewühl. Doch Obacht, so wie die FE ausgeliefert wird, trifft selbst den begeisterungsfähigsten TÜV-Mann stante pede der Gehörsturz, vom Ohr des Gesetzes ganz zu schweigen. Und weil die zulassungsfähige Version nur mit nicht praxisrelevanten 17 PS homologiert ist, muss es für dauerhaften Super-Moto-Spaß heißen: Nacharbeit, viel Nacharbeit, bitte schön. Die sich nicht nur auf den Schalldämpfer beschränken sollte. Mangels Ausgleichswelle vibriert die Schwedin derart, dass sich Hände, Füße und Hinterteil in kürzester Zeit wie für alle Zeiten abgestorben anfühlen. Weil die Nordmänner zudem noch vergaßen, das White-Power-Federbein zum Ausgleich für die durch das 17-Zoll-Rad abgesenkte Front ausreichend zu kürzen und überdies straff abstimmten, zappelt die Husaberg mit steilem Lenkkopf auf holprigen Geraden unruhig hin und her. Was ihr im engen Geläuf dennoch nicht viel hilft. Unterstützt durch die relativ weiche Gabel, reagiert die Gelbe im Kurvengewirr überhandlich und kippelig. Schon bald ziehen die Husky und 620er-KTM vorbei. Zwar mit ein paar PS weniger – 58 respektive 60, um genau zu sein - aber entscheidend besseren Manieren. Okay, alles ist relativ. Auch bei der Husqvarna rappelt´s noch ordentlich in den Lenkerenden, dafür sitzt der 610er-Reiter locker im Sattel. Die Federung ist straff, aber ausgeglichen, der Motor mit kräftigem Druck im mittleren Drehzahlbereich angenehm zu fahren. Nur auf den schnellen geraden Zwischenstücken geht der Husqvarna die Puste aus. In den oberen Drehzahlen schwächelt sie deutlich, zumal der sechste Gang eher als Overdrive denn als nutzbare Gangstufe ausgelegt ist. Was aber weder sie noch den Rest der Riege vom Geschwindigkeitsrausch abhält. Mit Spitzenwerten zwischen satten 177 km/h der 620er-KTM und 165 km/h der – zu kurz übersetzten - MZ sowie der 640er-KTM haben sich die Ex-Offroader bestens auf dem glatten Untergrund eingelebt. Wobei gerade die 620er-KTM ihre Herkunft nicht verleugnet. Lange Federwege und eine im Vergleich zur Hinterhand zu weich abgestimmte Vorderradgabel machen den orangefarbenen Renner auf der Geraden etwas nervös und in den Kehren kippelig. Dafür begeistert der von einer Ausgleichswelle vibrationsberuhigte Motor. Mit richtig Schmackes, viel Drehfreude und perfekter Getriebeabstufung geht der LC4-Treibsatz erfrischend zur Sache.Für Achim auf der MZ bleibt nur die Kampflinie, um mitzuhalten. Vierzig Kilogramm Übergewicht gehen nur in der Sumo-Klasse durch. Auch wenn Meister Egli vorgesorgt hat und den Single kräftig aufpäppelte. Mehr Hubraum – 686 statt 660 cm3 -, eine höhere Verdichtung, schärfere Nockenwelle und modifizierte Ventilfedern mit ultraleichten Titan-Federtellern bringen die Deutsch-Schweizerin auf Trab. 65 statt 48 PS sind ein Wort – auch wenn die Kombination aus Gewicht und ausladenden Dimensionen im Ernstfall kräftig bremst. Doch wenn´s nicht gerade um die Pole Position im Landstraßen-GP geht, zieht die MZ ihre Trümpfe aus dem Ärmel. Der vibrationsarme Motor, eine sehr sensibel und ausgeglichen abgestimmte Federung, eine kommode Sitzbank und eine Zwei-Personen-Zulassung bringen ganz neue Aspekte in die kompromisslose und abgedrehte Super-Moto-Szene: Kultur und Vernunft.Und darüber freut sich mittlerweile sogar Beat auf der 640er-KTM. Komfortabel und ausgewogen abgestimmte Federung, dank Gleichdruckvergaser in den unteren Drehzahlen sanft schnurrender Motor, wirkungsvoller Edelstahlschalldämpfer - im Vergleich zum Kampfhund-Trio Husaberg, Husky und 620er KTM benimmt sich die LC4 640 wie ein gut erzogenes Schoßhündchen. Freilich, ein paar PS hat die Anti-Falten-Kur gekostet. Aber was soll´s. Je länger die Tour dauert, desto mehr rückt Beat den immer matter werdenden, wilden Jungs auf die Pelle und fährt gemeinsam mit Achim auf der MZ weiter, wenn die anderen schon nach Zapfsäulen und Straßencafés suchen. Auch wenn so das wahre, radikale Super-Moto-Feeling nicht aufkommen will, stellt sich doch die Frage: Duschen selbst Super-Moto-Freaks nicht ab und zu gern ein bisschen wärmer?Weichei hin oder her. Vesoul liegt vor uns. Raus zum Tanken bevor die Kartpiste gestürmt wird. Die Landstraßenhatz hat den Maschinen zugesetzt. An der Husky gab der Tacho auf, und die Auspuffgase schmolzen den linken hinteren Blinker einfach hinweg. Die liederlich am Gabelholm fixierte Tachowelle der Husaberg macht´s ebenfalls nicht mehr lange, die Befestigungsschraube der Sitzbank wurde in die Ewigkeit vibriert. Und auch die vom Vorderrad abgeschrabbte Tachowelle der 640er-KTM hat den größten Teil ihres Lebens hinter sich. Macht jetzt alles nix. Heizen! Die Jungs sind im Element. Kultur, Vernunft – weg damit, endlich. Jeder gegen jeden. Jede gegen jede. Nach jedem Turn scheidet eine aus. Big Brother im Drifter-Lager. Das erste Votum fällt auf die MZ. Zu schwer, zu breit, logisch. Etwas teigig auch die Schaltung. Selbst die hervorragende Bremse mit einer Vierkolbenzange von Spiegler, der für alle Super-Moto-Bikes standardmäßigen 320er-Bremsscheibe und einer Magura-Handpumpe sowie der druckvolle Motor retten auf der Rennpiste nichts mehr. Nächster Turn. Die Luft wird dünner. Die 640er-KTM muss gehen. Keine Frage, das Ding fühlt sich langsamer an, als die Stoppuhr beweist, doch erstens drückt das Gewicht, zweitens braucht´s einen ganz, ganz runden Fahrstil, um mit viel Schwung den fehlenden Punch des Motors zu kompensieren. Dabei hilft die sensible Federung, die auch bei verschärfter Gangart nicht zu schwammig wird. Fast in jeder Ecke rasselt die 640er mit ihren klappbaren Fußrasten über den Asphalt. Mit mehr aber auch nicht – so wie die komplette 17-Zoll-Liga. Nun wird´s eng. Die drei Randalo-Bikes beharken sich hauteng. Achim fliegt in einer Kurve ab. Dreißig Meter rutschen er und die Husaberg über den Asphalt. Das gelbe Leder trägt schwarze Streifen, bei der Schwedin rettet der breite Offroad-Lenker die Situation. Ein abgerubbelter Gasgriffgummi und ein paar Kratzer im Kunststoff-Seitendeckel bleiben die einzigen Zeugen ungewollter Schräglage. Auch ein Vorteil der Super-Moto-Gilde. Bei einem Straßenflitzer – womöglich mit Verkleidung – wären schnell ein paar Hunderter Reparaturkosten fällig gewesen. Dennoch, die Husaberg darf bleiben, die 620er geht. Aufgrund der zu weichen Gabel, die beim Bremsen zu tief eintaucht, und der hohen Sitzposition lässt sie sich in den engen Kurven der Kartpiste unpräzise steuern. Mit dem gleichen Problem schlägt sich auch die Husaberg herum. Vorn zu weich, hinten zu straff. Außerdem: Selbst wenn sich der rasende Elch so behände wie ein zierliches Reh durch Wechselkurven schwenken lässt, plagt die Schwedin gerade dort der in unteren Drehzahlen ruppige Motor. Denn der macht es nicht einfach, den Flitzer aus diesen Situationen sauber und kontrolliert herauszubeschleunigen – auch wenn die FE auf der Geraden später jedem Gegner mit Macht davonprescht.Bleibt die Husky als Race winner. Straff, aber ausgewogen gefedert, extrem leichtgängiger Schaltung, perfekter Ergonomie und vor allem einem elastischen und gutmütigen, aber doch druckvollen Motor macht die 610er spielerisch Meter, wo andere mit sich und der Piste kämpfen. Draufsitzen, wohlfühlen, schnell sein. So, Jungs, und jetzt die Gesamtwertung. Alle mal herkommen und...wieder hört´s schon lange keiner mehr. Rennfahrer.

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