Verkaufsrangliste Die Best(s)eller

Was macht einen Bestseller zum Bestseller? Möglichst viel Dampf, ein tolles Fahrwerk, ein niedriger Preis? Auch. Doch das letzte Wort hat der Käufer. MOTORRAD sammelte Fakten an der Basis.

Es gibt Bilder, die stimmen einfach. Kleines Beispiel: BMW schwimmt wie das Fettauge auf der Suppe. Und zwar wie ein ziemlich großes. Denn die Münchner gewinnen nicht nur immer mehr Marktanteile, sondern führen mit ihrem Vorzeigemotorrad R 1150 GS auch die Bestsellerliste ( Stand Januar bis Juni 2001) mit deutlichem Vorsprung an. Kein Wunder, schließlich ledert die GS im Vergleichstest ihre keinesfalls schwächelnden Konkurrentinnen ein ums andere Mal ab – und ist demzufolge aus den Schaufenstern der Händler schneller verschwunden, als sie aufgestellt werden kann.
Viele Punkte, viele Käufer also. Ein klarer Fall. Nicht ganz, denn der Blick auf Platz zwei der Verkaufsrenner macht – zumindest in dieser Hinsicht – stutzig. Suzuki GSF 1200 Bandit. Die landet in den Punktewertungen dieser Welt unter »ferner liefen«, fährt aber mit ihrem niedrigen Preis direkt in die Kundenherzen. Dasselbe gilt für ihre kleine 600er-Schwester, die immerhin auf Platz drei der Verkaufscharts liegt, sich aber im unmittelbaren Vergleich in schöner Regelmäßigkeit einigen ihrer Konkurrentinnen geschlagen geben muss. Alles im Lot dann wieder bei Rang vier. BMWs zweiter großer Wurf, die F 650 GS, braucht sich vor der Konkurrenz nicht zu verstecken. Besser noch: Genau genommen hat sie gar keine. Ebenso wie die Suzuki SV 650, deren eigenständiges Konzept und begeisternder V-Zwei in diesen Mittelklasse-Breitengraden ihresgleichen suchen, während der Dauerbrenner CBR 600 F sich seit Jahren härtester Anfechtung erwehren muss und dies seit der jüngsten Überarbeitung nicht nur in der Zulassungsstatistik, sondern auch im technischen Vergleich wieder erfolgreich tut.
In dieselbe Kerbe schlägt auch Suzukis GSX-R 1000, protzt gar noch mit exorbitanten Werten in Sachen Leistung und Gewicht. Ein Kaufgrund? Für die zahlreichen Fans der Yamaha XJR 1300 sicher nicht. Die scheinen sich weder um Superlative noch um technische Highlights zu scheren und gehen da mit den Käufern der Kawasaki ZR-7 konform, während die zahlreichen ZX-6R-Begeisterten zeigen, dass die 600er-Klasse nach wie vor sehr beliebt ist.
Im Überblick ergeben die Verkaufsrenner der Saison also ein sehr indifferentes Bild. Was macht nun den Bestseller aus? MOTORRAD ging auf Spurensuche und erkundigte sich bei denen, die es wissen müssen: den Fahrerinnen und Fahrern. Lud – nicht repräsentativ, aber stellvertretend – zum Erfahrungsaustausch nach Stuttgart. Und notierte neben den rein motorradspezifischen Kaufargumenten auch solche, die sich beim besten Willen nicht in Daten und Messwerte fassen lassen.
Die persönliche Beziehungen zum Händler zum Beispiel, oft über Jahre gewachsen. Norbert Koch kaufte seine R 1150 GS bei »seinem« Händler, Andy Stahl, Egon Schmidtberger und Horst Raddatz ihre Maschinen ebenso. Weil sie sich dort technisch gut betreut fühlen. Und noch wichtiger: weil der Service dort mitunter über normales Geschäftsgebahren hinausgeht. »Da kann ich noch abends um neun vorbeifahren,« schwärmt der Schwarzwälder Koch von BMW-Händler Schwizler in Dornstetten, während Suzuki-Händler Vater aus Bondorf weiter angereiste Kunden schon mal zum Übernachten zu sich nach Hause einlädt.
Aber nicht nur dem Händler seines Vertrauens, sondern auch der Marke hält man die Treue. Frank Nehler marschierte nach zwölfjähriger Motorradabstinenz direkt zum nächsten Kawasaki-Händler und studierte die dortige Auslage. Ergebnis: Nehler ist stolzer ZR-7-Besitzer, weil »Kawasaki immer meine Marke und die ZR-7 genau das Richtige war«. Andere Hersteller ließ er links liegen. Andy Stahl fährt »seit 23 Jahren ausschließlich Suzuki«, und zwar in zig verschiedene Modelle. Bernardette König (Azubi im dritten Lehrjahr) trieb ihre Verbundenheit zu Honda sogar berufsmäßig in die Werkstatt von Herbert Stauch, Horst Raddatz will im gesegeten Alter von 67 Jahren Suzuki auch in Zukunft treu bleiben, und Norbert Koch sieht seit seiner ersten BMW vor zehn Jahren nur noch weißblau.
Überhaupt, die Sache mit dem Sehen. Oder besser Aussehen. Design ist immer eine zentrale Frage. Sähe die XJR 1300 nicht aus, wie sie aussieht, käme sie für die Gebrüder Huber nie in Frage. Hätte die neue 1200er-Bandit nicht so eine aparte Verkleidung bekommen, besäße Andy Stahl immer noch sein 96er-Modell. Und bei Sandra Keck bedeutete das erste Zusammentreffen mit der BMW F 650 GS gar Liebe auf den ersten Blick.
Doch bei allem Überschwang der Gefühle bleiben sachliche Erwägungen keineswegs außen vor. Paradebeispiel dafür: Nick Glaser und seine SV 650 S. Preis und Leistung waren seine Kriterien, die wuselige Suzuki die Antwort. Weil deren V2 selbst auf die Herausforderungen der Fireblade seines Vaters immer eine Antwort hat, ohne nach drei Jahren Umschulung den Geldbeutel zu stark zu strapazieren. Andy Stahl genießt seine Bandit, weil sie seiner Sozia ganz bequem die Vorteile gemeinsamer Zweiradwochenenden nahe bringt, ohne ihm die dafür unabdingbare Dynamik vorzuenthalten. Und Sandra Keck mutet ihrer großen Liebe mittlerweile auch mal steinigere Schotterpassagen zu, ohne den Spaß auf asphaltiertem Geläuf zu verlieren.
Viele gute Gründe also für jedes der zehn meistverkauften Motorräder in Deutschland. Aber kein Geheimrezept. Weil Ansprüche und persönliche Vorlieben zu unterschiedlich sind. Daraus jedoch lässt sich durchaus ein Wegweiser zum Bestseller ableiten, der sich beim Überblick über die Top-Ten bestätigt: Motorräder, die möglichst viele Ansprüche befriedigen, haben gute Chancen. Denn auch wenn CBR 600 F oder Kawasaki ZX-6R gemeinhin unter den Supersportlern firmieren, sind sie eindeutig gemäßigte Vertreterinnen ihrer Gattung, die auch abseits abgesperrter Pisten eine gute Figur machen. Und dass Suzuki Bandit 1200, Kawasaki ZR-7 und Yamaha XJR 1300 alle zur Kategorie der Naked Bikes zählen, ist ebenfalls kein Zufall, weil gerade dieser Motorradgattung eine Vielzahl von Talenten zugestanden wird. Gleiches gilt für die »Enduros« von BMW, die mit gestandenen Erdferkeln nichts mehr zu tun haben, auf der Straße jedoch bei den unterschiedlichsten Einsatzzwecken überzeugen. Bleibt einzig die GSX-R 1000 als echte Spezialistin, die den Traum vom »own the racetrack« eins zu eins auf die Landstraße befördert. Aber eben, ohne die Kapriziösität der echten Renner gleich mitzuliefern. Und das ist – offensichtlich – auch eine Form von Vielseitigkeit, die den Besteller auf den Bestseller bringt.



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