Versicherungstarife (Archivversion) Wechsel weise

Stichtag 30. November. Lohnt ein Versicherungswechsel? Und wie findet man die günstigsten Tarife auf einem heiß umkämpften und unübersichtlichen Markt? MOTORRAD hat sich auf die Suche gemacht.

Es ist vertrackt. Ob am Stammtisch, unter Kollegen oder Sportsfreunden, immer gibt es jemand, der nicht nur alles besser weiß, sondern für alles weniger ausgibt. Für den Kühlschrank, fürs Tanken, die Sachertorte, für die Alimente. Und
für Versicherungen. Dumm nur, dass man selbst nie dieser jemand ist. Weil man den Aufwand scheut oder vielleicht gar nicht weiß, wie man die Sache mit dem Preisvergleich angehen soll.
Beim Gesamtverband Deutscher Versicherer (GDV) sind rund 120 Gesellschaften gelistet (siehe www.gdv.de). Alle abtele-
fonieren – ein Unding. Gibt man im Internet unter www.google.de die Begriffe »Motorradversicherungen« plus »Tarife« ein, spuckt das System 25000 Treffer aus. Widmete man sich jedem Eintrag lediglich eine
Minute, säße man 17 Tage und Nächte vorm Schirm. Zum Glück erledigen andere diesen Job professionell und bieten einen Kfz-Versicherungsvergleich an. Problem: Die meisten Tarifrechner lassen Motorräder einfach außen vor, obwohl die Suchmaschinen auf diese Seiten führen. Die Versicherungen selbst haben meist einen eigenen Motorrad-Tarifrechner im Programm; um die günstigsten Prämien herauszufinden, müsste man seine Daten allerdings jeweils neu eingeben.
Diese Mühe kann man sich sparen, einfacher geht’s unter www.fss-online.de, der Domain eines der wenigen unabhängigen Dienstleister, die Maklern und Händlern gegen Gebühr und – in abgespeckter Form – privaten Kunden gratis ihre Informationen bereitstellen. MOTORRAD hat anhand von drei Fallbeispielen diesen Service gecheckt, die Ergebnisse zu Haftpflicht und Teilkasko (siehe Tabellen) überprüft und mit den Werten des »Nafi-Rechners« (www.
nafi.de) verglichen, den ausschließlich Profis nutzen. Dabei stellte sich heraus, dass bei beiden Systemen, FSS wie Nafi, nicht alle errechneten Prämien genau stimmten und eine ausgeweitete Suche auch andere, teilweise preisgünstigere Versicherungen zu Tage förderte. Was nichts daran ändert: Als komfortable Orientierungshilfe im Tarifgestrüpp dient ein Versicherungsvergleich wie der von FSS-Online AG ganz aus-
gezeichnet. Danach, angesichts der dort aufgezeigten Preistendenz, kann man einschätzen, wo die eigene Versicherung liegt und ob sich ein Wechsel lohnt.
Der Wechsel drängt sich regelrecht auf, wenn, wie im Fallbeispiel der Suzuki GSX-R-1000, sich schon unter den zehn güns-
tigsten Empfehlungen Unterschiede von über 50 Prozent auftun.
Und der Wechsel soll sich regelrecht aufdrängen, wenn Versicherungen mit ihrer Nähe zur Szene und zu Motorradbranche hausieren gehen. So gibt’s bei der HUK Coburg außer günstigen Tarifen Gutscheine – und für einen Gutschein in den Filialen von Polo einen Motorradreiniger im Wert von 4,50 Euro. Bei der DEVK wiederum erhalten Kunden einen Zehn-Euro-Bonus auf einen Einkauf bei Louis. Andere Gesellschaften umwerben Zweiradler mit redaktionell anmutenden Seiten zum Krad auf ihren Websites. Motorradfahrer scheinen begehrte Kunden zu sein. Man fragt sich jedoch, wieso manche Versicherungen rund das Vierfache des besten Angebots einfordern. Innerhalb der Branche sprechen die Vertreter, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, von »Abwehrprämien«. Diese zielen insbesondere auf teure oder, laut Statistik, besonders unfallgefährdete Maschinen.
Im Vergleich zum Auto gibt es für
Motorräder wesentlich weniger Tarifmerkmale, vor allem keine Typklassen für jedes Modell. Aber die Gesellschaften verstehen es dennoch, die Prämie so zu gestalten, dass sie ihr eigenes Risiko minimieren.
Bei leistungsschwächeren Maschinen, wie im skizzierten Fall der BMW F 650 oder Yamaha Wild Star mit ihren »vernünftigen« Besitzern, scheint dieses Risiko nicht allzu groß zu sein (siehe Tabellen). Auch hier ergeben sich beträchtliche Preisunterschiede, doch angesichts der recht geringen Gesamtsumme will ein Wechsel samt dem damit verbundenen Aufwand gut überlegt sein. Wobei Makler berichten, dass manche Sparfüchse ernsthaft darüber nachdenken, ob sie ihr Saisonkennzeichen um einen Monat verkürzen und damit 3,60 Euro mehr in der Tasche haben.
Bei der Kalkulation der Prämien zählt zunächst die Motorleistung. Günstig: die Klassen bis 37 kW (50 PS), bis 57 kW (78 PS) ein kleiner Sprung. Teuer: ab 72 kW (98 PS). Richtig teuer: darüber. Manchmal gibt’s Rabatt für ABS, bis zu fünf Prozent. Für Teilkasko gilt häufig: je älter die Maschine, desto billiger – bis zu 50 Prozent weniger. Logisch, für ein älteres Motorrad muss die Versicherung im Schadensfall weniger berappen.
Den Fahrer stuft die Versicherung ebenfalls ein, in Regionalklassen (siehe Karten Seite 127), mit teilweise drastischen Unterschieden. Diese können so groß sein, dass es sich in Gegenden, die hoch tarifiert werden, wie in Berlin zum Beispiel, rechnen kann, zu einer Gesellschaft zu wechseln, die diese Regionalklassen nicht übernommen hat. Versicherer wie Arag oder Gothaer kalkulieren ihre Prämien nach wie vor fürs gesamte Bundesgebiet und verlangen deshalb durchschnittlich höhere Prämien.
Beim Alter gibt’s Nachlässe bis zu 30 Prozent, je nach Versicherung ab 23, 25 oder 30 Jahren. Hat der Fahrer ein Sicherheitstraining absolviert, geht die Prämie um rund fünf Prozent runter. Bestimmte Berufe, speziell ein Job im öffentlichen Dienst, erbringen mitunter zehn bis 20 Prozent. Weitere kostensenkende Tarifmerkmale sind Führerscheinalter, Zahlungsweise (bis zu neun Prozent weniger) sowie besondere Zweitwagenregelungen (güns-
tige Schadenfreiheitsklassen). Keine Rolle spielen, im Gegensatz zum Auto, Wohn-
eigentum oder Garage.
Bei einem Schaden wird heruntergestuft. Um wie viele Schadenfreiheitsklassen (SF-Klassen), das handhaben die Versicherungen unterschiedlich. Darauf sollte man bei einem eventuellen Wechsel achten. Zumal die SF-Klasse zunächst wenig über den damit verbundenen Rabatt in Prozent aussagt. Da kann es passieren, dass die vermeintlich günstigere Versicherung nach einem Unfall teurer kommt als die bestehende. Tipp: Im Zweifelsfall also lieber zweimal nachfragen, bei der Ver-
sicherung direkt oder beim Makler.
Einige Makler haben sich auf Motorradfahrer spezialisiert, wie die Seltmann Assekuranz Vermittlungsgesellschaft (Telefon 0911/868631, www.motorrad-direct.
de). Die hat zwar nur ein Dutzend Versicherungen im Angebot, die sie jedoch für die günstigsten und besten hält. MOTORRAD hat das überprüft, und in der Tat, die empfohlenen Versicherungen gehören zu den eher preiswerten. Und Seltmann kennt die Problemfälle: Harley-Davidson-Besitzer und andere Freunde hochpreisiger Maschinen, die Schwierigkeiten haben, überhaupt bei einer Versicherung unterzukommen. Auf der Suche nach dem günstigsten Vertrag ausschließlich nach den Tarifen zu schauen, halten die Makler für den falschen Weg. Rechtsanwalt Ralph Andreß sieht das ebenso: »Was nützt mir eine billige Ver-
sicherung, wenn die bei der Schaden-
begleichung Stress macht.« Und beide, Makler wie Anwalt, weisen dringend darauf
hin, sich den Vertrag vorm Unterzeichnen penibel durchzulesen. Weil da drinstehen könnte, was zuvor so nicht ausgemacht war, etwa erhebliche Unterschiede bei Selbstbeteiligung oder Einstufung in die Schadensfreiheitsklasse (siehe Interview).
Fazit: Der Preis, klar, der ist wichtig,
einen günstigen herauszufinden mittlerweile kein Problem, da helfen die Tarifrechner im Netz. Die zeigen, wie im Fallbeispiel der GSX-R 1000, mitunter Unterschiede auf, die derart eklatant sind (1000 Euro und mehr), dass man einfach wechseln muss. In anderen Fällen, wie die Beispiele F 650 und Wild Star zeigen, sollte man sich fragen, ob eine geringe Ersparnis die Mühen eines Wechsels lohnt. Die Antwort auf
diese Frage erhält man mitunter erst, wenn
es zu spät ist, bei einem Schadensfall nämlich. Wer mit seiner Versicherung in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht hat, sollte sich gut überlegen, ob sich ein paar Euro weniger auszahlen.

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