VHS-Kurs: Weiterbildung für Motorrad-Fahrer Rat und Tat

Man kann an Volkshochschulen Meditation erlernen, Schmiedekunst oder Motorrad- Technik. Was auf solch einem Seminar vermittelt wird, kann später bares Geld sparen.

Foto: Schmieder
Über die "Brücke der Solidarität", beim 1988 stillgelegten Krupp-Stahlwerk, geht es über den Rhein. Duisburg-Ruhrort ist nah, Titel des ersten Schimanski-Tatorts. Auf dem Gelände der Volkshochschule Duisburg-Rheinhausen, ein Klinkerbau aus den 1950er Jahren, stellt Ralf Petersen den V2 ab, packt den Ölauffangbehälter vom Gepäckträger seiner vollverkleideten Honda NTV 650.
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Seit zehn Jahren gibt er im Ruhrpott Kurse in Motorradtechnik, heute den "Inspektions-Workshop". Das Wetter ist top, da findet das Seminar unter freiem Himmel statt. Draußen zu arbeiten passe schon. "Ich bin Straßenschrauber." Zehn Kurs-Teilnehmer trudeln ein, ein bunt gemischtes Völkchen, auf Guzzi und BMW, Honda und Suzuki. Führerschein-Neulinge sind dabei, aber auch Vielfahrer wie Harry. Er bewegt seine 650er-Bandit bis zu 30000 Kilometer im Jahr, habe gar kein Auto. "Jetzt geht die Garantie zu Ende, da will ich nicht mehr zur Werkstatt, sondern die Arbeiten lieber selber machen."

Andere Teilnehmer erklären in der Kennenlern-Runde, dass sie "werkstattmäßig schon böse auf die Nase gefallen" seien, und das bei Inspektionskosten von teilweise 600 bis 700 Euro. Peter fährt mit seiner GPZ 500 immer nur in seiner Heimatstadt Recklinghausen herum. "Weil ich der Technik – oder besser – meinen Kenntnissen der­selben nicht traue." Guido verkörpert das andere Extrem, hat 353000 Kilometer auf seiner Yamaha XS 1100 abgespult, war mit seiner Ténéré bis zur Elfenbeinküste. Ralf stellt zunächst klar: "Dies ist eine reine Guck- und Lern-Inspektion." Er arbeitet ausschließlich an seiner eigenen Honda, nicht an den Maschinen der Kursteilnehmer. Aus Haftungsgründen: Er darf und will Werkstätten keine Konkurrenz machen. Nach dem Kurs sollen die Teilnehmer jedoch einschätzen können, welche Arbeiten sie sich zutrauen. Und welche nicht. Außerdem sollen sie der Werkstatt hinterher "besser auf die Finger sehen können".
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Learning by doing

Es gilt, den Unterschied zwischen kleiner und großer Inspektion, die heute anliegt, zu klären. Ralf empfiehlt, die große Inspektion zu Hause auf zwei Tage zu verteilen. Dann könne man die Arbeiten, die einen warmen Motor erfordern (Ölwechsel und Vergaser einstellen), von denen trennen, für die er kalt sein sollte (Ventilspiel einstellen). "Außerdem kommt man dann nicht unter Zeitdruck." Wertvoll: Tricks aus der Praxis. Wie man seine Hände beim Ölwechsel schont, welche Dichtungen man für sein Motorrad immer parat haben sollte. Ölwechsel, jetzt sind alle mittendrin im Geschehen. Warum muss das Öl eigentlich warm sein? Damit es leichter fließt und Fremdkörper besser in der Schwebe hält. Ralfs Tipp: "Das Altöl durch ein Teesieb filtern!" So können kaputte Teile frühzeitig durch vermehrte Späne entlarvt werden.

Live folgt eine kleine Ölkunde, Spezifikationen, Sorten, Preise. Was gilt es zu ­beachten? Wie stramm muss die Ölablass-Schraube wieder angezogen werden? Wie verhindert man, zu viel Öl einzufüllen? Wann erreicht der Ölverbrauch kritische Werte? Den Ölwechsel würde sich nach der Vor­führung jeder Teilnehmer zutrauen. "Heißt also 15 Euro statt 75 Euro Kosten, dann habt ihr die Kursgebühr doppelt wieder raus." Der vielleicht wichtigste Tipp: "Immer einen Arbeitsgang abschließen, bevor ihr einen neuen anfangt." Die Arbeiten werden kniffliger. Zehn Köpfe stecken konzentriert zusammen, 20 Augen lugen Ralf über die Schulter. Der sagt: "Beim Motorrad ist alles nur gesteckt und geschraubt, da kann man nicht viel verkehrt machen." Wie werden Bremsbeläge richtig kontrolliert, wie gereinigt, gepflegt und demontiert? Die Teilnehmer fragen, äußern Sorgen und Nöte. Lerninhalte folgen in logischer Folge. "Bremsflüssigkeitswechsel ist mit dem richtigen Werkzeug auch nicht schwieriger als der Ölwechsel", sagt der Kursleiter.

Vor dem Einstellen des Ventilspiels, dessen Sinn gleich mit erklärt wird, haben die meisten Teilnehmer Bammel. Ralf beruhigt: "Ihr werdet sehen, wie einfach das ist." Beim Kontrollieren könne man nichts kaputt machen. "Erstaunlich, wie viel Ventile einstellen an meiner Transalp 600 in der Werkstatt kostet", sagt Andrea. An den Wellen der Vergaser kommt das gute alte Ölkännchen zum Einsatz. WD 40 schmiert Schalter und Züge, denn der größte Feind des Motorradfahrens sei Korrosion. Wie leben Zündkerzen-Gewinde länger? Penibles Synchronisieren der Vergaser mittels Prüfuhren dauert rund eine Stunde. Trotzdem fragt XJR-1300-Fahrer Frank hinterher ungläubig: "Das ist alles?" Die Gesichter sind mal fragend, mal erstaunt, selten irritiert. Der Kompressionstest sei "das EKG des Motors", erklärt der Kursleiter, erlaube wichtige Rückschlüsse. Wichtig sei einfach, Gefühl zu entwickeln für Funktion, Aufbau und Wartung. Letzteres zeigt sich bald, beim Übertragen des soeben Gelernten aufs eigene Motorrad. In der Abschluss-Runde ziehen die Teilnehmer positive Bilanz. Viele Arbeiten hätten ihren Schrecken verloren, "zumindest mit Handbuch". Und Ralf packt die Ölwanne ein.

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