Vollgas auf der Kawasaki ZX-10R (Archivversion) Jetzt aber flott

Eine Kawasaki ZX-10R beschleunigt auf 299 km/h und nimmt einen mit, der so schnell vorher noch nie gewesen war. Zumindest auf zwei Rädern nicht.

Der Plan: Wir nehmen eine ZX-10R. Da setzt sich einer drauf, und wenn er mit hundert über die Autobahn fährt, dann mit zweihundert, schließlich mit
Vollgas, messen wir seinen Puls. Am
Ende setzen wir Pulsfrequenz und Tempo zueinander in Beziehung.
Die Realität: hundert, alles gut, alles entspannt. Zweihundert: alles gut, alles entspannt. Zweihundertachtzig: naja – noch alles gut, einigermaßen entspannt. Und jetzt muss es doch bald mal sein. Oder? Nur ein paar Sekündchen noch, und die Anzeige eilt, vorbei an zweihundertneunzig, zweihundertfünfundneunzig, zur 299. Aber, verdammter Dreck, wann kommen sie, die Allmachts-Fantasien, der Geschwindigkeitsrausch, der Speedkick? Wieso dauert das so elend lang? Wann, wann steht endlich die-
se miese 299 auf dem
Display?
Zweihundertzweiundachtzig, dreiund-
achtzig – plötzlich haut es sie direkt
vors rechte Auge. Das heißt, nicht direkt
vors Auge, das hielte ja kein Mensch aus, es haut sie ans Visier, die Mücke oder
Biene oder was auch immer. Ist ja völlig egal. Nicht egal ist, was sie hinterlässt,
ein gelber Schmier, und der gelbe Schmier, mehr noch als dass er die Sicht behindert, mahnt: Schnell kann es vorbei sein. Für die Mücke zumindest oder die Biene. Wobei sich der Mensch bei diesem Tempo von dem Insekt nicht wesentlich unterscheidet.
Zweihundertvierundachtzig, fünfund-
achtzig – dass da auf der rechten Spur
der Autobahn um Himmels Willen niemand zuckt, dass da bloß niemand irgendeinen Mist macht und den gleißend hellen Punkt im Rückspiegel nicht für eine optische Täuschung hält. Was ja ohne viel Fantasie vorstellbar ist, so dumm wie der Mensch fähig ist, sich anzustellen: Da läuft eine oder einer im karminroten Ford Fiesta oder sonst einer Nuckelpinne mit unglaublichen 110 auf einen Umzugslaster auf, liest noch »Kein Weg zu weit, kein Stück zu schwer – Möbel her« und merkt dann, dass, au weia, hurtigst ein Spurwechsel vorzunehmen wäre. Der schließlich prompt erfolgt. Kurz geblinkt und rüber. »Ja, also ich kann gar nicht sagen, woher der so plötzlich kam, ich hab’ den nicht gesehen, der war so schnell da, aus dem Nichts kam der...«
Soll keiner sagen, da wäre es un-
möglich zu reagieren. Möglich wäre das bestimmt. Nicht sicher jedoch, dass die Reaktion rechtzeitig und zielgerichtet erfolgte. Denn für diese Geschwindigkeit – zweihundertsechsundachtzig, siebenundachtzig – hat die Evolution den Körper eben nicht geschaffen, nicht optimal jedenfalls. Zu Fuß gehen, okay. Auf einem Bein hüpfen, Rolle rückwärts oder sonst welche Hampeleien, gut, dieses Tempo
indes, nein, dafür eignet er sich nicht
wirklich, dieser Körper, menschlich, allzu menschlich. Allein der Hals, er ist – zweihundertachtundachtzig, neunundachtzig – die unpraktischste Einrichtung, die man sich gerade nur vorstellen kann. Ohne ihn wäre alles besser, der Kopf gleich an den Schultern festgewachsen, und prima.
Aber so? Verdammter Hals, ist nichts für fast 300. Nicht nur, dass der Kopf willenlos hin und her wackelt wie ein doofer Kirmesluftballon an einem Holzstock. Er fühlt sich auch eng an, abgeschnürt, dass das Blut sich hindurchquält wie ein zähes Harz, anstatt anstandslos hindurchzufließen, was es sollte, der Sauerstoffver-
sorgung wegen, weil sonst das Denken
leidet, und das wäre in dieser Situation so gut nicht, überhaupt nicht. Allerdings will es nicht gescheit fließen, das Blut.
Leidet die Wahrnehmung also schon, das Denken? Keine Möglichkeit, darüber nachzudenken. Weil alles ein bisschen flott geht – mit einer Ausnahme: Diese miesen 299 lassen auf sich warten, soooo elend lang lassen sie auf sich warten. Bis 250 ging es doch,
260, 70, 80. Aber dann – zweihundertdreiundneunzig –, hat etwas angefangen, was nichts anderes mehr war als nur Durchhalten, sich oben und
den Hahn offen halten. Denn diese Geschwindigkeit, zweihundertneunzig, einundneunzig, ist, gleichgültig was andere faseln von Kick und Rausch, weniger lustig. Ruhiges, tiefes Atmen fällt schwer. Über 290 ist Schluss mit der Er-
heiterung, da hat sich’s was mit angenehm. Wobei man auch das nicht verallgemeinern darf. Was gibt es nicht alles für Sachen, die Leute zum Spaß machen. Die mögen, dass man sie haut, diese Leute, und sie finden es unheimlich angenehm, wenn ihnen die Ohren lang gezogen werden, und nicht nur die. Ihnen sei gesagt: Fahrt 299, es fühlt sich toll an.
Allen anderen sei gesagt: Aus irgendwelchen Gründen fühlt es sich überhaupt nicht mehr an, zumindest nicht mehr unterhalb des Halses. Denn irgendwie ist der Körper weg. Nicht mehr zu spüren, ein seltsam meditativer Effekt. Die eigene Entleibung in einer ebenfalls entkörperlichten Welt, die auf »fast forward« läuft, auf ganz fast forward, und die in Schlieren vorbeihuscht, kein Gegenstand mehr Gegenstand. In was für einer Form auch immer muss dieser Effekt mit der Wahrnehmung zu tun haben, mit deren Verarbeitung. Ist wohl alles ein bisschen viel und kommt wohl alles ein bisschen zu flott angeflogen, um ordentlich erkannt und geordnet zu werden, keine Zeit, die Grüntöne in Bäume und Sträucher, die anderen Farben in irgendwelche Automobilmodelle zurückzuübersetzen, keine Zeit, zu viele Eindrücke, zu viele Informationen.
Das macht das Hirn schlicht nicht mehr mit, schneidet halt raus, was nicht unbedingt verarbeitet werden muss, um die Richtung zu halten und keinen groben, keinen lebensgefährlichen Unsinn zu verbrechen. Töne braucht es dazu offenbar nicht. Zweihundertzweiundneunzig. Wie schreit der Vierzylinder, dessen Kolben jetzt x-tausendmal pro Minute in den Brennräumen hoch und runter toben? Wie brüllt der Wind, dem jede Luftigkeit längst abhanden kam, der über diese sauknappe Verkleidung gegen den Helm schießt und mit ihm spielt wie ein tumbes Riesenbaby mit Kieselsteinchen?
Stille. Minutenlang nichts außer der totalen Stille. Es dröhnt nicht,
es brummt nicht, und
es wummert auch nicht. Es bleibt still, mucks-
mäuschenstill. Obwohl es bestimmt laut war, keine Frage, es muss brutal laut gewesen sein, natürlich, das weiß man doch, dass da die Trompeten von Jericho in den Helm blasen,
und zwar mit aller Macht direkt in den Kopf, unabhängig davon, was für Stopfen in den Ohren stecken. Nichts davon bleibt, kein einziges Geräusch, die Tonspur, ganz sicher lief sie mit, dennoch eine Aufzeichnung der Akustik ist nicht geblieben. Zwar verbindet sich mit diesem Tempo das Wissen um Lärm, aber die Erinnerung an Stille – 300 fährt man nicht nach Gehör.
Oberste Priorität hingegen: das Sehen, die Optik. Weshalb es, dreiundneunzig, vierundneunzig, gleich doppelt unangenehm kommt, dass die Augen so tun, als wollten sie raus aus ihren Höhlen, sie drücken komisch von hinten, und das Visier drückt seinerseits von vorn, und zwar auf die Nase. Es presst den Helm ins Gesicht, und es nützt nichts, dass doch der extra nicht gestutzte Bart sich klettartig hatte mit dem Futter verzahnen sollen, überhaupt nichts nützt das. Und immer noch keine 299 auf dem Display, immer noch steht dort nicht diese Zahl, die bedeutet: sich lediglich noch einen Moment lang überwinden, ein paar Augenblicke nur noch. Aber das dauert, das zieht sich so unendlich lang, obwohl es doch so schnell geht, das Gas am Anschlag, gerade mal Sekunden braucht.
Gut, ja, die Zeit, sie dehnt sich bekanntlich bei hoher Geschwindigkeit, das ist nichts Neues, das ist eine der zentralen Feststellungen in der Relativitätstheorie des Herrn Einstein. Nirgendwo steht hin-
gegen, dass das bei knapp 300 schon
losgeht. Ist auch egal, also relativ, ob das tatsächlich so ist. Es fühlt sich so an, wofür ebenfalls Einstein ein schönes Beispiel hatte. Relativität, hat der mal erläutert, das meint, dass einem die Zeit auf einer heißen Herdplatte sitzend länger vorkommt als mit einem hübschen Mädchen auf der Parkbank. Was sehr schön passt zur ZX-10R, das mit dem Sitzen auf der heißen Herdplatte. Wobei einem dort der Hals sicherlich weniger Probleme bereitet. Nun gut.
Fünf, sechs, sieben, achtundneunzig und dann, dann endlich, zweihundert-neunundneunzig, da stehen sie: 299! Kein Ton, kein Körper (außer Hals mit Kopf dran), kein Links, kein Rechts, kein Eben, kein Gleich. Nur Jetzt. Jetzt 299. Und Angst? Keine Angst. Keine Zeit für Angst. Kein Gedanke für Angst. Das System ist ausgelastet, bitte schließen Sie mehrere Fenster...
Bestimmt allerdings sind Angst und Aufregung im Körper, irgendwo zwischen Bauch und Brust kriechen sie umher. Nicht die Sorte wie vor einer Klausur, einer Hochzeit oder einer Herzoperation. Was den Puls nach oben treibt, dürfte pures Adrenalin sein. Das Hormon aus Nebennieren und sympathischen Ganglien polt den Organismus auf Höchstleistung. Und die muss er bringen bei Tempo 299.
237 sagen sie anschließend auf dem Parkplatz, als alles vorbei ist, die Augen wieder auf normale Größe schrumpfen, die Verkrampfung allmählich aus dem Körper weicht und das Nach-
vibrieren aus dem Kopf, ein Pulsmaximum von 237 habe das Messgerät aufgezeichnet. Die Anstrengung muss immens ge-wesen sein, selbst wenn davon nichts zu erinnern ist, nichts bewusst zu spüren war. Oder das im Kopf, dieser Druck, das schwere Atmen, das dicke Blut, das waren 237 Pulsschläge in der Minute, vier in
jeder Sekunde: eine Nahtod-Erfahrung, denn mehr schafft das Herz kaum, mehr, und man geht hops.
Kurz danach stellt sich allerdings heraus, dass die Zündung der Kawasaki die Funkübertragung vom Brustgurt zur Pulsuhr durcheinander gebracht haben muss. Vergessen wir also die 237. Und wiederholen die 299.
Davor aber muss das Helmvisier gründlich gereinigt werden. Es kleben sehr viele Insekten daran.

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