Vorstellung: 1998er Modelle von Harley-Davidson (Archivversion) Politik der kleinen Schritte

Die große Wende erfolgt bei Harley-Davidson auch im Modelljahr 1998 nicht.

Harley-Davidson hatte gerufen, und Journalisten aus aller Welt kamen. Milwaukee in Wisconsin/USA, die Wiege der Traditionsmarke, sollte nach dem Willen der Manager zumindest kurzzeitig zum globalen Zweirad-Mekka avancieren. Zur Präsentation der 1998er Modelle hatte man geladen, für Harley ein besonderer Jahrgang, kommen diese Modelle doch zum 95jährigen Geburtstag des Unternehmens auf den Markt. Entsprechend hochgesteckt waren die Erwartungen.Die Präsentation ließ dann jedoch Erstaunen im Auditorium aufkommen. Exakt drei neue Modelle sonnten sich im Rampenlicht, von denen nur zwei nach Deutschland kommen. Und bei diesen beiden, der 1200 Sportster Sport und der Electra Glide Road King Classic, mußten selbst Kenner sehr genau hinschauen, um einschneidende Veränderungen zu erkennen. Diesem Umstand trugen die Top-Manager von Harley Rechnung, indem sie jedes noch so kleine Detail ausführlich hervorhoben. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal der 95th Anniversary FLHRC1 Electra Glide Road King Classic, so die vollständige Bezeichnung, gegenüber dem Vorgängermodell sind die Speichenräder mit Weißwandreifen. Doch auch an dem dreidimensional gestalteten Tankemblem, das auf die 95jährige Geschichte verweist, ist das 1998er Modell zu identifizieren. Neu gestaltet ist des weiteren die Sitzbank, und mit Stolz wird auf die neuen, mit Leder überzogenen Koffer und deren Schließsystem verwiesen. Die Lederschnallen sind lediglich Attrappe. Darunter dienen zur einfacheren Handhabung Kunststoffclips der Verschlußsache. Im Gegensatz zum Vorgängermodell gibt es die Road King Classic weltweit nur noch mit Einspritzung. Eine neue Kupplung mit neun Lamellen soll die Handkraft um 20 Prozent verringern. Außerdem sind die Schalldämpfer nach einem neuen Verfahren hydroverformt. Das soll für eine gleichmäßige Wanddicke und Außenkontur sorgen und resistenter gegen Korrossion und Risse sein. Noch schwieriger ist es, die neue, ausschließlich in Schwarz erhältliche Sportster Sport vom alten Modell zu unterscheiden. Allein bei genauerem Hinsehen fällt neben etlichen ebenfalls in Schwarz gehaltenen Anbauteilen die neu geformte Sitzbank und das glasgestrahlte Motor-Getriebegehäuse ins Auge. Doch das Hauptaugenmerk legten die Harley-Ingenieure auf innere Werte, wollten sie doch mehr Sport in die Sport hineinpacken. Der Motor mußte einige tiefgreifende Modifikationen über sich ergehen lassen. Eine neue Zündung mit jeweils zwei Kerzen pro Zylinder ermöglichte es, die Verdichtung von 9 auf 10:1 anzuheben und den Verbrennungsablauf zu verbessern. So soll die Sportster Sport im Bereich zwischen 2000 und 5500/min immerhin 15 Prozent mehr Drehmoment liefern. Außerdem verspricht eine Ölpumpe mit größerer Fördermenge eine bessere Schmierung. Zumindest die amerikanische Version konnte bei ersten Fahreindrücken die Papierform untermauern. Mit deutlich kräftigerem Antritt aus niedrigen Drehzahlen und anhaltendem Schub bis zur Maximaldrehzahl wirkte die Sportster Sport ungleich agiler als die deutsche Variante von 1997. Bleibt abzuwarten, was davon nach der Homologation der deutschen Version erhalten bleibt. Auch die US-Ausführung der Road King hinterließ einen weit kräftigeren Eindruck als vergleichbare deutsche Modelle, die durch strengere Geräuschgesetzgebungen Leistung einbüßen. Dabei zählt jedes zusätzliche PS, denn die Produkte, von Harley selbst als heavyweight motorcycles bezeichnet, glänzen nicht gerade durch ein sensationelles Leistungsgewicht. Das kann sich aber vielleicht schon nächstes Jahr ändern, wenn Harley-Davidson dann voraussichtlich mit komplett neuen Modellen tatsächlich die Wende einläutet.

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