Vorstellung BMW R 1200 ST (Archivversion) Gewöhn-Aroma

Der landläufigen Vorstellung von schön entspricht sie sicher nicht. Trotzdem könnte die neue BMW R 1200 ST ihren Weg machen. Das technische Rüstzeug dazu hat sie.

Man gewöhnt sich an allem, sogar
an den Dativ!« Diese Weisheit vermittelte ein dem Autor bekannter Physiklehrer ebenso schmunzelnd wie überzeugt seinen Schülern. Von den Einfällen späterer BMW-Designer konnte man damals freilich noch nichts ahnen.
In der Tat scheint das, was die neue
R 1200 ST als ihr Gesicht präsentiert, beim ersten Anblick mehr als nur gewöhnungsbedürftig. Weit abseits aller ebenmäßigen Proportionen dominiert ein mächtiger,
vertikal angeordneter Doppelscheinwerfer
die kantige ST-Front und erinnert an den
einäugigen, menschenfressenden Riesen, der dem sagenhaften Odysseus auf seiner Irrfahrt an den Kragen wollte.
Keine Frage, die ST hat etwas Zyklopenhaftes. Aber: Erinnerte die R 1100 GS von 1994 viele Motorradfans nicht an ein Schnabeltier, erntete Hohn und Spott? Und was passierte? Sie wurde zum Bestseller. Genau wie alle ihre Nachfolgerinnen bis hin zur R 1200 GS von heute, die für
eigenständiges Motorraddesign steht.
Und für überzeugende technische
Lösungen. Damit kann der jüngste Spross der Boxer-Familie auch aufwarten. Beispielsweise am zweiteiligen Haupt- und Heckrahmen aus Stahlrohr, der sich weitgehend an den Abmessungen der ebenfalls neuen RT (siehe Fahrbericht ab Seite 12) orientiert und nicht nur leicht, sondern auch steif ist. 229 Kilogramm vollgetankt versprechen die Bayern für den neuen Sporttourer, für BMW-Verhältnisse ein sehr guter Wert. Der zudem dadurch aufgewertet wird, dass der Boxer im Vergleich
zur GS noch einmal deutlich an Leistung zulegte. Um zehn auf 110 PS erstarkte
das nach wie vor luftgekühlte Aggregat,
die jetzt bei 7500 Umdrehungen anliegen (GS: 7000/min).
Doch die Sache hat eine Kehrseite. Der hoch verdichtende Doppelzündungs-Vierventiler (zwölf zu eins) ist auf hoch-
oktaniges Superplus ausgelegt, während
herkömmliches Super dank Klopfregelung zwar verdaut wird, aber nicht die volle Leistung freisetzen kann. Die versprochenen 3,5 Sekunden von null auf 100 km/h sollten indes auch mit 95-Oktan-Kraftstoff drin sein, die von den Münchnern ange-gebene Höchstgeschwindigkeit von über 200 km/h ebenfalls.
Selbstverständlich ist, dass BMW seinem Sporttourer neben den hauseigenen Radführungssystemen Telelever und Paralever das erstmals in der GS eingeführte WAD-Federbein mit auf den Weg gibt, bei dem die Dämpfung in Abhängigkeit vom Federweg progressiv zunimmt. Außerdem ist auf Wunsch (1050 Euro) das teilinte-
grale ABS lieferbar, das per Knopfdruck einstellbare Fahrwerk (ESA) bleibt der RT-Schwester vorbehalten.
Hinsichtlich der ergonomischen Einstellmöglichkeiten steht die neue ST den Tourer-Modellen dagegen kaum nach. So lassen sich die Lenkerhälften über 25 Millimeter in der Höhe verstellen, und die Verkleidungsscheibe kann mechanisch in drei Stufen um jeweils 20 Millimeter verändert werden kann. Dazu passt die variable Sitzbank, die sich im Fahrerbereich manuell
in zwei Höhen justieren lässt. Im serien-mäßigen Trimm, bei dem verschiedene Farbkombinationen wählbar sind, kostet die RT 12500 Euro. Mit Zutaten aus dem umfangreichen BMW-Zubehörprogramm kann jeder seine persönliche R 1200 ST zusammenstellen. Ideal gerüstet sollte dann die Gewöhnung leichter fallen.

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