Vorstellung Konzeptbike Victory Core Kern-Fusion

Victory zieht nach: Nachdem BMW die Lo Rider und Aprilia die Mana X gezeigt hat, präsentieren die Amerikaner eine faszinierende Studie. Entstanden aus einem Minimum an Teilen, verschmolzen zu einer Fahrskulptur, die den bloßen Kern eines Motorrads zeigt.

Foto: Victory
The core – der Kern. Ein Motorrad, das so heißt, darf sich keinen Luxus leisten. Und dazu gehört für die Schöpfer der Victory Core, Michael Song und Chefdesigner Greg Brew, sogar eine Hinterradfederung. Sie verzichten darauf, so können sie eine schwungvoll-kurvige Linie vom Lenkkopf zur Hinterradachse ziehen und von dort eine fast gerade Linie unter dem Motor wieder nach vorn. Es entsteht ein spitzwinkeliges Dreieck mit einer gekrümmten und einer offenen Seite, das von den Rädern spannungsvoll durchkreuzt wird.
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Foto: Victory
Schlichter geht es nicht und auch kaum effektvoller. Vor der Core hat Michael Song den Victory-Großtourer Vision gestaltet (siehe MOTORRAD 21/2008). Dessen Aluminium-Gussrahmen, unter üppigen Verkleidungsteilen verborgen, scheint ihn stark inspiriert zu haben, denn ein ähnliches Gussteil hält – nunmehr in aller Offenheit – auch die wenigen Baugruppen der Core zusammen. Es dient hauptamtlich als Träger von Lenkkopf und Motor sowie des aus Mahagoni geformten Sitzes, nebenbei fungiert es als Benzintank und Ansaugluftführung. Die beiden Gussteile der Hinterradaufhängung sind angeschraubt, ihre Unterzüge schaffen den Übergang zu einem weiteren Alu-Gussteil, welches zugleich als Motorspoiler, Lufthutze und Verkleidung für den Ölkühler ausgebildet ist.

In erster Linie ist die Core ein Geschenk der Victory-Designabteilung an sich selbst anlässlich des zehnjährigen Firmenjubiläums. Chefdesigner und Vizepräsident sprechen vom Ausdruck der Victory-Philosophie und vage von einem Ausblick in die Zukunft. Über eine Serienfertigung fällt kein Wort. Zwar ist der als Antrieb der Core vorgesehene 1731er-Freedom-V2 mit 97 PS in den USA bestens eingeführt und wird demnächst auch in der EU homologiert, doch die Integration unabdingbarer Details wie Rücklicht, Spiegel, Blinker, Kennzeichenhalter oder Kotflügel ins puristische Designkonzept dürfte noch erheblichen gestalterischen Aufwand erfordern. Ganz zu schweigen von der Konstruktion einer zulassungsfähigen Auspuffanlage mit genügendem Schalldämpfer- und Katalysatorvolumen. Das Lo-Rider-Konzept von BMW, das einem ähnlichen Ansatz folgt wie die Core, ist in dieser Hinsicht schon wesentlich weiter gedacht und gediehen.
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Reduktion aufs Wesentliche

Trotzdem bestätigt die Core, was BMW und Aprilia erst angedeutet haben: einen Trend zu Motorrädern, die den Purismus ins Extrem treiben. Die daraus hervorgehenden Produkte mögen von europäischen oder amerikanischen Traditionen unterschiedlich geprägt sein, einig sind sie sich in der strikten Beschränkung aufs Wesentliche.

Fokus bei der Gestaltung der Maschine war nicht die Multifunktionalität von Alu-Gussteilen, sondern funktionelle Eindeutigkeit. Ein Rahmen ist ein Rahmen, ein Tank Tank und so weiter. Klar setzen sich die einzelnen Bauteile voneinander ab, selbst bei der einfarbig in Silbermetallic lackierten Variante der Fury. Mit schwarzem Rahmen, anthrazit lackierten Kotflügeln sowie anthrazit lackiertem Tank verstärken sich die Kontraste noch. Es gehört zur amerikanischen Schule des Motorradbaus, Kabelstränge oder Kühlwasserinstallation so diskret wie möglich zu verstecken, damit die Linienführung einer Maschine nicht gestört wird. Nicht nur die uramerikanischen Hersteller Harley-Davidson und Victory folgen diesem Prinzip, sondern auch die Honda Fury, deren Wasserkühler in der Seitenansicht nur erahnt werden kann. Wäre da nicht eine kurze, verschämte Schlauchverbindung zwischen dem vorderen Zylinderkopf und dem zwischen den Rahmenunterzügen sich klein machenden Radiator, der 1300er-V2 mit seinen Kühlrippen könnte aus dieser Perspektive glatt als luftgekühlte Konstruktion durchgehen.

Als zweite Abweichung vom amerikanischen Technikkanon treibt die Honda ihr Hinterrad nicht über einen Zahnriemen, sondern über eine Kardanwelle an. Was im Pressetext nicht unkommentiert bleibt. Dort verweist Honda auf „große Anstrengungen“, die man unternommen habe, um den Antriebsstrang mit möglichst gefälligen Linien zu gestalten. Als ob ein Zahnriemenantrieb per se schöner wäre. In vollkommener Übereinstimmung mit US-Standards stehen die knapp 68 Zentimeter Sitzhöhe und die verborgene Hinterradfederung. Dergleichen ist seit den Softail-Modellen von Harley erlaubt. Jenseits aller technischen und gestalterischen Details kommt der Core und der Fury eine übergeordnete Bedeutung zu. Die beiden machen offensichtlich, was sich mit der BMW Lo Rider und der Aprilia Mana X erst angedeutet hatte: eine Wendung zu Motorrädern, die den Purismus ins Extrem treiben, die Abkehr von der Zweirad-Limousine. Die aus diesem Trend hervorgehenden Produkte mögen von europäischen oder amerikanischen Traditionen unterschiedlich geprägt sein, sich eher der Fahrdynamik, vielleicht sogar Sportlichkeit oder mehr dem Cruising verpflichtet sehen. Und doch sind sie sich in einem einig: einer strikten Beschränkung aufs Wesentliche.

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