Werner – das Rennen (Archivversion) Total versemmelt

1988 in Hartenholm, da hat es Brösel richtig vergeigt. Verlor mit seinem Red-Porsche-Killer gegen Holgis klapprigen Porsche. Falschen Gang eingelegt. Brösel sann auf Revanche. Hat er gekriegt. Resultat: Brösel ist und bleibt ein mieser Dragster-Pilot.

Das hatten sich die Erfinder des Euro-
speedway Lausitz bestimmt anders vorgestellt. Die modernste Rennstrecke Europas sollte die gebeutelte Region im hellsten Licht erscheinen lassen. Klappt so noch nicht wirklich. Obwohl die Sonne
das erste Septemberwochenende mit aller Kraft gegen den Herbst herbrennt und auch der Himmel zur Feier des Tages das dunkelste Blau aus der Kiste zieht. Doch statt Schumi und Formel-1-Schickeria
toben jetzt Brösel alias Rötger Feldmann und sein Anhang über die planierte Niederlausitzer Prärie.
Die Älteren unter uns erinnern sich noch gut: In den achtziger Jahren war Werner Kult. Dieser astreine Prolo-Anarcho-Charme, der machte an, das war witzig, das war Sprachgewalt pur. »Hau wech« steht zwar noch nicht im Duden, gehört freilich unbedingt dorthin. Ebenso »Bölkstoff«. Außerdem kriegte der Comic-Chaot das Kunststück hin, madig tote Motorradmarken wie Horex wieder zu beleben.
Auf dem Höhepunkt der Werner-Mania spielte Brösel dann Gastgeber für die
fetteste Party der alten BRD. Das Rennen zwischen Holgi im roten Porsche und
Brösel auf seinem Eigenbau-Dragster Red Porsche Killer, den vier aneinander gekoppelte Einzylinder-Horex-Motoren befeuerten, war eigentlich keins, weil Brösel wegen falschen Gangs nicht in die Gänge kam. Aber mehr als 200000 Zuschauer hatten ihren Spaß und sorgten in den
Vorgärten der norddeutschen Tiefebene für Renovierungs- und Gartenzwergbedarf.
16 Jahre nach Hartenholm startet in der wiedervereinigten Republik nun die Neuauflage des Rennens. Das ehemalige Kohlerevier Niederlausitz und seine Bewohner sind einiges gewohnt. Sogar die in Beton gegossene, Rennstrecke gewordene Großmannssucht von Stolpe und Co. Stellt sich nur noch die Frage aller Fragen: Besteht nach Rennen, Teil 2 erneut Renovierungs- und Gartenzwergbedarf?
Aufhänger der ganzen Klamotte ist ein neues Vehikel aus dem Feldmannschen Universum. Da Brösel ungern allein Bier trinkt, teilt er sich dieses Hobby mit sei-
nem Bruder Andi und anderen Bürgerinnen und Bürgern seiner plattdeutschen Heimat. Irgendeiner dieser Freunde des schnell wechgehauenen Flaschbiers arbeitet bei einem Kettensägen-Hersteller in Hamburg, und also ward in lockerer Runde die brillante Idee geboren, nicht zwölf, nicht 18, sondern 24 Kettensägenmotoren in einem Dragster-Motorrad zu verwurschteln. 24 ist übrigens eine magische Zahl, denn just
so viele Pullen passen in einen ordentlichen Bölkstoffkasten.
Für den Hersteller der Kettensägen ein spitzen Marketing-Gag. Kennt Otto Normalversäger meist doch nur die stihlvollen Produkte aus dem Hause des ewig nörgelnden Verbandsmuftis aus Schwaben. Anders als beim Red-Porsche-Killer, dem der legendäre Schrauber »Ölfuß« großzügig Stunden seiner Lebenszeit spendierte,
entpuppt sich die fahrbare Version eines Kettensägenmassakers als ingenieurs-
mäßig konstruiertes Gebilde. Ein selbsttragender Alu-Kasten bildet die Basis für die
Motorenaufnahme und beherbergt unter anderem eine Vielzahl von skurril verlegten Zahnriemen, die die Motoren untereinander verbinden. 300 Kilogramm wiegt das Monster, das aus 1,9 Liter Gesamthub-
raum angeblich 170 PS und stolze 400 Nm Drehmoment spucken soll.
Andi Feldmann, der Bruder von Rötger alias Brösel, Andi also, der meist im medialen Schlagschatten Brösels segelt, darf als Dompteur der »Dolmette« genannten Wunderwaffe nun endlich auch mal auf die große Bühne und so en passant die Familienehre aufpolieren. Bleibt aber bescheiden. »Ich finde geil, was Rötger macht.« Diktiert er in die Mikros und weiter: »Spaß haben, rumfahren – Rötger lebt, was ich tue.«
Alles klar. Andi tut das, was Rötger lebt.
Rötger lebt an diesem Wochenende mit 18 Bands von Motörhead (Jungs) bis Dick Brave & The Backbeats (Mädels), erlebt am Samstag, wie Andi auf »Dolmette« gegen Model-Rennfahrerin Christina Surer in einer bieder dahergetunten Familienkarre antritt und er selbst auf Horex die Revanche gegen Holgis Porsche sucht. Damit der gemeine Besucher für seine
80 Euro Eintritt nicht zur Ruhe kommt, gibt es noch Stuntshows, Freestyle und die richtig schnellen Dragster.
Freitagabend kurz vor zehn. Da hat Brösel seinen ersten Auftritt. Wie ein gedopter Maikäfer springt der Comicer über die Bühne und grölt ins Mikro: »Morgen gibt es geile Rennen, kommt alle! Und jetzt wollen wir Lemmy und Party machen!« »Leeemmmy, Leeemmmy«, freut er sich weiter, und dann kommt er auch schon. Der Lemmy. »I’m the fucking Godfather
of Trashmetal, you like it louder?« Das Publikum headbanged und ist’s höchst
zufrieden. Die Party läuft.
Am nächsten Morgen döst alles vor sich hin, und über den leeren Platz trottet Alex, genannt Anton, mit seiner Bauschaumgitarre. Mit gerade 18 Jahren war er schon in Hartenholm dabei und kommentiert trocken die Veranstaltung im hier angesagten Fischkopfidiom. »Bisschen viel Kommerz hier und nichts los. Werner ist Norddeutscher, und da gehört er hin, aber egal – ist ja geiles Wetter.« Immer wieder dröhnen Motoren, Publikum wie Zeitplan schleppen sich so dahin. Scheint es, bis auf einmal die Hauptattraktion »Feldmann versus Surer« urplötzlich losgeht. Kein
Ballyhoo, keine motzigprotzige Startvorbereitung – Ampel an und ab. Frau Surer reagiert blitzschnell. Die Dolmette dagegen kämpft mit dem Ausfall von vier Motoren, und Andi ist bemüht, den Tanker auf Kurs zu halten. Während viele noch an ein Warm-up glauben, ist alles schon längst vorbei, und die Feldmanns tragen die nächste Schlappe mit sich rum. Doch die wahre Party geht eh auf dem Campingplatz ab. Sieht so aus und hört sich so an, als tummelten sich da mehr Leute als im eintrittspflichtigen Rennstreckenbereich.
Sonntag um zehn ist die Welt zwar in Ordnung, aber viele packen und fahren nach Haus. Das bringt Rötger Feldmann so richtig in Fahrt. Irgendwie haben er und Andi die Zahnpasta mit Biergeschmack
erwischt und die offizielle Pressekonferenz entwickelt sich zum Showdown. Als er
Becherpfand zahlen soll, platzt es aus ihm heraus. »So eine Sch..., wo soll ich denn das hernehmen?« Er trinkt einen Schluck Wasser, und Andi meint: »Viele denken, wir sind Alkoholiker, aber wie man sieht,
trinken wir Wasser.« »Obwohl das eigentlich für Fische ist«, ergänzt Brösel. Und überhaupt: »Das ist doch das alles totale
Sch... hier.« »Die Leute haben Angst um ihre Sch... Rennstrecke, und das Lagerfeuer musste gestern ab zwei aus sein. Nächstes Mal machen wir das alles wieder selber, so wie Hartenholm muss das sein.« Dass Brösel bei seinem eigenen Rennen etwas später nicht mal von der Startlinie richtig wegkam, sei nur der Chronistenpflicht wegen erwähnt.

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