Wo ein Fahrwerk ist, ist auch ein Weg (Archivversion)

Stabil bleiben, wenn’s knüppeldick kommt, Sozius und Gepäck locker wegstecken und sich dann noch handlich geben – ein Tourer-Chassis hat’s nicht leicht.

Vollgas-Eskapaden über deutsche Autobahnen bringen kaum etwas – außer Erkenntnissen. So fegt die CB 1300 S selbst bei Topspeed 230
stoisch gen Horizont. Übermäßigen Auftrieb am Vorderrad kennt sie nicht. Auch sonst fährt die CB unauffällig gut, typisch Honda: handlich, stabil, gut ausbalanciert. Noch etwas schneller, bleibt die
FJR 1300 ebenfalls gelassen und zielsicher, als wandele sie auf Schienen. Bemerkenswert ruhig für solch einen Hochdecker fegt die R 1200 GS über die Bahn. Wohlgemerkt mit Koffern und Gepäckrolle. Das ist top für eine große Reise-Enduro.
Wer hingegen den Burgman voll auswringt, hat
das Gefühl, als verwinde sich das Heck. Der Roller pendelt ab Tempo 140, trotz knapp 1,60 Meter Radstand. Mit der Geradeauslaufstabilität ist es auf der Road King ebenfalls nicht weit her. Permanent geht eine leichte Unruhe durchs Fahrwerk, als wären die Lager unterdimensioniert. Oder die schmächtige 41er-Gabel unter den dicken Verblendungen?
Pendelneigung kennt auch die Norge. Bei 160 geht’s los, zumindest mit beladenen Koffern. Nun, Moto Guzzi erlaubt mit Gepäckboxen bloß 130 km/h. Souveräner pflügt der Luxusdampfer Gold Wing übern Asphalt. Erst jenseits der 200 rührt es ein wenig um den Lenkkopf. In der Regel braucht es dafür einen handfesten Impuls. Etwa Wirbelschleppen von überholten Lkw, Fahren mit hochgestellter Scheibe oder allzu viel Last im Topcase. Die F 800 ST läuft an und für sich stabil geradeaus. Allenfalls bei Höchst-
geschwindigkeit tänzelt mitunter das Vorderrad minimal. Auf der anderen Seite fällt Bayerns Medium-Tourer besonders leicht in Schräglage, ohne in selbiger mit irgendwas aufzusetzen.
Ähnlich die GS. Aber als Reise-Enduro übertrifft sie die ST noch in der Bodenfreiheit, logisch. Und die langen Federwege im gut abgestimmten GS-Fahrwerk stecken Schlaglöcher am lockersten weg. Doch selbst der Deutschen liebstes Kind könnte noch
souveräner rollen, wenn am vorderen Federbein auch die Dämpfung verstellbar wäre. Und an der einstellbaren Zugstufe hinten ist der wirksame Verstellbereich zu klein. Erst tut sich nichts, dann reagiert das Federbein plötzlich überempfindlich: Eine halbe Umdrehung an der Einstellschraube kann von unter- bis überdämpft alles bewirken. Außerdem wird die 1200er-GS mit Sozius arg hecklastig. Bei Bergauffahrt zu zweit sind unfreiwillige Wheelis programmiert.
Wobei das Jammern auf höchstem Niveau ist, wie der Extremfall Road King beweist. Träge im Handling und wenig fahrstabil, schleift das US-Bike in Kurven sehr früh übern Asphalt: zunächst mit den klapp-
baren Trittbrettern und dann – weniger spaßig – mit deren starren Auslegern.
Im nach unten offenen Raspel-Ranking folgen die nicht übermäßig handliche Gold Wing (Fußrasten und Verkleidung) und die Guzzi. Sie setzt tückischerweise zuerst mit dem unnachgiebigen Hauptständer auf – nicht ungefährlich. Zumal das weiche Federbein die Italienerin im Soziusbetrieb weit einsacken lässt. Harmlos dagegen sind die früh Furchen ziehenden Fußrasten der FJR. Dafür dürfte das Handling der Yamaha insgesamt besser sein.
Erstaunlich handlich gibt sich der Burgman. Und
er setzt erst dann auf, wenn auch die Reifenhaftgrenze bald erreicht ist. Mit der flotten Fortbewegung ist es auf schlechten Wegstrecken aber im Nu vorbei. Die kleinen 14-Zoll-Rädchen finden und fallen (in) jedes Schlagloch, den trampeligen Federbeinen fehlt’s an Reserven. Und der ausladenden Karosserie an
Bodenfreiheit: Vorsicht beim Bordsteinklettern!

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