Yamaha DT 250 (Archivversion) Der lange Traum

20 PS, 133 Kilo und 137 km/h Spitze. Stimmt, der Hammer war die Yamaha DT 250 nie. Nicht mal bei ihrem Debüt Anfang der Siebziger, als sie – ihres Zeichens erste offizielle Enduro – Deutschlands Feldwege eroberte. Und dennoch reichte es für die glühendsten Fantasien einer damals 16-Jährigen.

Es gibt Geschichten, die kann außer mir niemand schreiben. Oder hatte sonst jemand den Werbeprospekt einer Yamaha DT 250 überm Bett hängen? Vielleicht den von einer Münch oder Z 900 – eine windige, übergewichtige Enduro pinnte sich
jedoch nur selten jemand an die Wand. Beim letzten Umzug flatterte der vergilbte Prospekt aus einem Karton, die verräterischen Reißnagellöcher in den ausgefransten Ecken. Verblichen zwischen Cat Stevens, Joan Baez und dem ersten Titelcover der Berliner Frauenzeitung Courage. Okay, ich war 16, und Mutter hatte nicht immer
alles so im Blick. 76er-Modell mit hochmoderner Membran-Einlasssteuerung und Autolube-Getrenntschmierung. Doch allein das Foto genügte für schiere Begeisterung: ein verwegenes Paar im typischen 70er-Jahre-Look neben besagter DT, über waldige Hügelketten
blickend und nichts als Freiheit suggerierend. »Yamaha Enduros
finden ihren Weg auch ohne Asphalt!« Da steckte alles drin. Vom »way of life” stand weiter hinten. Der Preis nirgends, war ja eh wurscht. Noch zwei Jahre bis zum Führerschein. Noch 700 Tage
Hercules M 2, Bus fahren oder trampen.
Auch wir Mädels träumten damals vom großen Aufbruch, von
einem Leben, das endlich anders sein sollte als das unserer Mütter. Die entweder von bundesrepublikanischen Aufstiegswünschen
zerrieben oder bereits nahtlos zwischen Resopalküchen und
Eiche-Imitat-Schrankwänden aufgegangen waren. Wir wollten mehr!
Träumten von Abenteuern, Afrika-Reisen, beobachteten die aus den USA überschwappende Frauen-Bewegung und die Baader-Meinhof-Gruppe, lasen Verena Stefans Häutungen und Karin Strucks Klassenliebe. Zwar ohne einen Schimmer zu verstehen, aber egal, irgendwas war in Bewegung gekommen, und das spürten wir. Motorradfahren gehörte dazu. Die Vorstellung, selbst an einem Gasgriff drehen zu können, war unfassbar und mehr, als Simone de Beauvoire uns je
versprechen konnte. Allerdings forderte bereits der Weg zur Fahrerlaubnis einem Mädel deutlich mehr Elternüberredungskünste ab
als den Jungs. Da hörte die Toleranz nämlich auf. Doch ein paar Unbeugsame schafften es zur »Einser«-Fahrstunde. Wir waren drin.
28 Jahre später. Ein Kollege erzählt von seiner DT 250 – ganz nebenbei. Mir stockt fast der Atem: DIE DT? Ja, seine Tochter sei ’ne Zeit lang damit zur Uni geöttelt, habe nun aber Familie und neue Interessen. Wie sich die Zeiten ändern. Meine Chance. Tochter
Nicole hat nichts gegen eine Fahrprobe und gibt mir freundlich Schlüssel, Standortplan (im Schuppen) und eine knappe Zustandsbeschreibung. Zusammengefasst: vor zwei Jahren abgestellt und
vergessen. Die springe immer an, versichert Nicole. Mit den nötigsten technischen Requisiten ausgerüstet, mache ich mich schließlich auf den Weg zu meiner Vergangenheit. Lampenfieber – ich gestehe.

Und dann das! Reifen platt, Bank zerschlissen. Instrumente und Lenker in mattem Restchrom blinzelnd, braune
Spritreste um den Einfüllstutzen. Überm Bett sah sie
entschieden besser aus. Aber es ist sogar dasselbe Modell, in verwittertem 76er-Orange. Dem Zustand nach scheint Nicole ihre Freiheitsfantasien allerdings auf anderen Schienen ausgelebt zu haben. Nun – Struck und Stefan sind ja auch irgendwie passé, liefern
heute maximal verblichene Antiquariatsschinken, Cat Stevens singt
islamisch, Joan Baez überhaupt nicht mehr, und die Courage wurde vor 20 Jahren eingemottet. Man darf also froh sein, dass die Yamaha wenigstens noch unter uns weilt.
Reifen aufpumpen, Dreck abwischen und zumindest die sichtbaren mechanischen Verbindungen schmieren. Benzin austauschen,
Kerze putzen, Öl, Zündung, Kette, Luftfilter und Bremsen checken – die Handgriffe bei einem alten Zweitakt-Einzylinder sind überschaubar. Jetzt gilt es nur noch, das Problem der Stromversorgung zu
lösen. Denn die Batterie ist tot, und die vorsorglich mitgebrachte passt nicht in das Fach unter der Sitzbank. Also von außen ans
Bordnetz kabeln. Ah, die Kontrolllampen leuchten schon mal. Also dann: über die Strippen weg ankicken. Au Backe, die Haltungsnote
ist mega-schlecht. Rückschläger – jetzt wird’s echt artistisch mit
dem Kabelgewirr und der Fremdbatterie. Doch es klappt. Unter einer blauen Qualmwolke erhebt sie blechern die Stimme.

Anderntags steh’ ich wieder auf der Matte. Mit passender Batterie für 14 Euro – ist billig zu halten, so eine DT – rückschlagsicheren Stiefeln, Landkarte, Reisewerkzeug und der prickelnden Erwartung von 28 Jahren. Sie springt wahrhaftig
ein zweites Mal an, und vorsichtig rollen wir Richtung Freiheit. Geht gar nicht mal übel, die Kleine, dengelt zielstrebig und blau umflort
voran, kuppelt, schaltet, hupt, blinkt, bremst, alles da. Merkwürdige Sitzposition. Lenken auf Brusthöhe, sitzen knapp überm Asphalt. Ziemlich uncool. Gut, dass ich das als Teenager nicht wusste. In
MOTORRAD stand etwas von einer »erstklassigen Sitzposition, die Knie nicht zu stark angewinkelt, dass die Füße ohne Anstrengung den Boden erreichen und die Hände bequem den Geländelenker«. MOTORRAD war DAS Blatt, gleich nach der Courage. Und Testredakteurin Ilse Reuter beeindruckte uns Mädels mindestens so wie
Golda Meir oder Jacky Kennedy.
Sieben Liter voll tanken und raus aus der Stadt. Links, rechts, links, echt handlich, das Ding. Die Sechs-Volt-Blinker werkeln angestrengt, lassen das Scheinwerferlicht dabei rhythmisch passend auf- und abschwellen. Was soll’s, es reicht. Selbst das Standgas
liefert stabile Herztöne, und zusehends beherzter kreischen wir an den Ampeln davon. Allein der sich allmählich in den Rücken bohrende Schraubenzieher erinnert noch an Werktätigkeiten jener Jahre.
Wer Motorradfahren wollte, musste mindestens ein Schwingenlager wechseln sowie Zündkontakte und Ventile einstellen können.
Vattern (!) schenkte mir die ersten drei Werkzeuge, einen Heizlüfter für den Schuppen und freundliche Toleranz angesichts der finsteren Schrauberhorde, die gelegentlich – bei so schwierigen Fällen wie der dynamischen Zündeinstellung – zu Hause einfiel.
Fährt eigentlich wie ein modernes Motorrad. Vergaser und
Ansaugtrakt sehen zwar bei Licht betrachtet noch schlimmer als
im Schuppen aus, und auch der irgendwann demontagefrei mit
Silberbronze besprühte Auspuff geht nicht mal mehr als ehrenvoll
ergraut durch, doch die Fuhre rennt wie die Hölle. Die ersten breiten Landstraßen – das Blechtrompetenkonzert wird heller, und die
Tachonadel zittert auf verblichenem Graugrün über die 100-km/h-Marke. Uiuiui, da kommt Leben in die Hütte, und die Karre fängt so abenteuerlich zu pendeln an, dass ich schnellstens wieder zudrehe. Okay, die kaum zwei Finger breiten Gabel- und Schwingenholme
bieten in unglücklicher Allianz mit einem senilen Lenkkopflager und dem Höhenschlag im Vorderrad einfach keine optimalen Voraussetzungen. »Dank der vorzüglichen Telegabel wird man in mancher Waschbrettkurve sogar schneller als mit einer reinrassigen 250er-Straßenmaschine sein können«, frohlockte MOTORRAD in Heft 12/1975. Alles eine Frage der Zeit.

Mit jedem Kilometer dreht der Zweitakter befreiter, legt
zwischen 5000 und dem blassroten Bereich bei 7000 Umdrehungen derartig nach, dass die Vibrationen bis in den Brustkorb dröhnen. Barbarisch, aber ungemein engagiert. Wäre sicher nicht die schlechteste Wahl gewesen. Besser vermutlich als die zähe 250er-Honda, die ich dann, als die zwei Jahre auf M 2 und im Büdinger Bus endlich abgesessen waren, Alex aus der 13b für
800 Mark abschwatzte.
Ein ungesperrter Feldweg. Rauf auf die Rasten, Lenker von oben packen, jetzt passt auch die komische Ergonomie. Beherzt pflügen wir über alles Erdige, was irgendwie legal aussieht, und mit jeder Schotterkurve steigt der Spaß. Wir stauben an Schuppen, Kühen und Traktoren vorbei. Etwaige Skrupel oder bäuerliche Ressentiments lässt die Yamaha überhaupt nicht erst aufkommen. So klein, leicht und daheim in jedem Garten, wie sie aussieht.
Ich hätte sie kaufen sollen, damals. Doch fürs Wesentliche – die Fantasien von Afrika und vom Freisein – reichte bereits der Prospekt überm Bett. Danke, Yamaha. Und danke all den Müttern, die damals nicht so genau hingeguckt haben. Ohne Träume keine Taten.

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