Yamaha-R1-Langstrecken-Rennmaschine im Detail Verschluss-Sache

Ein Erfolgsrezept im Langstreckensport ist, größeren Ärger vorherzusehen, ihn dadurch möglichst zu vermeiden oder zumindest die Folgen zu begrenzen. Anders ausgedrückt: ein Motorrad vorzubereiten, das dank Schnellverschlüssen so servicefreundlich wie möglich ist.

Foto: fact
Langstreckenrennen werden in der Box entschieden«, lautet eine Binsenweisheit. Die jedoch stimmt nur bedingt. Denn um bei Fahrerwechseln oder Blitzreparaturen in der Boxengasse glänzen zu können und die entscheidenden Sekunden und Minuten einzusparen, braucht es viel Hirnschmalz lange vor dem Rennen.
Genau hier sind erfahrene Cheftechniker gefordert. Das Yamaha Austria Racing Team um Boss Mandy Kainz, in den letzten Jahren aus einer Amateur-Truppe zum WM-Spitzenteam gewachsen und derzeit stabiler Zweiter der WM-Tabelle, ist in der glücklichen Lage, mit dem Franzosen Christian Giglio über einen der besten Masterminds der Langstrecken-Szene zu verfügen. Er weiß, dass die besonderen Eigenschaften einer Langstreckenmaschine weit über gut funktionierende Schnellwechselanlagen für die Räder oder Schnellbetankungssysteme hinausgehen.
So klappen die gabelfesten Nissin-Bremszangen am Vorderrad der Austria-Yamaha YZF-R1 nicht nur beim Radwechsel nach außen und geben das Vorderrad frei. Sondern die Bremsanlage ist, zumindest für die Distanz eines 24-Stunden-Rennens, weitgehend wartungsfrei – die Beläge müssen nicht gewechselt werden. »Bei den 24 Stunden in Oschersleben verschleißen unsere Fahrer ungefähr sechs Millimeter der Bremsklötze. Es sind aber elf Millimeter vorhanden«, erklärt Kainz. Besonders stolz ist man bei Yamaha Austria auf Giglios Trick mit der Einspritzanlage. »Der komplette Einspritztrakt ist mit einem zentralen Splint gesichert, der auf beiden Seiten in der Rahmenbrücke gehalten wird«, verblüfft der Franzose,
der schon für fast alle Langstrecken-Top-Teams gearbeitet hat und nebenbei professionell Motorrad-Comics zeichnet. »So kann ich nach dem Lösen einer einzigen Schraube die komplette Einspritzanlage nach oben abheben.« Und bei Arbeiten in der Box gewaltig Zeit sparen.
Genau darum geht es bei der Vorbereitung eines Langstrecken-Motorrads: eventuelle Sturzschäden zu antizipieren und ihre Beseitigung möglichst zu vereinfachen. Der Kühler der österreichischen Yamaha etwa ist ebenfalls nach dem Öffnen nur einer Schraube zu demontieren.
Spezielles Augenmerk gilt natürlich den exponierten und damit extrem sturzanfälligen Teilen wie Lenkerstummel, Cockpit, Verkleidungshalter, Fußrasten, Rahmenheck und Auspuff. So sind die Harris-
Lenkerstummel durch Lösen einer Klammer blitzartig ab- und wieder anmontiert. Schnappverschlüsse ähnlich denen, die beispielsweise bei Druckluftschläuchen verwendet werden, sorgen hier an Brems- und Kupplungsleitungen ebenso wie bei der Benzinleitung am Tank für problemlos schnellen An- und Abbau.
Sämtliche Schrauben an besonders sturzkritischen Stellen wie zum Beispiel die Halteschrauben des Rahmenhecks sind mit einem zusätzlichen Innengewinde versehen, damit der Austausch des betreffenden Teils sogar bei abgeschliffenen Schraubenköpfen zügig erledigt werden kann.
Das Rahmenheck selbst kann gewechselt werden, ohne dass die im Heck eingebettete Bord-Elektronik samt 2D-Datarecording-System angefasst werden muss.
Der Akrapovic-Werksauspuff an der Yamaha-Austria-R1 weist gleich mehrere Raffinessen auf. »Die Serien-R1 hat eine Vier-in-eins-in-zwei-Anlage«, erläutert Giglio, »und verschenkt damit Leistung.« Das Ergebnis: Die Austria-R1 fährt mit einem Vier-in-eins-Auspuff, gewinnt nach Angaben des Teams damit rund sieben PS. Da aber das Superbike-Regelwerk, nach dem auch in der Langstrecken-WM gefahren wird, die Erhaltung der Silhouette des Serien-Motorrads vorschreibt, trägt die Maschine trotzdem dem R1-typischen Doppelauspuff. »Das linke Endrohr ist nur eine Attrappe«, grinst der gallische Techniker, »neben dem Leistungsgewinn ist
unsere Anlage auch noch leichter als das Original. Und wenn die Kiste nach links stürzt, fahren wir einfach weiter.«
»Am Auspuff sparen wir zwar etwas Gewicht, aber trotzdem ist unser Motorrad mit den ganzen Langstrecken-Spezialteilen gegenüber einer reinrassigen Sprint-R1 mit dem Superbike-Kit um gut zehn
Kilogramm schwerer«, relativiert Teamchef Kainz, »doch am Ende eines 24-Stunden-Rennens schleppst du lieber ein paar Kilo mehr mit dir rum und hast dafür die Sicherheit, dass deine Standzeiten in der Box
unter allen Bedingungen so kurz wie nur irgend möglich sind.«
Langstreckenrennen werden also doch in den Boxen gewonnen? »Na ja, ein paar ausdauernd schnelle Kutscher, wie wir sie in diesem Jahr mit den Franzosen Gwen Giabbani und Sébastien Scarnoto sowie dem Slowenen Igor Jerman haben, gehören schon auch dazu.«
Manchmal außerdem noch eine entsprechende Portion Glück, die den Österreichern bei den 24 Stunden in Le Mans im Frühjahr nicht beschieden war, als ihre wunderbar durchdachte R1 mit einem Motorschaden frühzeitig stehen blieb. Es ist also noch eine Rechnung offen für Yamaha Austria, und wo könnte die besser beglichen werden als bei den 24 Stunden in Oschersleben (siehe Kasten), wo drei zweiten Plätzen in den kürzeren WM-Rennen, jeweils hinter dem französischen Suzuki-Werksteam, ein Sieg folgen soll.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel