Yamaha XJ 600 N/S (Archivversion)

Allround-Talente

Mit ihrem breiten Einsatzspektrum gehören die XJ-600-Modelle von Yamaha zu den Lieblingen der Biker-Nation. MOTORRAD hat sich zwei dieser Allrounder angesehen.

Schluss, aus, vorbei – nach zwölf erfolgreichen Jahren stellt Yamaha die Produktion der XJ-600-Modelle ein. Mit dem Allrounder fällt ein weiterer Evergreen der künftig für Neumaschinen geltenden Euro-2-Abgasnorm zum Opfer. Wer noch ein neues Exemplar erstehen möchte, muss sich sputen, weil bei den Händlern nur geringe Restbestände verfügbar sind. Wesentlich größer ist die Auswahl hingegen auf dem Secondhand-Markt, wo die XJ 600 als langjähriger Topseller reichlich vertreten ist.So auch bei Manfred Domaier und Manuel Wahl von Motorcity, einem großen Gebrauchthändler im schwäbischen Albershausen. Am Besuchstag stehen dort fünf Maschinen des besonders bei Neu- und Wiedereinsteigern beliebten Vierzylinders zum Verkauf. Unser Interesse gilt zwei Modellen aus erster Hand. Die schwarze XJ 600 N von 1999 mit 11400 Kilometern auf dem Tacho könnte auf den ersten Blick glatt als Neufahr-zeug durchgehen, wären da nicht die verschlissenen vorderen Bremsbeläge und der abgefahrene hintere Pneu. Ansonsten trüben weder Kratzer noch Kettenschmiere oder gar Rost den hervorragenden Zustand. Erst unter dem milden Licht der Herbstsonne entdeckt Domaier selbst eine winzige Delle auf der rechten Seite des Tanks, die im Schauraum nicht aufgefallen war. Spontan reduziert er den Preis von 3390 Euro auf 3000 Euro, einschließlich einer frischen Inspektion, neuer Bremsbeläge und TÜV sowie der obligatorischen Gebrauchtgarantie. Ein prima Preis, trotz des kleinen optischen Mangels.Nicht so positiv kann sich das zweite Exemplar, eine XJ 600 S mit einer Laufleistung von lediglich 4600 Kilometern, in Szene setzen. Die 1998 erstmals zugelassene Yamaha hat eine leichte Sturz-Schramme an der linken Verkleidungsseite und weist Rostspuren an Bremsscheiben, Auspuff und Gepäckträger auf. »Typische Standschäden«, konstatiert Domaier, die jedoch im Rahmen der Inspektion beseitigt werden sollen. Dennoch scheinen uns 3200 Euro – die ursprüngliche Forderung betrug 3490 Euro – für dieses Motorrad etwas zu hoch gegriffen.
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Yamaha XJ 600 N/S: Gebrauchtberatung (Archivversion)

MotorLuftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, zwei über Tassenstößel betätigte Ventile pro Zylinder, Nasssumpfschmierung, vier Mikuni-Gleichdruckvergaser, Ø 28 mm, kontaktlose Transistorzündung, keine Abgasreinigung, E-Starter, Drehstromlichtmaschine 230 Watt, Batterie 12 V/8 Ah.Bohrung x Hub 58,5 x 55,7 mm Hubraum 599 cm3Verdichtungsverhältnis 10:1Nennleistung 45 kW (61 PS) bei 8500/minMax. Drehmoment 53 Nm (5,4 kpm) bei 7500/minKraftübertragungPrimärantrieb über Kette, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.FahrwerkDoppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Standrohrdurchmesser 41 mm, Zweiarmschwinge aus Stahlrohren, direkt angelenktes Zentralfederbein mit verstellbarer Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 298 mm, Doppelkolbensättel, Scheibenbremse hinten, Ø 245 mm, Reifengröße vorn 110/80 H 17, hinten 130/70 H 17.Maße und GewichteRadstand 1445 mm, Lenkkopfwinkel 65 Grad, Nachlauf 97 mm, Federweg v/h 140/110 mm, Sitzhöhe 790 mm, Tankinhalt 17 Liter, Gewicht vollgetankt 229 kg, zulässiges Gesamtgewicht 397 kg.Messwerte (MOTORRAD 19/2000)Höchstgeschwindigkeit solo (mit Sozius) 188 (174) km/hBeschleunigung solo (mit Sozius) 0–100 km/h 4,6 (6,2) sekDurchzug solo (mit Sozius) 60–140 km/h 15,9 (19,5) sekVerbrauch 6,0 l/100 km, Normalbenzin

Yamaha XJ 600 N/S: Gebrauchtberatung (Archivversion)

1991 Markteinführung der Yamaha XJ 600 S Diversion mit 27 oder 50 PS für 8600 Mark, Umrüstung auf 61 PS gegen Aufpreis; Tourenscheibe sowie zwei Handprotektoren im Lieferumfang; Modellcode 4BR1992 Einbau eines verbesserten Benzinhahns sowie längerer Schrauben des Zünd-/Lenkschlosses im Rahmen einer Rückrufaktion (Fahrgestellnummern 4BR-020101 bis 021930 sowie 4BR-032101 bis 033500)1993 Schwinge im Bereich der Federbeinaufnahme verstärkt; verstärktes Federbein mit strafferer Dämpfung; größere Verkleidung mit geänderter Scheibe und höher positioniertem Scheinwerfer1994 Einführung des unverkleideten Modells mit der Bezeichnung XJ 600 N, das – abgesehen vom herkömmlichen Lenkschloss – technisch mit der S-Variante identisch ist; Drosselversionen ab sofort mit 34 PS (Modellcode 4LX)1996 Facelift mit folgenden Änderungen: kantigere Verkleidung samt Scheinwerfer, zweigeteilte Seitenverkleidungen, elektrisch beheizte Vergaser mit Drosselklappensensor, elektrische Benzinpumpe ersetzt Vakuumpumpe, Ölkühler, neue Armaturen mit Choke am Lenker1997 Besser gepolsterte Sitzbank mit gestepptem Bezug; Kunststoffprotektoren an der Gabel; Warnblinkanlage serienmäßig1998 Letztmalige Überarbeitung: steifere Gabel mit 41er-Standrohren, Doppelscheibenbremse mit schwimmend gelagerten Scheiben und Kabelbaum mit Adapter für nachrüstbare Alarmanlage; neuer Modellcode RJ012000 Ab Werk nur noch mit 34 und 61 PS erhältlich, die 50-PS-Version entfällt2003 Abverkauf der XJ-600-Modellreihe

Yamaha XJ 600 N/S: Gebrauchtberatung (Archivversion)

ModellgeschichteGetreu dem Motto »Weniger ist mehr« präsentierte Yamaha im Herbst 1991 mit der XJ 600 S Diversion die Nachfolgerin der bislang schlicht XJ 600 genannten Mittelklasse-Maschine. Im Vergleich zum stärkeren Vormodell, das Mitte der 80er Jahre die Klasse der 600er-Motorräder begründet hatte, kam die Diversion jedoch recht spartanisch daher. Der komplett neu konzipierte Allrounder musste nicht nur ohne Hebelumlenkung des Zentralfederbeins auskommen, sondern verzichtete auch auf die zweite Bremsscheibe im Vorderrad sowie mit maximal 61 PS in der ungedrosselten Version auf einige Pferdchen. Dank des vergleichsweise günstigen Preises von 8600 Mark gewann das Universaltalent dennoch rasch die Sympathien all jener Biker, die sich nicht auf einen Spezialisten festlegen wollten. Darunter waren und sind bis heute viele Neu- und Wiedereinsteiger, die am unkomplizierten Handling, der sanften Leistungsentfaltung des Vierzylinders sowie an der kommoden Sitzposition ihren Gefallen finden. Dass die Diversion – wie auch die ab 1994 parallel angebotene unverkleidete XJ 600 N – nicht zu den fahrstabilsten Motorrädern gehört, stört diese Klientel weniger als der bisweilen hohe Benzinverbrauch, der auf der Autobahn Werte um zehn Liter auf 100 Kilometer erreichen kann. Die Yamaha XJ 600 ist also eher etwas für gemütliche Genussmenschen, die den Fahrspaß abseits der Extreme auf kurvigen Landstraßen suchen und dort auch finden. Nach mehrfachen Modellpflegemaßnahmen zeigen sich vor allem Exemplare ab Baujahr 1998 spürbar gereifter, erkennbar an der steiferen Gabel sowie der Doppelscheibenbremse am Vorderrad. Wer ein problemloses, komfortables und preisgünstiges Motorrad mit Vierzylinder-Triebwerk sucht, darf bei einem solchen Krad getrost zugreifen, sofern der Preis stimmt.MarktsituationMit einfachen Mitteln zum Erfolg – diese Produkt-Philosophie ist im Fall der XJ 600 voll aufgegangen. Aktuell weist das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) einen Bestand von sage und schreibe 38300 Einheiten aus. Gebrauchtkäufer können demnach aus dem Vollen schöpfen, für jeden Geldbeutel sollte sich deshalb die passende XJ 600 finden lassen. Dem gewaltigen Angebot steht mittlerweile eine etwas zurückhaltendere Nachfrage gegenüber. Speziell die jüngeren Exemplare ab 1998 konkurrieren mit technisch wesent-lich moderneren Motorrädern wie der Honda Hornet 600, der Suzuki SV 650 oder der Yamaha FZS 600 Fazer. Dies bedeutet, dass Verkäufer einer XJ 600 einen gebührenden preislichen Abstand zu solchen Bikes mit vergleichbaren Voraussetzungen (Alter, Vorbesitzer, Fahrleistung) wahren müssen, um nicht auf ihrem Krad sitzen zu bleiben. Ältere XJ 600 hingegen erweisen sich als vergleichsweise preisstabil. So taxiert die Schwacke-Liste einen Händler-Verkaufspreis für eine XJ 600 S von 1994 immerhin noch auf rund 1800 Euro (81000 Kilometer). In der Praxis werden Motorräder mit solchen Laufleistungen allerdings deutlich niedriger gehandelt. Dies gilt ebenfalls für die unverkleideten N-Modelle, die sowohl bei den Neu- als auch bei Gebrauchtkäufern weniger gefragt sind als die verkleidete Diversion.BesichtigungDie Yamaha XJ-600-Modelle gelten im Großen und Ganzen als weitgehend problemlose Fahrzeuge. Echte Schwierigkeiten gab es nur beim ersten Baujahr mit einer zu schwachen Federbeinaufnahme an der Schwinge sowie einem zu laschen Federbein. Vereinzelt wurden darüber hinaus Schäden am Anlasser-Freilauf bekannt. Weiterhin sollte man bei älteren XJ bis Baujahr 1996 auf poröse Gummileitungen der Vergaser-Beheizung achten. Bei höheren Laufleistungen ab 40000 Kilometern deuten Heulgeräusche aus dem Getriebe auf Karies an den Getrieberädern hin, wovon insbesondere jene des fünften Gangs betroffen sein können. Da Drosseln oder Entdrosseln bei der XJ 600 je nach Ausführung und Modelljahr teuer sind, empfiehlt sich beim Kauf einer Gebrauchten, die Auswahl von vornherein auf die gewünschte Leistungsvariante zu beschränken. Einen Überblick erhält man im Internet unter www.yamaha-motor.de sowie beim Vertragshändler. Neueinsteiger mit Stufenführerschein, die ihre XJ länger fahren möchten, greifen jedoch am besten zur offenen Variante mit 61 PS, die sich mit Reduzierkits aus dem Zubehör vergleichsweise kostengünstig auf 34 PS drosseln lässt, etwa mit einem Umbausatz von Alpha Technik, Telefon 08036/300720, für 99 Euro. Ansonsten kann man sich bei der Besichtigung auf die üblichen Checkpunkte konzentrieren. OptimierungEs sind besonders Fahrwerksschwächen, die vielen XJ-Piloten Verdruss bereiten. Während man einer XJ 600 ab Baujahr 1998 mit progressiven Gabelfedern aus dem Zubehör (zwischen 80 und 100 Euro) sowie einem modernen Reifenpaar vom Schlag Bridgestone BT 45 oder Metzeler ME 330/550 vergleichsweise kostengünstig auf die Sprünge helfen kann, wird es bei älteren Exemplaren teurer. MOTORRAD kam bei der Optimierung einer 1993er-Yamaha XJ 600 S (Heft 16/2000) erst nach dem zusätz-lichen Einbau eines hochwertigen Nachrüst-Federbeins, beispielsweise von White Power (SO Products, Telefon 05924/78360, 440 Euro) oder Hagon (Wilbers, Telefon 05921/6057, 335 Euro) zu einem befriedigenden Ergebnis. Außerdem profitiert die stumpf agierende Einscheiben-Bremse vorn spürbar vom Einbau bissiger Sintermetallbremsbeläge und von der Verwendung einer stahlummantelten Bremsleitung. Ebenfalls überraschend positiv macht sich der Anbau eines Gabelstabilisators bemerkbar, welcher der Yamaha zu einer deutlich besseren Lenkpräzision verhilft. Allerdings wird auch eine derart verbesserte XJ nicht plötzlich zum Sportler, dafür fehlen ihr einfach die Gene.Tests in MOTORRAD*XJ 600 S: 24/1991 (T); 1/1992 (VT); 8/1992 (T mit 61 PS); 10/1993 (T mit 27 und 34 PS); 1/1994 (LT); 18/1995 (VT); 26/1997 (T); 8/1998 (VT); 14/2000 (VT); 19/2000 (VT)XJ 600 N: 22/1993 (T); 24/1993 (VT mit 34 PS); 6/1995 (VT); 17/1999 (VT); 23/1999 (VT); 23/2002 (TT)

Yamaha XJ 600 N/S: Gebrauchtberatung (Archivversion)

Perfekter kann der Pflegezustand eines gebrauchten Motorrads kaum sein als bei dieser schwarzen XJ 600 N. Nicht der geringste Ansatz von Flugrost, keine ausgebleichten Kunststoffteile, beinahe makelloser Lack ohne den kleinsten Kratzer – so sehen Motorräder nur dann aus, wenn sie in einer Garage abgestellt und liebevoll gepflegt werden. Die minimale Delle auf der rechten Seite des Tanks kommt auf dem Foto (rechts) zwar dramatisch zur Geltung, ist aber in Wirklichkeit lediglich aus einem bestimmten Blickwinkel zu bemerken. Deshalb geht der auf 3000 Euro gesenkte Preis einschließlich Inspektion, neuen Bremsbelägen vorn, frischem TÜV und der Händler-Gebrauchtgarantie in Ordnung.

Yamaha XJ 600 N/S: Gebrauchtberatung (Archivversion)

Dass eine geringe Laufleistung kein Garant für guten Zustand ist, zeigt diese XJ 600 S. Rost an Bremsscheiben, Gepäckträger, Auspuff und Lenker sowie poröse Gummiteile sind Indizien für längere Standzeiten im Freien. Ein weiterer Makel ist die kleine Schramme an der Verkleidung, die eindeutig auf einen leichten Bodenkontakt bei geringer Geschwindigkeit zurückzuführen ist. Technisch hingegen scheint alles okay zu sein: Der Motor nimmt sauber Gas an, der Lenkanschlag weist keine verdächtigen Lackabsplitterungen auf. Dennoch: Über das genannte Limit von 3200 Euro sollte man in diesem Fall noch einmal verhandeln.

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