Yamaha XT 600 (Archivversion)

Zugegeben, die Yamaha XT 600 macht es einem nicht ganz so leicht. Dazu nur ein Wort: Kickstarter. An dieses Prozedere muss man sich nach jahrelanger Abstinenz erst wieder gewöhnen. Anders als auf modernen Bikes fährt man mit diesem Motorrad nicht einfach los. Weshalb folgende Überlegung durchaus ihre Berechtigung hat: Erst die komplette Montur anziehen und einen Schweiß- und Wutausbruch riskieren, falls die Möhre die Arbeit verweigern sollte? Oder zunächst das Triebwerk zum Laufen bringen und erst dann in die Klamotten springen? Hm. Inzwischen kann man sich getrost für die Reihenfolge erst anziehen, dann starten entscheiden, da die gute alte XT unterm Strich recht zuverlässig anspringt. Wer un-
ter den Augen gespannter Redaktions-
kollegen mehr als drei Versuche benötigt, muss sich allerdings einiges an Sprüchen gefallen lassen...
Wenn sie rollt, macht die Enduro auf Anhieb Spaß. Der Motor (angebliche Laufleistung: 34000 Kilometer) schiebt erstaun-
lich gut an, die hohe Sitzposition passt perfekt, und in der Stadt ist die wendige XT stets die Erste an der Ampel. Wheelies? So leicht macht es einem kaum ein an-
deres Motorrad! Bei der Premiere auf der Landstraße sowie auf der Autobahn dann die Ernüchterung. Knapp 135 Sachen,
und das nur mit großer Mühe, da müsste
eigentlich mehr gehen. Außerdem hat
sich das Federbein größtenteils seiner Funktion entledigt und lässt das Heck nach Bodenwellen unkontrolliert auf und ab schaukeln. Über die vordere Bremse hüllen wir trotz der schicken Stahlflex-
leitung besser den Mantel des Schweigens und hoffen, nie im Ernstfall auf diesen Stopper angewiesen zu sein.
Ebenfalls ärgerlich: lautes mechani-
sches Klappern aus dem Triebwerk (hoffentlich sind’s nur die Ventile) und Ölaustritt am Zylinderfuß. »Der Motor war garantiert schon mal auf, denn diese marode Dichtung ist sicher nicht original«, befindet Werkstatt-Guru Mike Funke von der Schwesterzeitschrift MOTORRAD Classic. An die niedrige Laufleistung des 23 Jahre alten Motorrads glaubt er ohnehin nicht. Nun gut, es ist, wie es ist. Jetzt stehen erst mal TÜV und Wiederzulassung an. Bislang fuhr die XT mit roter Nummer.
Viel gibt es da nicht zu tun, für die Behörde (und den Fahrspaß) sind einzig neue Reifen und Bremsbeläge nötig, der Rest fällt in die Kategorie Inspektion – und die war augenscheinlich überfällig: Die Konsistenz der tiefschwarzen Masse, die aus dem Motorblock tropft, erinnert eher an Teer als an Öl, zudem läuft mit drei
Litern einer mehr als gedacht in den Auffangbehälter. Der Ölfilter stammt vermut-
lich noch aus der Ausstattung ab Werk, ebenso das völlig zerbröselte Schaumstoff-Filterelement des Luftfilters und die Batterie. Die Zündkerze, deren Mittelelektrode arg abgefackelt ist, wandert in den Müll. Die Ventile sind schnell eingestellt (und können – leider! – als Ursache für
die mechanischen Geräusche im Inneren des Einzylinders definitiv ausgeschlossen werden). Die vorderen Bremsbeläge erweisen sich zur großen Überraschung als fast neu. Egal, weg damit und andere
rein. Das Resultat: kaum ein Unterschied zu vorher. Waren die Bremsen früher wirklich so mies?
Tag X. Der TÜV-Prüfer (GTÜ) steht auf dem Hof, und ich bewege die XT mutig in seine Richtung. Im Nachhinein betrachtet: übermütig. Die neuen Reifen sind bisher nicht in der Redaktion gelandet, und da die alten Pellen gerade noch über genügend Profil verfügen, machte ich mir deswegen keine Sorgen. Im Untersuchungsbericht steht jedoch: »Reifen mit Alterungsrissen, Gummi porös.« Da hilft auch kein Flehen, zumal ich nicht daran gedacht hatte, die Hupe auf ihre Funktion auszuprobieren – der jämmerliche Ton des Horns reicht nicht einmal aus, um eine Fliege auf dem Kot-
flügel zu erschrecken. Aus der Traum von der Plakette.
Wie es weitergeht? Möglichst rasch
die erforderlichen Teile besorgen und einen zweiten Anlauf beim TÜV starten. mis

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