Yamaha YZF-R1 und Buell 1125 R (Archivversion) Ums Eck gebracht

Man nehme einen steilen Lenkkopf, leichte Räder und niedriges Gewicht, schon ist der Kurvenstar fertig. Klingt schön, ist aber bei Weitem nicht so einfach. Weniger ist manchmal mehr, und radikale Eckdaten ersetzen nicht ein präzises Abstimmen der Fahrwerks-Parameter.

Was nützt die schönste Leistungskurve, die beeindruckendste Maximalpower, wenn der geliebte Hobel zwar tierisch geradeaus geht, aber vor Kraft kaum ums Eck kommt und der Versuch, die Leistung auch einzusetzen, in einem Rodeo-Ritt endet? Ohne fein austariertes Fahrwerk bleibt der Spaß auf der Strecke. Das Fahrwerkskapitel ist ein ebenso komplexes wie sensibles, von vielen eng verflochtenen Parametern bestimmtes Gebiet. Passt alles, ist Gaudi vorprogrammiert. Bestes Beispiel: die YZF-R1.

Die sorgfältige Komposition von Lenkwinkel und Nachlauf, Schwerpunktlage, Schwingenlänge und Drehpunkt machen das R1-Chassis zu einem superben Fahrwerk. Handzahm, durchschaubar und verlässlich, dabei ausgesprochen kommod und stabil, dass der Kopf frei bleibt. Dabei sind 66 Grad Lenkkopfwinkel, 102 Millimeter Nachlauf und deren 1415 Radstand keine exotischen Werte, sondern guter Klassenstandard. Mehr noch: Die Auspufftöpfe der R1 stecken weiterhin eigentlich Handling-unfreundlich unter der Sitzbank. Geht man radikaler zu Werke, dann müsste ein noch leichtfüßigeres, noch unkomplizierteres Motorrad entstehen – dachte sich Erik Buell. Ergo strotzt seine 1125 R nur so vor extremen Eckdaten und Ideen. 69 Grad Lenkkopfwinkel, 88 Millimeter Nachlauf, 1385 Millimeter Radstand. Das ist extrem. Dazu ein Underengine-Auspuff, nur eine Bremsscheibe im Vorderrad, die dafür riesig im Durchmesser und außen am Felgenrand befestigt ist – das ermöglicht eine filigrane Nabe und damit ein leichtes Rad für geringere Kreiselkräfte sowie ungefederte Massen. Außerdem sorgt der in den Rahmenprofilen gebunkerte Sprit dafür, dass die Gewichtsverteilung mit 53 zu 47 Prozent ausgesprochen vorderradlastig ist.

Da müsste die Buell eigentlich von alleine die Kurve wischen. Aber weit gefehlt. Sperriges Einlenken, vor allem auf der Bremse, Aufstellen auf Bodenwellen. Wo die R1 federleicht durch Kurven swingt, Bodenwellen sorgfältig absorbiert und die Linie beibehält, hat der Buell-Fahrer zu tun und muss ihr schon zeigen, wo’s langgehen soll. Von selbst geht da nicht viel. Offensichtlich sind die radikalen Maßnahmen in Summe schlicht zu viel des Guten. Und bringen das empfindliche System Fahrwerk aus der Balance. Bereits ein Wechsel der Reifen wirkt sich spürbar aus. Das Anheben der Front um einige Millimeter ebenfalls. Dass das Buell-Chassis grundsätzlich Potenzial besitzt, zeigen diverse erfolgreiche Renneinsätze penibel abgestimmter 1125 R – allerdings mit leicht korrigierter Geometrie. Es kommt beim Fahrwerk also nicht allein auf die Zutaten, sprich: die Papierform an. Die perfekt aufeinander abgestimmte Mischung macht’s.

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