Zehn Jahre Holger Aue in MOTORRAD (Archivversion)

Saubere Linie

Im Oktober 1994 erschien der erste Comic von Holger Aue in MOTORRAD. Seitdem sind die Strips des Nordlichts das Letzte in diesem Magazin. Was nichts daran ändert, dass sie von vielen als Erstes gelesen werden, von manchen, so heißt es, sogar als Einziges überhaupt.

Zu behaupten, Holger Aue sei hier seit zehn Jahren das Letzte, stimmt natürlich nicht ganz.
Anzuführen, es stimme deshalb nicht, weil nach der Motomania-Seite ja inzwischen noch die Vorschau aufs nächste Heft komme, träfe die Sache auch nicht wirklich. Drücken wir es mal so aus: Seine Fähigkeit, die abstrusesten Geschichten mit Strichen auf den Punkt zu bringen, sichert dem Zeichner seit mehr als 260 Ausgaben die letzte oder vorletzte Seite von MOTORRAD. Auch im übertragenen Sinne eine Seite, die man sich nicht mehr wegdenken möchte. Bei der man sich allerdings fragen mag: Wie denkt der sich das bloß alles aus? Antwort: Überhaupt nicht. Denn irgendwie sind die Aueschen Storys alle wahre Geschichten, seine Helden – Ausnahme Quiddelbacher – alle wahre Helden. Und wenn Aue tatsächlich mal eine erfundene Begebenheit in seine Strips schmuggelt, dann wird sie bald darauf garantiert von der Realität eingeholt.
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Aue, Holger: 10 Jahre Comic-Jubiläum in MOTORRAD (Archivversion)

Hinnerk »Wheelie« Wippermann mag
Ducati. Ihrer Sportlichkeit wegen. Und
er mag, so geht
zumindest das Gerücht, eine Langbeinige, die allerdings der Ducati wenig abgewinnen konnte. Ebenfalls der Sportlichkeit wegen. Also kam
Hinnerk zur Cagiva,
weil die Elephant gleichsam die Schnittmenge repräsentiert. Hat einen Ducati-Motor und ist so langbeinig, dass hinten drauf auch eine ebenso Langbeinige Platz findet. Wobei: In den Comics ist
diese ominöse Dame bislang noch nicht
aufgetaucht.
Harry Quiddelbacher fährt Laverda, wenn denn die Laverda fährt. Also nur gelegentlich. »Der bringt aber auch gar nichts mit seinem Moped auf die Reihe«, sagt Holger Aue. »Und ausgerechnet der Typ mit den zwei linken Händen schweißt im Kernkraftwerk Kühlrohre zusammen. Besser kannst du das doch nicht erfinden.« Stimmt, Holger. Unsere Rede. Auf Quiddelbachers Sonderstatus, ein qua Gefährt
den Motomanen eigentlich nicht zuzurechnendes Individuum, verweist Aue subtil,
indem er dem Laverda-»Fahrer« die Gunst der Alliteration von Vor- und Nachnamen entzieht, denn prinzipiell könnte Harry
ja auch Quintus Quiddelbacher heißen.
Duc Döttinger wird vor allem dadurch
definiert, dass ihm
was fehlt. Denn er fährt eine Ducati Pantah 500 SL mit mehr als 200000 Kilometern auf der Uhr. Streng
genommen fehlt Döt-
tinger nicht wirklich was, sondern seiner Pantah. Leistung nämlich. Obwohl man sich schon fragen kann, ob jemandem
vielleicht was fehlt, wenn er mehr als 200000 Kilometer Pantah fährt.
»Bernd ‚Brembo’ Breidscheid fährt seit seiner Geburt Kawasaki und hat auf der
linken Arschbacke ein großes K eintätowiert.« Diese Intimitäten gibt Aues Comicband Motomania 2 preis. Mit diesem signi-
fikanten K wäre Breidscheid noch nicht zwangsläufig ein Außenseiter, denn wer weiß schon, was sich Quiddelbacher,
Döttinger oder Wippermann auf ihre Backen haben stechen lassen (Holger, zeig’s uns!). Sein Motorrad indes, auf das großes K verweist, könnte ihn zu einem solchen machen. Doch wird Breidscheid trotz Rau-Kawasaki von der italophilen Gemeinde aufgenommen und nicht als Ketzer gebrandmarkt. Welch schönes Plädoyer für die Toleranz unter Motorrad-fahrern. Aber wehe, Breidscheid führe einen Stangenjaps. Dann wäre Schluss mit nett.

Holli Hatzenbach ist, wie erkennungsdienstlich aus Brille, Haarschmuck und Guzzi Le Mans leichthin zu schließen, kein anderer als der Meister selbst. Der, weil das Motorradleben eh die besten Geschichten schreibt, nicht umhin kommt, sich selbst zu dramatisieren und einfach hinzustricheln, was ihm so Tag für Tag widerfährt. Mehr muss in seinem Fall aber auch wirklich nicht sein.

Aue, Holger: 10 Jahre Comic-Jubiläum in MOTORRAD (Archivversion)

Der Hase ist im Bestiarium, der tierischen Besetzungscouch fabel-hafter Literatur, ganz klar auf die Rolle des Angsthasen abonniert. Wenn einer als Schisser schlechthin gelten darf, dann der Meister Lampe.
Im Kosmos des Künstlers Aue indes
erscheint der Langohrige als gänzlich
andersartiges Getier. Der Auesche Hase, kein Schisser (siehe Stichwort Hund),
ein Connaisseur vielmöhr, hat in nicht
wenigen Strips seinen Auftritt als kundiger Beobachter. Einer, der mit gleichsam
hellseherischer Begabung voraussagt, wenn’s knallt. Zur Dramaturgie seines
Erscheinen gehört also, dass der Hase
stets drohendes Unheil vorwegnimmt.
Anders ausgedrückt: Wenn irgendwo ein häsliches Tier zu sehen ist, passiert in der Regel, so lässt sich das nicht nur sagen, so muss man das sogar sagen: Scheiße. Schon im ersten Motomania-Band demonstriert Aue anhand eines hinterhältigen Gesetzeshüters in Grün, dass es äußerst schmerz-
liche Konsequenzen haben kann, den
Weisheiten des Hasen – »Loud pipes save lives« – mit Vertrauen in die eigene Besserwisserei – »Laut ist out« – zu begegnen. Wird doch der Herr in Grün grandios von
einem ungebremst daherbratenden, aber eben schwächlich säuselnden Japanvier-
zylinder umgemangelt, nachdem er zuvor erbost auf die Straße getreten war, um sich über eine Heerschar brüllrohriger Zweiradler aufzuregen. In der Umdeutung des hergebrachten Bilds des Hasen zeigt sich Aues geschärfte Wahrnehmung. Ist nicht der Hase einer, in dem sich Beschleunigung, Dynamik, Geschwindigkeit zu unerreichter Symbiose finden? Und ist er nicht damit dem Motorradfahrer gleich?
Der Hund ist wie die Kuh (siehe unten)
fäkal besetzt. Von den Wiederkäuern unterscheiden sich die Aueschen Caniden freilich
dadurch, dass sich die Verrichtung der Notdurft nicht allein in profanem Entleeren von Gedärm und Blase erschöpft. Angesichts dessen, dass Hunde territoriale Wesen sind, die ihr Revier über das Urinieren mittels Duftmarken kennzeichnen, kommt dem Markierten besondere Bedeutung zu. Also auch dem Motorrad. Dass der Hund hinterm Busch unter Qualen einhält, wo er es doch leichthin hätte laufen lassen können, erhebt die Harley zum Symbol des Begehrenswerten schlechthin.
Die Kuh ist wie der Hund (siehe oben) fäkal besetzt. Von den Aueschen Caniden unterscheiden sich die Wiederkäuer indes
dadurch, dass sich die Verrichtung der
Notdurft allein in profanem Entleeren von
Gedärm und Blase erschöpft. Anders als der Hase, den Aue mit seiner Darstellung rehabilitiert, ist die Auesche Kuh die
Affirmation des land- respektive straßenläufigen Bilds: die dumme Kuh, die aus achtloser Stupidität auf den markierten Bremspunkt macht. Ein unflätiges, weil kuh-flädiges Verhalten.
Die Wespe gilt Aue als suizidgeiles und asoziales Tier mit großer Affinität
zu theatralischen Ab-
gängen der eher japonesisch-kriegerischen Art.

Aue, Holger: 10 Jahre Comic-Jubiläum in MOTORRAD (Archivversion)

Auf seinen Testtouren mit MOTORRAD hat Holger Aue es immer wieder
geschafft, die Redakteure mit bisher ungeahnten Fertig- und Fähigkeiten
zu überraschen.
Annette Johann, Ressort Unterwegs: »Nach harter Testarbeit in Frankreich wollten wir noch gemütlich ein Bier trinken, aber bis auf eine Karaoke-Bar hatten alle
Cafés und Restaurants geschlossen. Wie peinlich, dachte ich, wusste ich doch, dass keiner von uns so richtig singen kann. So täuscht man sich, denn Holger
betrat die Bühne und presste sich in bester Barden-Manier ein ,Summer in the City’ aus der Brust. Der war richtig gut.« Holger Aue: »In den Siebzigern, ist also schon lange her, sang ich in einer Rockabilly-Band namens Eddie Pontiac
and the Thunderbirds. Und in den Achtzigern dann in einer Band ohne Namen.«
Gerhard Lindner, Ex-Testchef von MOTORRAD, heute im Produktmanagement von BMW: »Unterwegs, klar, da setzte man sich abends zusammen zu dem einen oder anderen Bier. Und dann wurde erzählt. Wenn alle unterm Tisch lagen vor lachen, zog Holger sein Notizbuch raus und schrieb sich das Beste auf. Schwäbische Schimpfwörter wie Heilandszack, die dann in seinen Comics auftauchen, oder amüsante Episoden, insbesondere aus der Motorradvergangenheit von Monika Schulz. Auch die fanden sich später in den Comics wieder. Der Mann zeichnet eben tatsächlich aus dem vollen MOTORRAD-Leben.“

Aue, Holger: 10 Jahre Comic-Jubiläum in MOTORRAD (Archivversion)

Infolge der Übertragung
Auescher Comics ins
Französische nutzten auch die Fachleute des TÜV
die Chance zur Expansion

Aue, Holger: 10 Jahre Comic-Jubiläum in MOTORRAD (Archivversion)

Zu den denkwürdigsten Abgängen Holger Aues von den Rennstrecken dieser Welt darf zweifelsohne jener im Sommer 2003 gerechnet werden, als eine ihres Fahrers entledigte Gummikuh dermaßen fies seine Ideallinie kreuzte, dass eine Kollision sich nicht mehr
vermeiden ließ. Woraufhin Aue subito
im eigentlichen Terrain der Kuh sich wiederfand, im Grünen also. Und das hatte Konsequenzen. Erstens für Aues Haut, respektive das, was davon übrig blieb. Zweitens für die Körperkunst.
Aue erfand das Schürfing, jene insbesondere dem wagemutigen Motorradfahrer vorbehaltene, mit Verlaub als
absolut trendy zu bezeichnende Alternative zu Piercing und Branding.
Drittens muss die Geschichte der Nordschleife neu geschrieben werden. Denn anders als sein Alter Ego, Holli Hatzenbach, der nach einer Stelle des Rings heißt, wurde nach Aues Ausritt ein Streckenabschnitt nach ihm benannt: »in den Auen«.Wenn Aue sich wieder mal zu schnellen
Runden auf den Ring begibt – und das passiert jedes Jahr mindestens zwei- bis dreimal, wenn er als so eine Art Instruktor fürs MOTORRAD
ACTION TEAM den Nordschleifenguide gibt –, dann also könnte er an bewuss-
tem Ort bei jedem Turn
den Hut vor sich selber
ziehen, wenn er nicht einen Helm aufhätte.

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