Zu Hause: überall 25 Jahre Yamaha Ténéré

Vor 25 Jahren erschien die Yamaha Ténéré. Mir ihr wurde die ganze Welt zum Dorf und das Dorf zur ganzen Welt.

Foto: Jahn
Die Welt steht in einer Scheune auf dem Dorf, sie steht dicht gedrängt und sauber aufgereiht. In der Hauptsache ist sie rot und weiß oder blau und gelb. Teils hat sie Macken und Beulen, ölt hier und dort ein bisschen, doch das ist nicht weiter schlimm. Im Gegenteil: Es macht ihren Reiz aus. Die Scheune gehört zum Haus von Wolfram Ettgen. Der wohnt, wie er sagt, im "German Outback", und dort ist er auch zu Hause. Wenngleich: nicht ganz. Denn irgendwie ist er überall zu Hause, genau wie die vielen Ténérés, die da in seiner Scheune stehen und die für ihn, wenn man so will, die Welt bedeuten. "Jede Ténéré, die ich finde, die mich findet, bringt mir etwas von einer Reise, die ich selbst nicht habe machen können. Sie füllen die weißen Flecken auf meiner Landkarte", sagt Wolfram Ettgen. Ob er wirklich weiß, wo die Maschinen gewesen sind, spielt dabei keine große Rolle. Wichtiger ist: dass er sich vorstellen kann, wo sie gewesen sein könnten. "Es ist natürlich nur eine Kopfsache, schon klar." Eine Kopfsache war das mit der Ténéré von Anfang an. Die wenigsten, die eine fuhren, dürften ernsthaft erwogen haben, das durchasphaltierte Europa zu verlassen. Aber alle haben sich darauf verlassen, es jederzeit tun zu können. Sie wollten dieses Versprechen glauben, für das dieses Motorrad stand und steht, ein Versprechen, das den Abstecher zum Zigarettenautomat in eine abenteuerliche Reise verwandeln mag. Und die Ténéré in einer zahnzusatzversicherten, komplexen Alltagswelt zum Symbol macht. Dafür, dass man mit ihr noch echten, noch existenziellen Herausforderungen trotzen und immer weg kann. Größer als der Überbau der Ténéré war stets nur ihr Tank. Der Grund dafür liegt in Afrika, er liegt in der Wüste, die dem Motorrad seinen Namen gab: Ténéré. Frei übersetzt bedeutet das "Land da draußen", und bei diesem Land handelt es sich um ein besonders übles Stück Sahara. Heiß, steinig, unwegsam, von Dünen durchzogen – und Teil der Rallye Paris-Dakar. 1983 erreichte ein vom damaligen französischen Yamaha-Importeur Sonauto vorbereiteter 600er-Einzylinder Dakar. Ihr Fahrer Serge Bacou kam nicht als Sieger an, er wurde Fünfter. Entscheidend aber war, dass er auf einer Maschine saß, die kurz darauf fast genau so im Laden zu haben war. Allein die Gabel des ersten Modells, der 34L, fiel in der Serie etwas schmächtiger, das Tankvolumen mit 30 um wenige Liter geringer aus. Egal. An jeder einzelnen Ténéré klebt seitdem die Visitenkarte der härtesten Rallye der Welt. Und damit der schöne Glaube, dass sich mit ihr egal welches Ziel erreichen lassen würde.
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Foto: Jahn
Anfang der 1980er war Wolfram Ettgen auf der Suche gewesen nach einem solchen Motorrad, einem, mit dem er die Erde würde umrunden können. "Es gab keins. Bis die Ténéré kam." Und als sie kam, hatte er nicht gleich 6665 Mark übrig. Also kaufte er 1984 das Vorjahresmodell gebraucht, von einer Kurzbeinigen, die mit den 90 Zentimetern Sitzhöhe nicht klargekommen war. "Die Welt, die ich sehen wollte, hat mich zur Ténéré gebracht, und ihre Zuverlässigkeit hat mich immer an ihr festhalten lassen", sagt Wolfram Ettgen und spricht von einem "Schlüsselerlebnis". Während er seine erste Reise durch Afrika beschreibt, fallen Wörter wie Greenhorn, Wasserkanister, 46-Liter-Tank, Ersatzschläuche, Werkzeug, Alu-Kisten. Und: Sozia mit Vorliebe fürs Sammeln von Versteinerungen. Die Yamaha trug und ertrug all das bei wüsten Temperaturen durch Tiefsand. "Sie war total überladen. Doch die Maschine hat es geschafft, ohne auseinanderzubrechen. Da wächst eine emotionale Bindung." Diese Bindung, das ist dem Mann anzuhören, besteht heute noch. Vielleicht liegt das ja daran, dass er diese Erste verkaufen musste. Vielleicht auch daran, dass seine Zweite ihn ebenfalls nie im Stich ließ. Obwohl die eine 1VJ ist.
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Foto: Jahn

Selbstfindung und Maschinenbindung

Wieder sah das Modell, 1986 präsentiert, verdammt nach Rallye aus, dem Überschreiten von Grenzen und Sand in den Ohrmuscheln. Wie sie dastand, erzählte die zweite Version ebenfalls diese Geschichte. Die Geschichten, die kurz darauf über sie kursierten, handelten indes weniger von fernen Ländern. Weil der Motor nun – Yamaha hatte die Lage des Luftfilterkastens verändert – seine Abwärme inhalierte, pendelten sie zwischen Mitleid und Grusel: Überhitzung, Kolbenklemmer, abgerissene Stehbolzen.

Die Anekdote, die Wolfram Ettgen erzählt, kommt ohne aus. Sie beginnt damit, dass er nach einem halben Jahr auf dem Bau genug Geld zusammen hat, um sich mit der neuen Maschine nach Anatolien aufzumachen. Dort allerdings wird das Budget knapp. Und das war gut. So nämlich muss er sparen, vor allem Sprit. Mit jedem Kilometer mehr wird aus der Notwendigkeit eine Bereicherung. "Ich fuhr langsam, maximal 80. Aber das ließ die Maschine zu, und das brachte sie einem auch bei." Das klingt, als wäre es diese zurückhaltende Art gewesen, in der man sie hat fahren müssen, um die zweite Ténéré zu begreifen. Und sogar: um sich selbst besser zu begreifen. "Es war ein beruhigendes Fahren und ein relaxtes Reisen. Hatte beinahe was Meditatives, Philosophisches." Was will man mehr: das Motorrad als Lehrmeister für Zurückhaltung und Gelassenheit. Trotzdem sagt Wolfram Ettgen, der mit Ausnahme der wassergekühlten Einzylinder alles besitzt, was jemals Ténéré hieß: "Es ist schwierig zu erklären, warum. Und warum es so viele geworden sind." Das ist glatt gelogen. Denn zuvor mal hatte er gemeint, es sei schön "sich vorzustellen, welche Abenteuer in all diesen Maschinen stecken". Weshalb er auf Originalität pfeift und das Authentische vorzieht. Die Exemplare, denen er erliegt, dürfen gern ein bisschen ramponiert sein, verbeult und verkratzt, irgendwo auf dieser Welt mal in den Schotter gestürzt. Hauptsache, sie würden, mit einigen wenigen Arbeiten auf Vordermann gebracht, wieder laufen. Hauptsache, sie könnten wieder auf Reisen gehen.

So wie die englische Maschine, die als erste in Reihe zwei steht. Angelehnt an die Nachbarin, polstert ein Stück Küchenrolle den Kontakt der konservierten Tanks. 67307 Kilometer hat sie gesammelt, und an ihrem Alu-Lenker hängt noch der Boarding Pass der letzten Schiffspassage. Als Nummer "106" ging sie von der Insel. Auch sie verziert den Boden mit einem dunklen Fleck, und wer weiß, wo sie nicht schon überall ein paar Tropfen hinterlassen hat. In der Reihe daneben erzählt ein französisches Exemplar von den Mühen, die es auf 44228 Kilometern durchlitten hat. Oder 144228? Irgendwann war es nötig gewesen, die hinteren Blinker mit Draht am Gepäckträger zu befestigen, und das hat bestimmt daran gelegen, dass bei einem Sturz in Burundi... Oder im Burgund? Eine dieser Maschinen ist sicher mal dort gewesen. Und es ist eigentlich egal, welche genau das war. Unerheblich auch, wie viele Ténérés nun wirklich in dieser Scheune stehen. Es sind nicht so viele, wie die Erde Länder hat. Doch bringen sie die ganze Welt zusammen.

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