Zugegeben Ein linkes Ding

Liegt die Ursache im Universum? Liegt sie im Uterus? In der Natur, den hinteren Hirnwindungen? Oder auf der Straße? Eines der letzten Mysterien. Fakt jedenfalls ist, das muss ich jetzt mal zugeben: Ich kann besser linksrum als rechtsrum. Wieso?

Foto: fact
Angefangen hat alles schon vor der Geburt. Im Bauch meiner Mutter lag eine hügelige Rennstrecke, dem Nürburgring nicht unähnlich. Und stets in den Abendstunden, wenn sich die Hochschwangere für ihre Atemübungen in ruhige Rückenlage begab, nutzte ich die Ge-legenheit und drehte ein paar pränatale Runden auf diesem fantastischen Kurs zwischen Leber, Niere und Beckenboden. Ganz besonders angetan hatte es mir dieser Bogen um die siebenundzwanzigste Dickdarmwindung, ein sich verengender Radius, nach außen hängend leicht bergauf. Exakt an dieser Stelle und genau zu dieser Zeit könnte es passiert sein, dass sie sich entwickelte, diese besondere Vorliebe, eine Vorliebe für Linkskurven. Und eine Abneigung gegen Rechts.
Lange dachte ich, das sei nur bei mir so. Ich dachte, dass allein ich dieses Problem hätte, ein motorisches Defizit, eine Art individuelle Bewegungslegasthenie, die dazu führt, dass ich Rechtskurven nicht so mag wie Linkskurven.

Auf jeden Fall war die Schlagseite schon da, als ich anfing, Motorrad zu fahren, ach was, Fahrrad. Erste Linkskurve prima, erste rechts, na ja. Und da hat sich auch nicht wirklich was dran geändert. Immer ist’s mir in der einen Richtung wohler als in der anderen.

Das geht allerdings, wie tröstlich, den meisten so. Fragen Sie doch mal rum. Sie werden merken, dass die Leute beginnen, dezent mit dem Oberkörper hin und her zu pendeln, um dann schließlich zu antworten: »Hm, ist mir bisher gar nicht so aufgefallen, aber stimmt, links.« Wenn sie das nicht sagen, überlegen Sie sich besser noch mal, in welchen Kreisen Sie verkehren. Oder fahren Sie am Ende selbst lieber rechtsrum?

Nun ist es zwar schön, mit einem Problem nicht allein zu sein, weil das heißt, dass man immerhin einigermaßen normal und kein ungeschickter Sonderling auf dem Motorrad ist. Aber es macht die Sache an sich ja nicht besser. Und vor allem erklärt es nicht, warum das so ist, dass die meisten Linkskurven lieber fahren als Rechtskurven. Da muss es doch einen Grund geben. Aber wo?

Im Universum. Ohne Witz, das hat einer vermutet. Er sagte: »Das hängt vielleicht mit der Coriolis-Beschleunigung zusammen.« Was er wollte, war natürlich nicht, eine Erklärung aus dem Hut zu zaubern, sondern vor allem beim Gegenüber ein dummes Gesicht zu provozieren: »Corio-lis-Beschleunigung?« Exakt. Ein schöner Begriff ist das, fast poetisch klingt er. Und astrein wär’s, man könnte jede verbockte rechts mit dem Weltall entschuldigen, die Hand an den Helm führend, leidend wie eine migränende Ehefrau und stöhnen: »Ach, die Erdendrehung, hat sie mir schon wieder die Linie versaut.«

Tatsächlich dreht sich die Erde linksherum um die eigene Achse. Und nicht nur das. Sie kreist in eben dieser Richtung auch um die Sonne. Das bleibt nicht ohne Einfluss. Und wenn schon der Mond das Meer bewegt, wieso dann nicht die drehend durchs All sausende Erde den Motorradfahrer? Weil wir, mit Verlaub, selbst auf Harley, Gold Wing oder Boss Hoss zu klein sind, zu unbedeutend, zu leicht, um uns mit dem Rotieren des Planeten rausreden zu können. Um Einflüsse solch kosmischer Kräfte zu spüren, bräuchte man schon die Masse eines Güterzugs, und die erreichen, auch mit Fahrer, selbst die vorgenannten Typen nicht ganz.

Durch die Kurve schwappend gleichen wir Motorradfahrer schmutzigem Badewasser, das den Abfluss heruntergurgelt. Auch der trüben Brühe sagt man nördlich des Äquators einen vom drehenden Erdball provozierten Linksdrall nach. Zu Unrecht indes. Biker und Badewasser haben allenfalls eines gemeinsam: Dem großen Weltenlauf sind sie schnurz.

Dasselbe gilt für Fledermäuse. Die sollen in Linkskurven aus ihrer Höhle flattern. Vögel, Ornitologen wollen das festgestellt haben, fliegen Futterhäuschen häufiger in Linksschleifen an, ebenso wie sich die Spitzen vieler Kletterpflanzen linksrankend verzwirbeln. Das alles aber kann doch wohl genauso wenig ein Zufall sein wie der Umstand, dass die meisten Supermärkte die Kundschaft linksrum führen, Leichtathleten im Stadion linksrum rennen. Dann ist da noch die Geschichte von den
Menschen, die in der Wüste umherirrend stets im Kreis sich schleppen. Raten Sie mal, in welcher Richtung. Ein simpler Selbsttest bestätigt das in aller Regel: Beim Versuch, mit geschlossenen Augen geradeaus zu gehen, zieht es die meisten nach? Na, wohin wohl? Könnte es also sein, dass man auf dem Motorrad nur einer allgemeinen, einer gar natürlichen Linkstendenz nachgibt? Wenn dem so wäre, müsste sich herausstellen, was der Motorradfahrer mit Vögeln, Flughundartigen, Rankgewächs und so weiter gemein hat. Etwa: ein Spatzenhirn, ausgeprägte Sehschwäche, phasenweisen Laus- oder Milbenbefall. Doch lassen sich in der Natur, man will fast sagen zum Glück, ebenso gut Beispiele finden, wo es genau anders, nämlich rechtsherum geht. Wieder nichts.

Also doch zurück zu den Anfängen. Zurück in den Mutterleib. Es ist nämlich so: Während wir noch nichts ahnend im Fruchtwasser dümpeln, passiert im Oberstübchen schon eine ganze Menge. Eini-ge grundlegende Verdrahtungen könnten bereits angelegt sein, noch bevor wir die weiche Birne überhaupt in die Welt strecken. Unter Umständen entwickelt sich zerebrale Asymmetrie. Au weia!

Was dem Namen nach als Krankheit aus der Familie der Schwachsinnigkeiten durchgehen könnte, heißt letztlich nur, dass in der Entwicklung der Hirnhälften meist eine Seite bevorzugt wird, mal die linke, mal die rechte.

Onur Güntürkün, Biopsychologe an der Ruhr-Uni Bochum, beschäftigt sich mit solchen Rechts-Linksvorlieben, die schon vor der Geburt angelegt sein könnten. Herr Güntürkün, der zum Beispiel feststellte, dass Babys im Mutterleib den Kopf be-
vorzugt nach rechts wenden (so wie Taubenküken im Ei), spekuliert: »Motorische Feinprozesse werden, speziell bei Rechtshändern, in der linken Hirnseite gesteuert, das Gleichgewicht sowie die Koordination von Bewegungen im Raum von der rechten. Die wiederum tendenziell für die linke Körperhälfte zuständig ist. Das könnte erklären, warum man sich eher in Linkskurven legt als in Rechtskurven.«

Da Motorradfahren zweifellos eine Bewegung im Raum darstellt, hört sich das plausibel an. Da jedoch auch die meisten Linkshänder meinten, sie bevorzugten Linkskurven, hat sich’s leider ausplausibelt mit vorgeburtlicher oder hirnseitiger Erklärung. Und, gut, das mit der Rennstrecke hat sich auch nie beweisen lassen.

Es muss eine weitere, wenn nicht eine ganz andere Ursache geben. Es gibt sie. Ich erreiche den Mann, der sie liefert, am Telefon. Er sagt: »Wir fahren eigentlich lieber Rechtskurven.« Der Mann heißt John Westlake. Er ist Chefredakteur des britischen Motorradmagazins »Bike«.

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