Zur Situation bei MuZ (Archivversion) Froher Osten

Als Hersteller ausgewachsener Motorräder war MuZ in den neuen Bundesländern einzigartig. Jetzt ist MuZ eine von 200 Abteilungen - und viel besser dran. Trotz Bankbürgschaften aus Bonn und Dresden war es der Firma und ihrem Geschäftsführer Petr-Karel Korous nämlich nicht gelungen, mit Skorpion, Silver Star und Co in die schwarzen Zahlen zu fahren. Resultat: Im Sommer vergangenen Jahres mußten die Sachsen Konkurs anmelden. Doch wenige Wochen später hatten sie einen Übernahmevertrag mit dem hierzulande wenig bekannten Hong Leong-Konzern aus Malaysia unter Dach und Fach, im September 1996 gründete sich die Firma neu, und mittlerweile sind in den Hallen des Zschopauer Vororts Hohndorf wieder rund 130 Mitarbeiter tätig. »Hong Leong ist ein riesiger Mischkonzern«, erklärt MuZ-Pressesprecher Michael Kleymann, »mit einigen der bedeutendsten asiatischen Banken, Industrie-Aktivitäten in Asien, Europa und Amerika, mit Zeitungen und Zeitschriften.« Es muß noch weitere Tätigkeitsfelder geben, denn weltweit schaffen rund 40000 Menschen bei mehr als 200 Gesellschaften für die Malaysier. Einige dienen in den noblen Hyatt-Hotels, andere schrauben in eher unbekannten Motorradfabriken im Stammland oder in Vietnam und China. Die Stückzahlen sind jedoch beachtlich: Mit 300000 Einheiten liegt Hong Leong als Produzent kleinvolumiger Krafträder - mal abgesehen von Piaggio - weit jenseits europäischer Maßstäbe. Als Beweis schierer Größe mag zudem gelten, daß der verantwortliche Manager, Ron Lim, 49, längst nicht zum engsten Kreis der Konzern-Führungsriege zählt. Der Bereich Motorräder rangiert nämlich unter Industrie-Aktivitäten und startete 1979 mit ersten Lizenz-Nachbauten von Yamaha-Modellen. Später kamen einige Honda-Typen hinzu und - strategisch sehr wichtig - ein Joint-venture mit Maos Erben. Der Umweg über die Fabrik in China erlaubt Hong Leong nun trotz eng gefaßter Lizenz-Verträge mit den Japanern, eigene Produkte in den Export zu schicken. Doch Ron Lim, global denkend, scheute wohl ein Einbahn-Verhältnis und erkor deshalb MuZ zum Brückenkopf: Die Sachsen werden in die Qualitätskontrolle für alle Importe aus Asien eingebunden und liefern Ideen, gleichzeitig möchte Hong Leong von Sachsen aus in den Motorradbau einsteigen. Michael Kleymann: »Wir haben definitiv den Auftrag, einen eigenen Zweizylinder zu entwickeln. Außerdem werden wir so schnell wie möglich mit einem 125er Roller und mit der 125er Bantam kommen.« Wie die bestehenden MuZ-Modelle mit dem Yamaha-Fünfventiler sollen diese Neuentwicklungen dann auch in den Export nach Asien oder sonstwo gehen: »Überall, wo sich ein für uns sinnvolles Vertriebsnetz installieren läßt, wo Interesse an einem europäischen Produkt besteht.« So darf wohl schon der erfolgreiche Einsatz zweier Werksrenner in Daytona als stratgisch geplant gelten. »Natürlich«, entgegnet der MuZ-Sprecher, »aber mit aller Vorsicht und wirklich sehr langfristig angelegten Zielen.« Immerhin verdeutlichen bereits die neue Enduro und das Funbike, wo die MuZ-Geschäftsführer - das sind gleichrangig Ron Lim, der alle paar Wochen in Zschopau logiert, und Petr-Karel Korous, der häufig nach Malaysia jettet - ihre Chance wittern: als Nischenhersteller mit ebenso eigenwilligen wie eigenständigen Produkten. Der Mann, der für deren Stil bürgt, heißt Masanori Hiraide, ist Designer und kann trotz seiner gerade mal 28 Jahre schon auf Erfahrungen mit diversen Yamaha-Produkten verweisen. Weil in Europa mutigere Entwürfe möglich seien, verließ er sein Mutterland, heuerte im vergangenen Mai bei MuZ an und erfreut sich mittlerweile deutsch-malaysischen Wohlwollens. Die Fotos auf dieser Doppelseite belegen es: Vom ersten Entwurf ziehen sich seine mutigen Linien mit dem angedeuteten Überrollbügel bis hin zum fertigen Produkt. »Der hohe Kühler legte diese Lösung nahe«, begründet er und verweist auf den gewollten Nebeneffekt: »Darüber reden die Leute, das finden sie interessant. Oder auch lustig.« Mit Lust in die Nische also, man darf wieder gespannt sein.

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