Motocross: ADAC MX Masters in Aichwald MX Masters in Aichwald

Wer wissen möchte, wie Motocross in Deutschland wirklich tickt, der muss in den Süden der Republik fahren. Im schwäbischen Aichwald gibt ein Club das Tempo vor. Schwäbisch, clever und bislang enorm erfolgreich. Auch ganz ohne Spätzle.

Foto: Jahn
Was machen sieben Deutsche auf einer einsamen Insel? Logisch. Einen Verein gründen. Was machen aber sieben Schwaben? Auf jeden Fall erst einmal die Kehrwoche. Sehr wahrscheinlich gründen sie danach aber sofort zwei Vereine. Seit Politiker die "schwäbische Hausfrau" samt ihrer Kautzigkeit als wirtschaftspolitisch vernünftiges Korrektiv entdeckt haben, müssten Vereine dieses resoluten Volksstammes eigentlich kon-sequenterweise gleich die NASA reorganisieren. Aber gemach, bevor die dicke Rakete abhebt, landen wir lieber ganz bodenständig im naturgeschützten Schurwald bei Esslingen. Im Epizentrum württembergischer Club-Organisation: dem Festzelt des Aichwalder Motorsportclubs Eiserne Hand e.V.

Es ist Samstag früh, im Festzelt laufen die Aufräumarbeiten für einen energisch begangenen Party-Freitag. Draußen, auf der Naturrennstrecke "in den Horben", ballern die Motoren im ersten freien Training. ADAC MX Masters nennt sich die auch international ausgeschriebene Topserie des deutschen Motocross, die mit dem Rennwochenende in Aichwald ihren dritten Auftritt 2010 liefert. Einfache Erkenntnis vor Ort: keine Veranstalter - keine Rennen. Und so lohnt sich der Blick auf die Hintermänner des Sports.Die Szene nennt sie nur "Die Aichwälder" und die gibt es eigentlich nur als Kollektiv. Immer in rot-gelber Vereinskluft, immer quirlig, immer präsent. Die Aichwälder sind überall bekannt, bei einigen berüchtigt, aber neben WM-Lauf-Veranstalter Teutschenthal, eben der stärkste Motocross-Organisationstrupp in Deutschland. Das Kuriose an diesem Club ist aber, dass diese komplette Struktur nur für dieses eine Rennen pro Jahr existiert.

Es gibt noch nicht einmal eine permanente Strecke. Der traditionelle Kurs liegt im Naturschutzgebiet, die Genehmigung für das Rennen beantragt der Verein jedes Jahr neu in aufwändiger Papierarbeit beim zuständigen Landratsamt Esslingen. Danach startet der Arbeitsmarathon. Pressecontainer, Kabel, Würstlesgrill, Festzelt - alles hinkarren, aufbauen und danach die Prozedur wieder rückwärts und das komplette Areal renaturieren. Noch nicht einmal das Einbringen sogenannter "Fremderde" ist gestattet. Einziges Zugeständnis: Die Sprunghügel dürfen stehen bleiben. Ein Club, ein Rennen und sonst nichts? Knacken wir das Aichwalder Kollektiv und befragen Ralf Kurrle den Schrift-führer und Pressewart. Müde, aber zufrieden scheint der 44-Jährige an diesem Samstag. Wir erinnern uns: der Party-Abend.

Auch hier legt Aichwald gegenüber den Mitbewerbern mit stolz geschwellter Brust die Schlagzahl vor. Da gehen an der Bar des schon legendären Festzeltes die Mixgetränke in erheblichen Einheiten die Kehlen hinunter. Damit die Mengen an Getränkedosen eines österreichischen Energiedrinks während des Abendgefechts überhaupt bewältigbar bleiben, entwickelten die Vereinscleverles gleich einen pneumatischen Öffner. Über 400 Freiwillige vereinnahmt so ein Rennen. Da teilen sich manche in Vorfreude schon ihren Jahresurlaub ein. Die Gemeinde einschließlich Bürgermeister zieht komplett mit. 60 Kuchen und eine dreiviertel Tonne Pommes verlangen schließlich nach jeder Hand.Die wahren Erfolgsgründe sieht Ralf Kurrle aber im Aichwalder Grundkonzept: "Wir sind schon immer ein innovativer Club gewesen. Topfahrer aus der WM gehen bei uns an den Start und der deutsche MX1-WM-Star Max Nagl ist begeistertes Clubmitglied. Darüber hinaus muss so ein Rennen für die ganze Familie was bieten. Deswegen bietet Aichwald eben alles - von der Hüpfburg, Kaffee und Kuchen bis zur Weizenbierbar", schmunzelt er. Beim Kollektiv macht der Pressewart aber eine ganz bestimmte Ausnahme: den Clubpräsidenten Rudolf Dorn. Der übernahm Anfang der siebziger Jahre die Vorstandschaft und gilt für Kurrle als der Vater des Aufschwungs. Im Berufsleben Bestatter, bringt Dorn als Privatmann ganz offensichtlich ordentlich Leben in die Bude.

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