Motocross Motocross-GP Deutschland in Teutschenthal

Geschwollene Augen und ein dicker Hals wegen eines klitzekleinen, aber folgenschweren Fehlers setzten Ken Roczen derart unter Dampf, dass er nach dem verzocktem ersten im zweiten MX2-Rennen des deutschen Motocross-GP alles in Grund und Boden fuhr.

Foto: Wolf
Dicke Augen für nichts. Kaum einer kennt dieses Gefühl besser als der deutsche Motocross-Jungheld Ken Roczen seit dem ersten MX2-WM-Rennen bei seinem Heim-GP in Teutschenthal. "Schon nach vier oder fünf Runden bekam ich Riesentrouble mit meiner Brille", erzählt der 16-Jährige, "irgendwie war Feuchtigkeit zwischen die Abreißvisiere und die Scheibe gekommen. Ich habe fast nichts mehr gesehen und musste sie schließlich wegwerfen." Jeder, der schon einmal auch nur ein paar Meter in unbefestigtem Gelände unterwegs war, weiß, was diese Folge einer Unachtsamkeit beim Reinigen der Brille bedeutet. Noch dazu, wenn 35 MX2-WM-Vollgastiere mit auf der Bahn sind. "Es ist ja nicht nur der massive Winddruck und der Staub über der Strecke", schilderte Kenny, "die Maschinen schleudern ja mit ihren Hinterrädern ständig Erde und Steinchen hoch. Und dies wird umso schlimmer, je mehr du es im Laufe des Rennens mit den Überrundungen zu tun hast."

Überrundungen? Ja, denn Ken Roczen hatte ohne Brille zwar keine Chance mehr, seinem Erzrivalen, Weltmeister und WM-Tabellenführer Marvin Musquin auf der Werks-KTM den Sieg streitig zu machen. Aber nach der Startrunde schon auf den dritten Platz vorgestoßen, konnte er im Halbblindflug immerhin Rang fünf ins Ziel retten: erträglicher Lohn für eine halbe Stunde Dreck fressen.

Für Rennen zwei wurde die Cross-Brille nun richtig getrocknet und vorbereitet, und King Kenny ging mit größter Entschlossenheit ans Werk. Auch mit dem in Teutschenthal erstmals zur Verfügung stehenden, um rund zwei PS erstarkten Suzuki-Werksmotor leidet der junge Thüringer immer noch unter spürbarem Powermangel gegenüber dem KTM-Werkstrio bestehend aus Weltmeister Musquin, Jeremy Herlings und Shaun Simpson. Vor allem am Start.

Umso beeindruckender war der dritte Platz nach der ersten Kurve und gar Rang eins nach einer Runde. Noch viel mehr staunte allerdings die von Champion Musquin angeführte MX2-Elite in den restlichen 17 Runden.

Ken Roczen entschwand uneinholbar am Horizont, nahm, wie er selber sagte, "schon ein paar Runden den Speed raus" und gewann seinen Heim-GP am Ende mit der Kleinigkeit von gut 26 Sekunden vor Musquin, der, wir erinnern uns, in dieser Saison schon zwölf WM-Rennen gewonnen hat. "Da war gar nichts zu machen", gab der Freanzose auch sofort klein bei, "Ken fuhr heute in einer anderen Welt."

Roczen nahm dieses Kompliment an, allerdings nicht ohne es zur Kampfansage umzumünzen: "Mit dem ersten Rennen in Teutschenthal ging die erste Halbzeit der WM-Saison 2010 zu Ende. Die hat mir einige Probleme bereitet. Rennen zwei war schon der Anfang der zweiten Halbzeit. Und da werde ich massiv angreifen."

Der WM-Titel 2010 ist also trotz 77 Punkten Rückstand auf Musquin noch nicht abgeschrieben. Wie auch allmählich die Saison 2011 für den Jungstar Formen annimmt. "Es könnte sein, dass die US-Motorsportbehörde das hoch gesetzte Alterslimit wieder kippt und Ken dann doch bei den dortigen Supercross-Rennen startberechtigt wäre", hofft Roczens Manager Bert Poensgen.

"Dann würden wir die US-Meisterschaft im Winter bestreiten und anschließend noch einmal die MX2-WM." Es gäbe also noch ein Jahr Galgenfrist für das MX1-Topteam von KTM mit dem bisherigen deutschen Motocross-Superhelden Max Nagl und Weltmeister Toni Cairoli, der in Teutschenthal seine gewohnte Überlegenheit kaum zeigen konnte, nur Sechster und Zweiter wurde und den Doppelsieg von Geburtstagskind Ken de Dyker auf der Semi-Werks-Yamaha nicht verhindern konnte.

Max Nagl wurde von den deutschen Fans ebenso frenetisch gefeiert wie MX2-Laufsieger Roczen, obwohl er in den MX1-Rennen "nur" Fünfter und Siebter werden konnte. Denn die gut 20000 wussten, wie es um den Bayern stand. Gerade zwei Wochen nach seinem Schlüsselbeinbruch beim französischen MX-GP saß Nagl schon wieder auf seiner bärenstarken Werks-KTM 450 und hatte "ohne Ende Schmerzen. Das Fahren selber geht, die Beweglichkeit ist ausreichend da", erklärte Max, "es fängt nur irgendwann an, weh zu tun und hört nicht mehr auf."

Um die Fans nicht zu enttäuschen und vor allem auch seine Position im Spitzenfeld der WM-Tabelle einigermaßen zu halten, biss Max gewaltig auf die Zähne und vertraute ansonsten auf ein neuartiges Gerät namens Cyrolight mobile 3.0. "Damit können wir mittels eines Lasers und CO2-Gas bis weit unter die Haut entzündete Körperteile sehr präzise an der angegriffenen Stelle mit Kälte behandeln, ohne dass es zu Schädigungen der Haut kommt", erklärt Hartmut Semsch, Geschäftsführer der im Sport sehr engagierten Orthopädie-Technikfirma Ortema. Der deutsche Motocross-GP verdankte einen seiner Helden also aktueller Medizintechnik.

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