Motocross-WM WM in Valkenswaard / NL

Der noch 15-jährige Ken Roczen übernimmt die Führung in der MX2-WM und ist der erste deutsche Motorrad-WM-Tabellenführer seit Supersport-Straßen-Champ Jörg Teuchert 2000. Dass er dabei nicht langsamer fährt als die Motocross-Königsklasse MX1, will erklärt werden.

Foto: Wolf
Pünktlich zu dieser MOTORRAD-Ausgabe am 30. April feiert Ken Roczen seinen 16. Geburtstag. Mit zwei nervenstark herausgefahrenen zweiten Plätzen auf der traditionsreichen Sandpiste im südniederländischen Valkenswaard und der daraus folgenden Führung in der MX2-WM, der Motocross-Weltmeisterschaft für Fahrer bis 23 Jahren mit 250-cm?-Viertakt-Maschinen, beschenkte sich der Thüringer schon vorzeitig. Kleiner Schönheitsfehler: Der gar nicht mehr so kleine "King Kenny" musste den Tagessieg dem ebenfalls erst 15-jährigen Lokalmatador Jeffrey Herlings überlassen, der auf seiner Werks-KTM zwei astreine Rennsiege ablieferte. "Im Qualifikationsrennen, das ich gewinnen konnte, flog unmittelbar hinter mir Weltmeister Marvin Musquin in hohem Bogen von seiner KTM", erinnert sich Roczen, "und war wohl deshalb heute in den WM-Rennen nicht ganz in der Lage, unser Tempo an der Spitze mitzugehen. So konnte ich viele Punkte gutmachen und bin jetzt WM-Erster." Der Suzuki-Teenie zeigte beeindruckende Coolness und gönnte seinem Altersgenossen großzügig den Heimsieg.

Nachdem der angeschlagene Titelverteidiger Musquin sich auf die Ränge acht und fünf quälte, konnte im Feld der WM-Junioren niemand mehr auch nur annähernd das Höllentempo von Herlings und Roczen mitgehen.

Das Beeindruckendste dabei: Selbst die gestandenen Motocross-Superhelden aus der Königsklasse mit ihren Maschinen mit bis zu 450 cm? Hubraum und weit über 60 PS waren im tiefen Sand von Valkenswaard nicht signifikant schneller unterwegs als die Viertelliter-Kids.

Motocross-Insider überrascht dies weniger. MX1-Weltmeister Antonio Cairoli aus Italien etwa, wie sein KTM-Werksfahrer-Kollege Herlings Doppelsieger in den Niederlanden, hält viel von den MX2-Youngsters, die ihn zumindest 2010 noch nicht herausfordern. "Ken Roczen, Jeffrey Herlings und natürlich auch Musquin sind extrem starke Fahrer", teilt der Sizilianer Komplimente aus, "aber je nach Strecke hast du tatsächlich mit dem größeren, stärkeren, aber auch schwereren Motorrad keinen echten Vorteil mehr. Deshalb habe ich mich bei meinem neuen KTM-Team ja auch für die 350er-Maschine entschieden habe, die zwar nicht komplett die MX1-Regeln ausnützt, zu meinem Fahrstil aber perfekt passt."

Cairolis überlegene WM-Führung gibt ihm recht. Es stellt sich allerdings auch die Frage, was eine Top-Klasse noch ausmacht, wenn die Junioren mit kleineren Renngeräten gleich schnell, ja manchmal sogar schneller unterwegs sind. "Es stimmt, dass die MX1-Crosser nicht grundsätzlich schnelleres Fahren erlauben als die 250er", bestätigt auch KTM-Sportchef Pit Beirer. Der frühere Vizeweltmeister relativiert aber sofort, "trotzdem sind die Jungs auf den größeren Motorrädern die echten Chefs. Denn MX1-Geräte sind wesentlich schwieriger zu beherrschen. Und das macht Top-Stars wie Toni Cairoli oder auch unseren deutschen Fahrer Max Nagl, den derzeitigen WM-Zweiten, zu den strahlenden Helden im Motocross."

Dennoch muss sich auch Beirer die Frage gefallen lassen, ob die Nähe der beiden Klassen nicht irgendwann zu einer Einheits-Offroad-Formel-1 führen wird. "Wir haben ja mit unserer 350er Maschine schon das Gerät dafür im Angebot", grinst er, "aber im Ernst: Eine echte MX-Topklasse, vielleicht tatsächlich mit 350 cm?, könnte schon die Lösung sein. Wir müssten dann jedoch die Nachwuchsklassen neu regeln. Vielleicht ist da die neue 125er-Zweitakt-Europameisterschaft ein Weg, denn es ist jetzt schon sehr schwierig für ganz junge Fahrer, von den 85-cm³-Kindercrossern auf die MX2 umzusteigen."

Genau im Nachwuchsthema begründet Thomas Ramsbacher, Suzuki-Teamchef von Ken Roczen, seine Gegenposition: "Eine Einheitsklasse lehne ich strikt ab. Es ist auch für junge Fahrer auf einem hohen Leistungsstand, wie ihn Kenny besitzt, immer noch ein klarer Aufstieg von der MX2- in die MX1-Klasse. Dort fahren die großen Jungs, da will jeder hin. Tatsächlich müssten wir vielleicht in der MX2-WM den Nachwuchscharakter noch wesentlich deutlicher herausarbeiten."

Der Italiener Giuseppe Luongo, der Promoter der Motocross-WM, will ebenfalls an der bestehenden Regel festhalten: "MX2 ist unsere Nachwuchsklasse und muss als solche erhalten bleiben. Und MX1, das sind die Boliden, die nur die allerbesten Fahrer beherrschen. Das kommt auch deutlich heraus."

Den Traditionalisten Ramsbacher und Luongo etwas entgegen steht natürlich Dominator Cairoli, der mit der schwächeren, aber flinken 350er seinen Teamkollegen Max Nagl auf der 450er Werks-KTM, der wohl stärksten Maschine im WM-Feld, bisher erfolgreich im Zaum hält und auch klar fordert: "Ich würde eine einzige Motocross-WM-Klasse mit den allerbesten Fahrern bevorzugen. Und mit einer 350er hätten wir dafür wohl die ideale Maschine."

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