Produkttest: Motorrad-Navigationsgeräte (Archivversion) Verfahren Eingestellt

Immer auf dem rechten Weg bleiben, nie ins Abseits geraten: Navigationsgeräte sollten das heute möglich machen. MOTORRAD hat die aktuelle Navi-Generation für Bikes getestet und gibt Tipps und Tricks rund um das Thema Navigation auf zwei Rädern.

Es ist die Irrationalität des Motorradfahrens, den diese rein auf Rationalität ausgerichteten Mikrochips und Prozessoren nie nachvollziehen werden können: Wie soll ein in Binärcodes und If-then-Schleifen agierender Computer begreifen, was der motorradfahrende Mensch unter schöner Strecke versteht? Das zeigt einmal mehr dieser Test von Navigationssystemen fürs Motorrad. Im Handumdrehen Traumstrecken aus dem Hut zaubern sie in der Regel keineswegs. Und wenn doch, dann beruht dieses auf reinem Zufall.

Wer sicher sein will, auf dem Weg von A nach B tatsächlich das Schönste mitzunehmen, der muss selber ran und wie eh und je die gute alte Landkarte lesen, um dort grün markierte Abschnitte mit möglichst vielen Zwischenzielen auf sein Roadbook zu übertragen. Die Gefahr, dass man trotzdem schöne Streckenabschnitte verpasst, ist groß. Denn wie die zunächst nur per Luftlinie verbundenen Zwischenziele auf der Straße angefahren werden, hängt von den Einstellungen der Geräte ab. Auf der Karte mag einem zwar der Weg über die Landstraße am logischsten erscheinen, in der Routenberechnung dagegen weist das Navi dafür plötzlich einen Autobahnabschnitt als schnellere oder kürzere Wegstrecke aus.

Ist dieser Fauxpas mit der Funktion „Autobahn vermeiden“ leicht wegzustecken, droht gleichwohl neues Ungemach. Beispielsweise bei der Präferenz „kürzeste Strecke“. Da kann man sich plötzlich in verkehrsberuhigten Spielstraßen wiederfinden. Weil dieser Abschnitt eben den entscheidenden Meter kürzer ist, als wenn man auf der Hauptstraße durch den Ort rollen würde. Besonders peinlich, wer mit seinem Navi als Vorausfahrender der gesamten Motorradclique unterwegs ist. Dem System selbst mag man allerdings keinen Fehler anlasten. Schließlich folgt es nur der Programmierung. Wohl aber dem jeweiligen Hersteller. Hier, das betont auch GPS-Spezialist Jo Glaser von Touratech, „fehlt es eindeutig an der Lobby für Motorradfahrer“. Eine speziell aufs Motorrad angepasste Software-Lösung hat kein Navi an Bord. Obwohl es technisch machbar wäre, so etwas zu integrieren. Wie effektiv ein guter Routenplaner fürs Motorrad arbeitet, zeigt folgendes Beispiel aus unserem Test: Bei der Streckenberechnung Stuttgart–Heilbronn mit der Präferenz „Autobahn meiden“ hangeln sich die Testgeräte stets an der fast der Luftlinie folgenden A 81 entlang, dazu kommen viele Ortsdurchfahrten. Die tatsächlich schönste Strecke, die beispielsweise der als PC-Software erhältliche MOTORRAD-Tourenplaner auf Knopfdruck ausspuckt, weist kein Motorrad-Navi an.

Die Erklärung: Alles, was die Gerätehersteller bei den Anbietern digitaler Kartensätze an Extras ordern, kostet Aufschlag. Ob sich diese Mehrkosten letztlich für die Controlling-Abteilung des GPS-Anbieters in echten Profit umrechnen lassen, bleibt fraglich, denn der Motorradmarkt ist für die Navi-Produzenten ein aufwendiges Nischengeschäft. Wer es ernsthaft versucht, kann nicht einfach ein weit verbreitetes, in hoher Stückzahl hergestelltes Autogerät ans Zweirad anpassen. In puncto Software wird derzeit jedenfalls vieles ausgeklammert, was den Motorradnutzen deutlich steigern würde. Folglich muss sich der Zweiradfahrer selbst um Zusatztools wie zum Beispiel eine zweiradtaugliche Routenplaner-Software kümmern.

Weitere Hilfen lassen sich rasch im Internet per Google aufspüren. Sehr empfehlenswert als erste Informationsquelle ist die Adresse www.naviboard.de, von wo aus sich nützliche Ratschläge bis hin zu fix und fertig ausgearbeiteten Touren finden lassen. Interessanterweise beobachten Hersteller diese Aktivitäten offensichtlich sehr genau. Denn bei einem Telefonat mit der Service-Hotline erhält man durchaus mal den Hinweis, dass der Hersteller zu diesem Problem zwar offiziell nichts anbietet, „sich so etwas aber im Internet finden lässt“.

Rein technisch betrachtet haben Motorrad-Navigationsgeräte einen hohen Stand erreicht: Es gibt Geräte mit brillant auflösenden Displays, die nebenher Fotos und Videos in bestechender Schärfe wiedergeben. Dazu eine ruckelfreie Grafik, die Sehenswürdigkeiten auf der Strecke in opulenter 3D-Optik einblendet. So wie das Motorrad-Navigationssystem Crocodile von Becker, eine der führenden Marken in der Fahrzeugnavigation, welches zu einem Kampfpreis von unter 300 Euro angeboten wird. Inwiefern Becker damit allerdings den doppelt so teuren Platzhirschen von TomTom und Garmin Konkurrenz machen kann, bleibt fraglich. Noch fehlen wichtige Features, allen voran eine stabile Halterung fürs Bike. Und auch bezüglich Wetterschutz besteht beim Crocodile noch Handlungsbedarf. Mit seinem Spritzwasserschutz ist es jedenfalls wenig geeignet, einen Regenschauer bei Tempo 100 schadlos zu überstehen.

TomTom hat diese Lernphase erfolgreich gemeistert und mit dem Rider 2 häufig kritisierte Schwachstellen des Vorgängermodells ausgeräumt. Auch hier waren zunächst mangelnder Nässeschutz und eine schwache Halterung das Problem. Aktuell ist die Dockingstation für das Rider-2-Navi das beste Originalsystem am Markt und sorgt gleichzeitig dafür, dass auch die Stromversorgung des Geräts stabil läuft. Wer einen soliden Straßennavigator sucht, ist mit dem TomTom bestens bedient. In Sachen Wetterschutz gab es bei den ursprünglich aus der Marinenavigation stammenden Garmin-Geräten noch nie wirklich Probleme. Noch dazu können sie mit einem reichhaltigen Bonusset für all jene aufwarten, die mehr als einen reinen Straßennavigator erwarten. Erfahrene Anwender werden beim Zumo 550 vor allem seine vielfältigen Funktionen bis hin zur Offroad-Navigation oder Routenaufzeichnung schätzen. Wobei es im Vergleich zur Konkurrenz von TomTom sowie Becker mittlerweile etwas angegraut wirkt und bei Darstellung (ohne Fahrspurassistent) und Leistungsmerkmalen (ruckelnder Seitenaufbau, stockende Sprachanweisungen) Schwächen offenbart.

Was das Nachfolgemodell Zumo 660, das in Kürze auf den Markt kommt, alles besser kann, muss sich zeigen. Interessant bleibt das 550er dann für alle Preisfüchse, die auf der Suche nach einem Schnäppchen sind. Das mit dem „Nie mehr verfahren“, das haben die Hersteller so langsam auf dem Kasten. Dass es dabei für Motorradfahrer auch noch gilt, die schönsten Strecken zu wählen, daran müssen sie noch feilen.

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