100 Jahre MOTORRAD: Editorials der Chefredakteure 1903 - 2003 (Archivversion) Die Schnelllebigkeit der Moderne

Als Grass hoch gelobt, aber kaum noch gelesen wurde, kämpften die Chefpoeten von MOTORRAD gegen ein Ungemach, das etwas anders lag: Sie wurden nur dann hoch gelobt, wenn ihre Dichtung viel gelesen oder zumindest gut verkauft wurde. Vor allem Letzteres, orakelte 1985 Redaktionsdirektor Ferdinand Simoneit. Der gab dem neuen Chef Hans Joachim Nowitzki Folgendes mit auf den Weg: »Sicher eine der schöpferischsten Tätigkeiten der Welt, in der man Erfolg - wie ein Bundesliga-Trainer - haben muss.« In dieser Verpflichtung erinnerte sich Nowitzki an eines der Erfolgsrezepte aus früheren Zeiten – Ironie: »Gebt mehr Gas, vergesst alles, was Ihr über die Sicherheit im Straßenverkehr gelernt habt, stürzt Euch ins Risiko. Die Ärzte... werden’s Euch danken.« Die deutschen Chirurgen hatten sich anlässlich der Einführung des Stufenführerscheins darüber beklagt, dass ihnen die jungen Spenderherzen wegbleiben. Friedhelm Fiedler dagegen leitartikelte ab 1989 mit viel Herz für den Stufenführerschein und auf einem bis dato nicht gekannten sprachlichen und inhaltlichen Niveau: »Dieser lemminghafte Zugzwang zum Elefantösen ist ein Irrweg... Ich selbst bin mit einer Honda Dominator Enduro mit 27 PS unterwegs gewesen. Da kam kein Wunsch nach mehr Leistung auf.« Aber es kam mehr Leistung. Und es kamen Hayabusa und Walter Gottschick, er 1996, sie auf 300. Das brachte die Boulevardpresse in Fahrt, desgleichen Gottschick. Denn auch ihm war es ein Herzensanliegen, Motorradfahrer vor Diffamierung und Vorurteil zu schützen: »Viele Motorräder mit weniger PS fordern vom Fahrer mehr als die an sich gutmütige Hayabusa.«Ein abermaliger Geisteswandel funkelt zwischen den Zeilen der Editorials, die ab 1999 Michael Pfeiffer dem größten Feind des armen Poeten, dem Comic auf der vorletzten Seite, entgegensetzte: »Meine Freude, als ich zum ersten Mal mit meinem frisierten Mofa die 60-km/h-Grenze überschritt, kann mir keine Hayabusa bieten.« Nur eine Ducati, Aprilia oder MV: »Sonntagmorgen, die Sonne lacht in die Wohnung, vor der Tür lockt eine interessante Maschine, und Muße ist vorhanden, eine Herbstausfahrt zu starten.« Wenn da nur nicht die leidige Pflicht wäre, noch ein Editorial zu verfertigen. Armer Poet.In voller Länge zu goutieren sind einiger Meilensteine des MOTORRAD-Leitartikelwesens im Internet unter www.motorradonline.de.Dort findet sich ein Link auf 100 Jahre MOTORRAD.

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