100 Jahre MOTORRAD: Editorials der Chefredakteure 1903 - 2003 (Archivversion) Von Wirtschafts- und anderen Wundern

Als Böll sich daran machte, die Doppelmoral der Nachkriegszeit zu entlarven, übte auch Gussi den Neuanfang. Ihm aber schien es 1949 wichtiger, das gewissenhafte Einfahren neuer Maschinen anzumahnen als das Einüben neuen Denkens. Lange Zeit blieb ihm zum Üben ohnehin nicht mehr. »Worte erscheinen da allzu billig. Wozu Nachruf?« fragte 1950 Carl Hertweck, Müllers Nachfolger. Der stets darauf bedacht war, den Motorradler vor dem spezifisch deutschen Untertanengeist zu warnen, in epischer Breite, mit aller gebotenen Polemik und - Achtung! - sogar mit Ironie: »Es ist unwichtig, selbst zu denken - Pferde haben eh die größeren Köpfe - man tut, was befohlen ist.« Bisweilen entflossen Hertwecks Feder sogar Beinahe-Aufrufe zu offener Rebellion und Straßenkampf: »Der deutsche Verkehr ist nur noch mit Eisensäge und Teerpinsel zu kurieren, indem man 90 Prozent alles dessen absägt und zudeckt, was eifrige Schreibtischsitzer in den letzten Jahren verbrochen haben.«Bevor Hertweck zum Revolutionsführer aufsteigen konnte, wurde er vom bedächtigen Ingenieur Siegfried Rauch abgelöst, der als Chefredakteur von 1958 bis 1976 die Auflage von gut 30 000 auf fast eine Viertelmillion steigerte. Doch auch er fuhr keinen Schmusekurs: »Unsere Leser kaufen das MOTORRAD..., weil sie wissen möchten, ob das, was ihnen selbst am Herzen liegt, worüber sie sich selbst empören, was sie selbst beunruhigt ..., wenigstens an dieser einen Stelle unverblümt ausgesprochen und höhergehängt wird.« Es wurde. Und so konnte Rauch Ende der Sechziger stolz vermelden, das Motorrad, zu Anfang der Dekade noch als »Auto des kleinen Mannes« verschrien, sei »als Fahrzeug des Individualisten und als hochinteressanter Teilbereich moderner Kfz-Technik anerkannt und aufgewertet«. Doch dann fuhren sich so viele junge Wilde um Kopf und Kragen, dass fast jedes Mittel recht war, den angeknacksten Rüben nicht noch ein angeknackstes Image folgen zu lassen. Helmut Luckner versuchte es gar mit vorauseilendem Gehorsam. Als 1978 der andere Helmut, nämlich Schmidt, die Nachrüstung durchpeitschte, solidarisierte sich der Helmut von MOTORRAD mit den Tausenden auf der Straße. Wenn er auch eine andere Art von Abrüstung im Sinn hatte – Selbstbeschränkung der Industrie, auf dass nicht »ein Bonner Bürokratenstreich droht: die Motorleistung zu begrenzen«. Karl Mauer, Chef von 1983 bis 1985, sah die Chose im Prinzip ebenso.

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