100 Jahre MOTORRAD: Herstellung (Archivversion) Schwarze Kunst

Der Rückblick auf 100 Jahre MOTORRAD enthüllt auch einen revolutionären Wandel bei der technischen Herstellung von Zeitschriften.

Morgens um neun. Die Welt noch in Ordnung? Von wegen: Layouts? Texte? Schlechtwetterlage! Anzeigenumstellung! Wo ist die Bildpro-duktion? Terminverschiebung! Fast jeden Tag müssen in der Redaktionskonferenz die Produktionspläne neu geordnet werden. Und jedes Mal sind etliche Hürden zu überwinden, damit MOTORRAD alle 14 Tage pünktlich, korrekt und inhaltsschwer beim Leser landet. Hatten die Kollegen der Erstausgabe 1903, die als Nachdruck diesem Heft beiliegt, mehr mit den damaligen begrenzten Möglichkeiten bei der Herstellung eines Blattes zu kämpfen, so muss die Redaktion heute höchst flexibel bei der Heftproduktion sein.Die Zweirad-Autoren der letzten Jahrhundertwende produzierten mit einigen freien Mitarbeitern durchschnittlich 20 Seiten pro Ausgabe, heute erarbeiten rund 50 MOTORRAD-Mitarbeiter jähr-lich 2800 redaktionelle Seiten – allein das vorliegende Heft bringt es auf über 200. Prall gefüllt. Drei bis vier Ausgaben werden parallel geplant, layoutet, geschrieben, produziert. In der Endphase von Heft 17/2003 ist zum Beispiel schon der Themenplan für Ausgabe 20/2003 vorbereitet. Anders als heute begleitete Anfang des letzten Jahrhunderts allein der Schriftsetzer die Heftseiten. Vom Erfassen im Bleisatz über die Platzierung der Bilder bis zur Druckvorbereitung. Später ließ man die auf der Schreibmaschine erstellten Manuskripte von einer Setzerei als »Satzfahne« (Text in gewünschter Spaltenbreite abgesetzt und angedruckt) erstellen und fertigte damit in der Redaktion ein Papierlayout. Mit dem Layout ging die korrigierte Satzfahne zurück zum Setzer, der dann den Ganzseitenumbruch machte – ganz früher im Blei-, ab den 70er Jahren im Fotosatz. Seit Mitte der 90er Jahre werden die Seiten komplett in der Redaktion mit allen Layout-Elementen digital am Computer erstellt.Die gesamte Heftsteuerung läuft bei MOTORRAD seit 1994 über ein auf einer Datenbank basierendes Redaktionssystem, das alle produktionsrelevanten Daten verwaltet und zusätzliche Datenbanken – etwa für die vollständigen Messwerte der getesteten Motorräder – umfasst. Alles im Interesse optimaler Arbeitsabläufe, denn – das ist im Zeitschriftengewerbe ehernes Gesetz – nur sorgfältige Arbeitsvor-bereitung und ebenso konsequente wie früh einsetzende Planung bilden den Grundstein für eine qualitativ hochwertige Zeitschrift. Aus diesem Grund müssen Fotografie, Layout, Text und Satzherstellung so koordiniert und terminiert werden, dass sie mit der darauf folgenden Technik in Reproanstalt und Druckerei zusammenpassen und dadurch eine entsprechend hohe Qualität erreicht wird.Bei MOTORRAD beginnt heute die Planung einer Ausgabe zirka sechs Wochen vor dem Erstverkaufstag: Themenkonferenz, die einzelnen Ressortleiter unterbreiten ihre Vorschläge, zusammen mit der Chefredaktion werden Inhalte und Seitenumfänge besprochen, Heftstruktur und Autoren festgelegt. In Absprache mit der Anzeigenabteilung platziert die Produktionsleitung die Themen und Anzeigen zu einem Heftplan. Hier werden auch weitere für die Produktion wichtige Elemente wie Druckbogeneinteilung oder die Fremd- und Postkartenbeihefter im Anzeigenbereich mit aufgenommen. Ist der Heftplan festgelegt, wird danach ein redaktionsinterner Terminplan für die Abläufe erstellt. Für einen aktuell anzufertigenden Test sieht der natürlich etwas anders aus als für eine bereits produzierte Reisegeschichte. Und nicht selten stellt sich heraus, dass größere Sportstories komplett am letztmöglichen Produktionstag durchlaufen müssen – programmierte Überstunden für mindestens sieben Mitarbeiter, wenn’s dumm kommt, auch mal an einem Sonntag.Steht der Terminplan, geht’s für die Redakteure richtig los: Die letzten Testmotorräder besorgen, Fotografen buchen, mit der Grafik Bildideen entwickeln. Anschließend Foto- und Testfahrten, bei widrigen Witterungsverhältnissen, vor allem im Winter, können die schon mal bis nach Südfrankreich oder Spanien führen. Alles unter Zeitdruck und nicht mit drei Wochen Urlaub im Gepäck. Zurück in der Redaktion, heißt es Fotos sichten, mit dem Grafiker Layout und Textmenge diskutieren. Der will mehr Bilder, der Redakteur mehr Text, immer dasselbe Spiel. Ein so genanntes »Blindlayout« entsteht, in dem statt eines Textes einfach Blabla steht. So kann der Redakteur bereits nach genauen Mengenvorgaben schreiben, und die Reproanstalt startet bereits mit dem Feinbearbeiten der Bilder. Nicht selten übrigens, während die MOTORRAD-Testabteilung noch hinter Beschleunigungswerten und Leistungskurven herjagt.Das Layout steht. Noch etwas Feintuning an der Textlänge, Bildunterschrif-ten verfassen, Kleinkram. Das gesamte Manuskript mit sämtlichen Datenkästen erlebt seine Stunde der Wahrheit, durchläuft bis zur endgültigen Freigabe diverse Korrekturstadien, vom Ressortleiter bis zum Chefredakteur. Nun werden in der DTP-(Desktop Publishing-)Satzabteilung die Blind- durch Originaltexte ersetzt und der umbrochene Artikel nochmals auf Korrekturreise geschickt. Endlich druckreif, gehen die Seiten per Datenfern-übertragung an die Repro, wo Grobbilddaten gegen vorher bereits bearbeitete Feindaten ausgetauscht werden. Zum Schluss wandern alle Enddaten zusammen mit den Anzeigen per Datenleitung in die Druckerei, um dort digital zu Druckbögen zusammengestellt und direkt auf Druckzylinder graviert zu werden. Der Fortdruck kann beginnen.Je nach Umfang besteht eine MOTORRAD-Ausgabe aus drei bis vier Druckbögen – drei bis vier riesige Papierberge. Hübsch ordentlich geheftet, verpackt und nach Postleitzahlen sortiert, sieht die Sache schon übersichtlicher aus. Dann geht’s ab in den Lkw und fern, schnell, gut quer durch Deutschland bis zur nördlichsten Verkaufsstelle nach List auf Sylt sowie Oberstdorf im tiefen Süden. Knackfrisch und pünktlich alle 14 Tage.

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