100 Jahre MOTORRAD: Historie und Chronik (Archivversion)

In Wort & Bild

Breslau, Matthias-Strasse No. 29. Im Druck- und Verlagshaus Paul Förster fällt die Entscheidung, eine »illustrierte Zeitschrift für die Gesamtinteressen der Motor-Radfahrer« herauszugeben. Ein mutiger Plan, denn 18 Jahre nach Gottlieb Daimlers Erfindung sind in Deutschland kaum 2000 Krafträder unterwegs. Förster und seine Redakteure jedoch glauben an »eine neue große Industrie«Am 4. Oktober – ein Sonntag – erscheint unter der Schriftleitung des Herrn Richard Koehlich die erste Ausgabe von »Das Motorrad«. Preis: 20 Pfennig. Verkaufte Auflage: 500 bis 750 StückEs läuft. Über Verbände, Restaurants, Clubs und Cafés bringen Koehlich & Co. ihr »Spezialorgan« alle 14 Tage unters Volk. Und sind nicht allein: Mehr als 6500 Zeitschriften werben im Wilhelminischen Reich um die Gunst der Leser. Heute hält der Markt rund 5000 TitelEin Tag vor Heiligabend, bevor im fernen Amerika die erste Radiosendung der Welt über den Äther geht, erscheint die 85. und vorläufig letzte Ausgabe von »Das Motorrad«. Deutschland fährt jetzt Auto! »Die Motorradfabrikation hat sich in eine Sackgasse verrannt«, pfeilt mit immer schnelleren, schwer zu fahrenden Sportgeräten am Publikumsgeschmack vorbei. Förster zieht die NotbremseNeuer Name, volles Programm: Es lebe »Das Automobil« – zu Jahresbeginn aus der Taufe gehobenes »Gemeinschaftsorgan für Motorrad und Motorwagen«. Einzelnummer: 30 Pfennig. Garantierte Auflage: 8000Drei Monate später ändert Förster den Titel erneut: »Das Automobil« heißt fortan »Der Motor« – auf dass sich die Zwei- und Dreiradler nicht ausgegrenzt fühlenSarajevo, Attentat auf Franz Ferdinand, Juli-Krise, Erster Weltkrieg: vier Jahre und drei Monate blankes Entsetzen, zehn Millionen Tote – und keine Spur mehr vom »ältesten Kontinentaljournal für Motorräder und den kleinen Wagen«Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts überlebt, versucht ein kleines Häuflein tapferer Enthusiasten »Das Motorrad« zu reanimieren. Leider ohne großen Erfolg, obgleich das Kraftrad »als billiges Vergnügen« in der Weimarer Republik seinen zweiten Frühling erlebtÜbernahme des Titels durch den Verlag Georg Koenig, Berlin, Georgenkirchstraße 22. Verantwortliche Schriftleitung: Dipl.-Ing. Paul Friedmann, der das kränkelnde »Fachorgan« zur reichsweit größten Spezialzeitschrift umoperiert»Jeder 62. deutsche Staatsbürger ist bereits Besitzer eines Kraftfahrzeugs geworden«, freut sich Friedmann im Editorial vom 13. Oktober. Jeder 141. fährt sein eigenes Motorrad. Die Kraftfahrt brummt, »Das Motorrad« auch. Zum Jahreswechsel stellt Verleger Koenig die Erscheinungsweise von 14-täglich auf wöchentlich umVorbei, der Riesenreibach mit Motorrädern. Die Produktionszahl schmiert von 160000 Maschinen per anno auf 36000 ab. Des ungeachtet bleibt »Motorrad« am Ball – alle acht Tage ein frisches Heft für 0,35 RMFriedmann ist weg. Statt dessen Gustav »Gussi« Müller, der die »geistige Leitung des Blattes« übernimmt. Nichtarier haben als Journalisten keine Chance mehrEs passiert am 3. Februar: Hitlers Porträt formatfüllend auf dem »Motorrad«-Titel. Gute Nacht DeutschlandDreieinhalb Jahre nach Kriegsbeginn, am 20. März, wird der Titel eingestelltBonn wird zur Bundeshauptstadt gewählt, die Sowjets heben die Berlin-Blockade auf, München feiert Oktoberfest: Langsam rappeln sich die Deutschen wieder auf. Unter ihnen Paul Pietsch, Mitbegründer des Motor-Presse Verlags, der für 3000 Mark die Rechte an »Motorrad« kauftIm Sommer liegt »das MOTORRAD« Nummer 1 am Kiosk. 24 Seiten für eine Mark. Titel-Schlagzeile: »NSU-Maschinen sind gut.« Na dann...Und wer steht wieder ganz vorn an der Spritze? Gustav Müller, Chefredakteur. Bis dahin Schreiberling bei der Zeitschrift AUTO (heute »auto motor und sport«), die Paul Pietsch bereits 1946 ins Leben gerufen hatteAlle 14 Tage nagelt die Motor-Presse ein neues MOTORRAD zusammen und landet mit einer verkauften Auflage von bis zu 60000 in für damalige Verhältnisse un-geahnten Höhen. Am 1. Oktober zieht der Verlag aus Freiburg ins Automobil-Mekka Stuttgart. Wirtschaftswunder, jawohl, wer wagt, gewinnt. Und sie trauen sich einiges, die Herren Pietsch und Troeltsch, deren ursprünglicher Plan – nämlich durchs Zeitschriften machen ihren Rennsport zufinanzieren – zusehends aus der Balance gerät: Sie steuern schnurstracks auf eine Karriere als Großverleger zuDeutschland im Rollerfieber. Vespa, Heinkel, Zündapp, Lambretta...Die Neu-zulassungen stiegen binnen sechs Jahren von 6500 auf 95500 per anno. MOTORRAD reagiert, erscheint ab Heft 11 mit dem Untertitel »der Roller«Begrüßen Sie ROLLERei und MOBIL – die beiden neuen Zeitschriften aus dem Motor-Presse Verlag. Derweil geht’s mit MOTORRAD ziemlich bergabKrafträder, inzwischen als »Automobil des kleinen Mannes« verschrien, sind megaout. So dümpelt die Auflage bei 40000 herum. Carl Hertweck, seit Heft 8/1950 in der Rolle des Chefschreibers, nimmt seinen Hut. Ingenieur Siegfried Rauch kommtMOTORRAD am u. T. – der Motorrad-Markt auch. Keine Neuheiten, keine Fantasien, kein gar nichts. Abgehalftertes Zweitakt-Gerümpel, so weit das Auge reichtImmer noch ganz unten: 30000»Boom!« Endlich, es geht wieder voran. Ausgelöst durch eine viertaktende Japanerin namens Honda CB 750 Four. Zack, die Auflage bei 55700Zack: knapp 100000Hurra! Eine Viertelmillion – übers Jahr gerechnet, versteht sich, mit Spitzenheften, die bei 300000 lagen. Damit geht der alte Rauch als erfolgreichster MOTORRAD-Chefredakteur in die Annalen einAls hätte es eine solche Initialzündung gebraucht, schubst der Verlag das längst lästig gewordene »DAS« vom Titel. MOTORRAD ist ab sofort MOTORRAD – basta!Wir leben noch – und das ist gut so!
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Sechs ausgelassene Motorrad-Leser zu Besuch bei Seiner Majestät dem König von Sachsen. Motorradeln ist eine würdige Angelegenheit Anfang des 20. Jahrhunderts, Huldigungsfahrten stehen hoch im Kurs

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»An die verehrlichen Leser! Durch besondere Umstände veranlasst, sehen wir uns gezwungen, eine vollständige Reorganisation der Zeitschrift vorzunehmen.« Nach »Motorrad« kräht kein Hahn mehr. Förster ändert den Titel in »Das Automobil«, dann in »Der Motor“

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»Zum ersten Male ist am Sonntag ein Motorrad-Fußballspiel ausgetragen worden... Das Zusammenspiel der Mannschaften ließ auf beiden Seiten stark zu wünschen übrig und sowohl Spieler als auch Spielleiter waren sich oft über die Regeln nicht ganz einig“

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1928

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Der wohl schönste Titel in der 100-jährigen Geschichte von MOTORRAD – so schön, dass sich Verleger Georg Koenig gar nicht mehr davon trennen wollte. Dreieinhalb Jahre und 182 Ausgaben lang zierte er die »illustrierte Fachzeitschrift für Motorradbau und -Sport“

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Service Praxis: »Zum paradieren, besser gesagt protzen, ist die Kleidung nicht gedacht... Äußerst wichtig ist eine gute Kopfbedeckung. In der Regel wird die Fahrermütze, die Haare und Ohren schützt, gewählt. Im Winter nimmt man eine pelzgefütterte Mütze“

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Brösels Vorläufer. Mit 16 Zylindern »gehen die Franzosen dem Weltrekord zu Leibe«. So stellte sich das jedenfalls der Zeichner Christian Christophe zu Beginn der 30er Jahre vor

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»Vilma! Wild riß er sie an sich. Seine Lippen brannten auf ihren bleichen Mund... Eine Liebesnacht machte Thomas Weiland wieder zum Menschen.« Aus der 12. Folge des Fortsetzungsromans »Der PS-Narr« von Fred Petermann – exklusiv in »Das Motorrad“

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»Stürze über allerlei Haustiere, wie Hunde, Hühner, Gänse« vermiesen in Pioniertagen die Fahrt. Hoffnung naht durch den Reuss’schen Hundefänger der Firma A. Böhm. »Am Rade montiert, erfüllt er ungefähr den Zweck des Schienenräumers einer Lokomotive“

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Ernst Henne raste 1929 mit 216 Sachen zum Welt-rekord. Den wollte der Engländer C.T. Atkins (Foto) brechen. Es klappte nicht. »Das Motorrad« meint: »Man beachte die eigenartige Sitzposition“

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Der 1000-Punkte-Test anno dazumal: »Beim Aufbocken war der schöne Fischschwanz etwas hinderlich.« Die Bremsprüfung endete in der Mauer. »Als dann der vierte Nippel ausriß, gaben wir die weitere Prüfung auf“

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»Großer Abo-Wettbewerb. Keine Lotterie! Kein Glückspiel!« Wer Langzeitleser warb, bekam Punkte. Und für deren 35 gab’s die Nummer 12, Luftreisekoffer aus Vollrindleder, für 205 eine NSU Fox

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Das MOTORRAD – wie immer brandaktuell. »Heutige Preise«, nicht die von gestern. In-teressant auch, dass BMW schon damals voll auf Sicherheit setzte: Alle Modelle waren serienmäßig und ohne Aufpreis komplett mit Licht ausgestattet, vorn und hinten. Aus Freude am Fahren auch nächtens

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Triumphaler Empfang: Nach »unendlichen Mühsalen« erreichte die Motorrad-Weltreisende Hanni Köhler im Oktober Berlin. MOTORRAD druckte die Erlebnisse der von Malaria gebeutelten Köhler exklusiv ab

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»Genau 100 km/Std. Schnitt erreichte ich im schweren, schlecht anliegenden Ledermantel über den Kilometer mit stehendem Start.« Tester Hans-Werner Bönsch über die erste Nachkriegs-BMW, die R 51/2

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Die Umstellung auf achttägliche Erscheinungsweise brachte manchen Gewinn: »Freunde des Humors werden durch ‚Das lachende Motorrad’ frohe Stunden verbringen und die Rätselecke...“

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Doch als er an den Lenker wollte,das Mädchen ihm auf einmal grollte.Bevor ich sitze hintendrauf,zieh’ Leine, boy, hak’s ab und lauf!Denkbare Fortsetzung im Jahre 2003

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Eigentlich ein erfreulicher Anblick für eine Motorradzeitschrift, diese zwei Fotos. Doch die Amerikanisierung der Republik war nicht mehr zu stoppen. Nicht mal von MOTORRAD

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Benzin nur noch für Panzer. Also rüstet der Biker sein Vehikel auf Dampfbetrieb um und kariolt mit der Axt in den Wald, um zu tanken

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Erster Titel nach dem Krieg unter dem neuen Verleger Paul Pietsch. »Da dieses Heft vorverlegt wurde, erscheint das nächste MOTORRAD etwa am 20. August 1949. Bitte geben Sie sofort Ihre Bestellung auf!“

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Carl Hertweck, Chef, mit den zwei wichtigsten Arbeitsmitteln eines Redakteurs. Das eine wurde von der Technik revolutioniert, das andere nicht

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»Das MOTORRAD testet...« Mit Leistungskurve, Beschleunigungsdiagramm und allem Pipapo. Zuvor »prüfte« man die Ma-schinen oder »fuhr« sie oder »wärmte sie auf“

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Boulevard ist überall, auch in MOTORRAD. Weil Biker doch irgendwie auch nur Menschen sind – außer Ago, der ist wie Gott

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Neues aus der Marktforschung: »Rund um den Erdball liest man DAS MOTORRAD. In Indien, Indonesien, Israel, Japan, Neuseeland, Pakistan, Persien...“

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Schluss mit der Schwarz-Weiß-Malerei: Zur IFMA 1968 bringt Kreidler mit einem vierseitigen Beihefter zum ersten Mal richtig Farbe ins Heft. Bis dato wurde – wenn überhaupt – ausschließlich koloriert

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Noch ein Knüller aus der Abo-Abteilung: die MOTORRAD-Jacken mit poppigem Rücken-Design

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Der gelbe Schal: Seit den 60ern DIE Abo-Prämie überhaupt. Gibt warm und »am Lenkrad angebracht« Signal, wenn einer ’ne Panne hat. Ähm – wo war noch mal das Lenkrad?

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Auch das: Geschichte. Halbnackte Damen als verkaufsfördernde Maßnahme. Hier für Dr.O.K. Wack und den S100 Motorrad-Totalreiniger

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MOTORRAD! Immer einen Schritt voraus: Achter-Vergleich mit neun Motorrädern. In Farbe! Die anno ’78 bei der Motor-Presse noch Mangelware war

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Test goes frechwärts: »Kann das Ding auch Kurven fahren? Wenn du Zeit genug hast...Und Vollgas? Frag nicht – laß es“

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Wir können auch anders: investigativer Journalismus in den 90ern. Blickpunkt-Themen, die polarisieren – der Stoff, den Chefredakteur Friedhelm Fiedler liebt

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Unvergessen, die Service-Aufmacher des Kollegen Herder. Heute arbeitet der Mann bei – na wo wohl? – der Zeitschrift mopped!

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Blick zurück nach vorn: MOTORRAD wird sentimental, eröffnet die Rubrik Impressionen – »für all die unsterblichen Maschinen, die heimatlos durch unsere Erinnerung geistern“

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