100 Jahre MOTORRAD: Maschinen und Mythen (Archivversion) Der Mythos der Geschwindigkeit

Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Aber Geschwindigkeit ist Rausch, ist Glück, ist Mythos. Vor der Klappe des Säbelzahntigers gewann sie schon zu Urzeiten existenzielle Bedeutung. Zu langsam? Katzenfutter. Das gibt es längst in Dosen. Was am Mythos der Geschwindigkeit nicht rüttelt: Wer zu langsam ist, wird eingedost. Woraus Suzukis Hayabusa mythische Qualitäten bezieht. Die erste über 300. Wahnsinn? Nein. Existentielles Vergnügen. Grenzerfahrung. Aber wo? Morgens um fünf auf der Autobahn, da könnt’ ich mal... Könnt’ ich wirklich? Unerheblich, solange ich daran glaube. Und ohne den Glauben funktioniert der Mythos nicht. Auch nicht der von der Geschwindigkeit. Dieser Glaube, er tut sogar bessere Dienste als das Wissen, weil freier interpretierbar. Konkret: Der Traum vom Rausch bei 300 berauscht mehr als die Erkenntnis, wie eng die Spur schon bei 280 wird. Außerdem: einmal ausprobiert, für immer entmystifiziert. Nichts ist schöner als die Vorstellung, die nicht von der Realität eingeholt wird. Umso bedauerlicher, dass die Industrie sich von veröffentlichter Meinung einbremsen ließ und die mystischen 300 vom Tacho strich. Sei’s drum. Am Prinzip ändert sich nichts: »Es ist stets besser, aus einer Kanone geschossen, als aus einer Tube gequetscht zu werden. Das ist der Grund, Leute, weshalb Gott schnelle Maschinen schuf.« Glaubensbekenntnis von einem, der selbst lieber auf die Tube drückte, als sich aus selbiger quetschen zu lassen: Hunter S. Thompsons Hommage an die Vincent Black Shadow, Hayabusa der Fünfziger. Als der Rest an der magischen 100-Meilen-Marke knabberte, hätte die Vincent die Straße schon mit 190 unter sich wegfressen können. So es eine solche Straße schon gegeben hätte. Britische Tester jedenfalls kapitulierten vor Black Shadows Topspeed, über die es nur ein »not yet tested«, noch nicht getestet, zu vermelden gab. Was den Mythos Vincent ins Unendliche beschleunigte. Und manche Fahrer ebenfalls. »Wenn man die beliebig lange mit Höchstgeschwindigkeit fuhr, war man mit ziemlicher Sicherheit tot.« Deswegen, so Thompson, »gibt es so wenige lebende Mitglieder im Vincent Black Shadow Club«. Ein schnelles Motorrad ist eben doch ein himmlisches Vergnügen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel