100 Jahre MOTORRAD: Maschinen und Mythen (Archivversion) Der Mythos grenzenloser Freiheit

Die Freiheit ist kein einfaches Geschäft. Für manche aber ein einträgliches. Für Harley-Davidson etwa. Mythos von Freiheit aus einem Land, das dafür sogar mal eine Statue aufgestellt hatte. Die allerdings von den Franzosen gestiftet worden war. Vom »alten Europa«, wie man drüben heute despektierlich sagt. Zeiten gab’s, da stand Harley tatsächlich für Werte, für die die Statue schon in den Sechzigern nicht mehr die Fackel gen Himmel reckte. Für die Freiheit, nicht angepasst zu sein, nicht smart, nicht erfolgreich. Mittlerweile - Visa, die Freiheit nehm’ ich mir - darf zumindest der Erfolg nicht fehlen. Denn für Werte steht Harley immer noch. Bilanzwerte. Und für die will die Company die Freiheit dieses Jahr über eine Viertelmillion mal verkaufen. Das schaffte MZ selbst zu besten Zeiten nicht. Obwohl die Freiheit auf der Emme nicht minder erstrebenswert war. Im Osten gab’s für viele kaum eine andere. Aber auf der 250er konnte man zumindest Trabbi und Wartburg hinter sich lassen. Wenn auch sonst nichts. Weil am Vorhang, dem eisernen, wieder Schluss war. Für den Fahrer, nicht die Maschine. Neckermann machte es möglich. Der Versandhauskönig brachte die Sachsen-Harley über die Grenze, in den Katalog und unter die Laternen vor den Wohngemeinschaften. Wo anarchische Chaoten hausten, die sich dem Konsum verweigerten, bevor sie ihn sich leisten konnten. Die sich im Bewusstsein auf höherer Ebene wähnten, gerade weil ihr Sein von der Masse belächelt wurde. Genauso wie ihre MZ. Sie ließ die Fahne des Sozialismus sogar in Winsen an der Luhe und Vilshofen durch die Straßen wehen. Und sie befreite vom Zwang, es noch zu was bringen zu müssen. Beispielsweise einem Opel Kadett, mit dem sich so prima nach Rimini zuckeln ließ, in die große weite Welt. Die allerdings noch größer und weiter war, solange der Weg zum Baggersee noch zur Reise ausartete. Mit fünfzig Kubik, auf der Florett. Die Kreidler machte Halbstarke zu Männern, auch wenn der Bart erst Jahre später sprießen wollte. Ohne war’s windschlüpfiger, sowieso. Sagenhafte 5,3 PS, das hieß Freiheit. Die grenzenlose Freiheit, allem und allen davonfahren zu können. Es sei denn, die Verfolger fuhren auch Florett.

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