100 Jahre MOTORRAD: Maschinen und Mythen (Archivversion) Der Mythos von Sieg und Ruhm

Jeder kennt die Story vom kleinen David, der Goliath einen Stein gegen die Birne schleuderte und so den übermächtigen Riesen fällte. Und fast jeder kennt die Geschichte vom tapferen Kevin, der, auf unterlegenem Material, aber mit Todesverachtung sich zum Weltmeister slidete. Solche Sieger sind Helden, nutzen sie doch eine Chance, die sie gar nicht haben. Sie werden zum Mythos, weil ihr Erfolg nicht nur in nüchterner Chronik steht, sondern in den Herzen aller lebt, als Triumph. Sie vollbringen, worauf alle warten: das Unerwartete. Der erwartete Sieg hingegen, er bringt nur einen Lorbeerkranz, der nach kurzer Zeit verstaubt. Es sei denn, die Erwartung wird wieder und wieder bestätigt. Weshalb jeder die Geschichte von Herkules kennt, der in der Antike alles und jeden platt machte. Weil eben nicht der einzelne Sieg ewigen Ruhm bringt - Rekorde müssen es sein. Weshalb fast jeder die Geschichte von MV Agusta kennt, eine Geschichte von Rekorden für die Ewigkeit. Insgesamt 37 WM-Titel und 270 Grand-Prix-Siege. Rekord. Von 1958 bis 1974 wurde in der Königsklasse keiner Weltmeister, wenn er nicht MV fuhr. Rekord. Von 1958 bis 1960 hieß das Siegermotorrad in allen vier Klassen MV. Rekord. Zwischen 1966 und 1972 triumphierte bei den 500ern immer nur einer, Giacomo Agostini auf MV. Rekord. Immer noch. Obwohl MV sich vor mehr als einem Vierteljahrhundert schon aus dem Renngeschehen verabschiedet hat. Rechtzeitig. Bevor die japanischen Zweitakter den Ton angaben, die aber den Klang von MV bis heute nicht erreicht haben. Ein Klang, der 1999 wiederbelebt wurde. Nicht der Klang der Motoren, aber der des Namens MV und all dessen, was darin mitschwingt. Der Mythos eben, der Mythos von Sieg und Ruhm. Den die F4 spazieren fährt, ohne bisher auch nur einen Blumentopf gewonnen zu haben. Weil das Design hält, was MV früher versprach. Und weil das Unternehmen clever genug ist, die sportlichen Erfolge glorreicher Jahre wieder heraufzubeschwören. Nicht aber so vermessen, sie wiederholen zu wollen. Würde eh nicht klappen. Weil dann die schnöde Realität den schönen Mythos zu Schanden machte.

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